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Die kleine Unruhestifterin Alma (Carolina Michelangeli, links) bringt ihren Pfau zur Familienfeier.
© Real Fiction

„Das Pfauenparadies“ im Kino: Balztanz mit gespreizten Federn

Laura Bispuri erzählt ihr Familiendrama „Das Pfauenparadies“ aus der Vogelperspektive. Die Regisseurin etabliert sich als eine spannende Stimme im italienischen Kino.

Ein Wintertag am Meer in Ostia, Wind peitscht durch die Büsche. Laura Bispuris „Das Pfauenparadies“ beginnt mit einer klassischen Ausgangssituation: Eine Geburtstagsfeier führt eine Familie in der Wohnung der Mutter zusammen. Ein Dutzend Familienangehörige versammeln sich und ihre Konflikte am Esstisch.

Großmutter Nena (Dominique Sanda) stichelt gegen ihren Mann Umberto. An den beiden Seiten des Tisches: Sohn Vito (Leonardo Lidi) mit seiner Partnerin Adelina (Alba Rohrwacher) und Tochter Alma (Carolina Michelangeli), die chronisch Pleite sind; gegenüber Tochter Caterina mit ihrem Ex-Mann Manfredi. Von der Trennung der beiden weiß die Familie so wenig wie davon, dass die Frau, die mit ihrer Tochter bei Nena und Umberto wohnt, seit Jahrzehnten die Geliebte der Großmutter ist.

Zwei weitere Spielbälle fügt das Drehbuch, das Bispuri mit Silvana Tamma verfasst hat, dieser Konstellation hinzu: Vito und Adelina haben auf Almas Wunsch einen Pfau, den sie als Haustier halten, mitgebracht. Der Vogel erfüllt seine Pflichten für die Erzählstruktur zielstrebig. Er wandert durch die Wohnung und bleibt interessiert, aber etwas ratlos vor dem Bild einer Taube stehen. Der Pfau dreht dann den Kopf, spreizt kurz seine Federn und bietet sich so als Allegorie auf das Vorspielen heiler Fassaden beim Familientreffen an. Dabei macht er eine Vase kaputt.

Damit erreichen die Spannungen in der Familie einen ersten Höhepunkt. „Ich will nicht die Böse sein, aber er macht Unruhe. Oder bist Du anderer Meinung?“, zischt die Großmutter Vito an und verbannt den Vogel auf den Balkon. Der Pfau wird es auch sein, der den zweiten Ball ins Spiel bringt: Manfredis neue Partnerin Joana, die anfangs noch im Auto wartet. Mit ihr ist die Gemengelage aus alten und aktuellen Konflikten etabliert, die „Das Pfauenparadies“ wie ein Mobile in Bewegung halten.

Blick über den Tellerrand

Als Laura Bispuris Langfilmdebüt „Sworn Virgin“ 2015 im Wettbewerb der Berlinale lief, katapultierte der Film seine Regisseurin in die erste Reihe des europäischen Filmnachwuchses. Das Drama folgt Hana, die in den albanischen Bergen aufwächst und im Erwachsenenalter als Burrnesha, als geschworene Jungfrau, zu leben beginnt. Aus Hana wird Mark. Mark trägt Männerkleidung und schwört, auf sexuelle Beziehungen zu verzichten. Jahre später geht Mark nach Italien und entdeckt Hana wieder.

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Wie Bispuri der Migrationsgeschichte mit Fragen der sexuellen Identität durchwob, war ebenso originell wie der Blick über den Tellerrand der italienischen Produktionslandschaft. 2018 folgte „Meine Tochter – Figlia Mia“ über eine Neunjährige zwischen ihrer biologischen Mutter und der Frau, bei der sie aufwächst.

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Bispuri arbeitet mit einem festen Kern von Mitarbeiter:innen, unter anderem ist Kameramann Vladan Radovic von Anfang an dabei. Die Montage aller drei Langfilme besorgte Carlotta Cristiani, bei zwei davon zusammen mit Jacopo Quadri.

(In sieben Berliner Kinos, OmU)

„Das Pfauenparadies“ kommt konventioneller daher als Bispuris vorherige Filme. Das beginnt schon mit dem Setting des Familienfests. Das bürgerliche Gestichel und Nando Di Cosimos Cello-Musik lassen Schlimmstes befürchten. Bispuri bewahrt ihrem Film aber eine Leichtigkeit. was ebenso mit ihrem Gespür für Timing zu tun hat wie mit Alba Rohrwacher.

Es ist ihre dritte Arbeit mit Bispuri, und auch Adelina gehört wieder zu Rohrwachers besten Rollen. Adelina ist fragil, gläubig und etwas einfältig. Anfangs wirkt sie noch unsicher, will der Schwiegermutter gefallen. Den Spannungen steht sie hilflos, aber herzensgut gegenüber, meist flüchtet sie sich ins Schweigen. Ihre innere Bewegtheit bildet den Gegenpol zu den äußeren Familienkonflikten. Rohrwacher wechselt nahtlos zwischen den Facetten der Figur und gibt ihr die notwendige Präsenz, ohne jede Exaltiertheit. Wie ein Pfau spreizt Bispuris Film kurz die Federn für die Arthouse-Fassade, um sich dann uneitel, mit angelegten Federn in die Komplexität sozialer Beziehungen zu stürzen.

Fabian Tietke

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