Bamberger Antiquitätenmesse : Geheime Fächer

Altes atmet Geschichte: Die 23. Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen bieten kunsthandwerkliche Raffinesse, an der man sich kaum sattsehen kann.

Susanne Lux
Wunderkammer. Ein prachtvoller Augsburger Fassadenschrank aus dem 18. Jahrhundert (Kunsthandel Franke) und ein Bureau-Plat aus Paris (um 1760), auf dem unter anderem eine Stutzuhr von Leopold Hoys (Kunsthandel Wenzel) und eine kleine dänische Terrine stehen (Silberkontor Heiss).
Wunderkammer. Ein prachtvoller Augsburger Fassadenschrank aus dem 18. Jahrhundert (Kunsthandel Franke) und ein Bureau-Plat aus...Foto: Oliver Giel

In den alten Gemäuern und gotischen Gewölbekellern ist es betörend kühl. Doch das allein erklärt nicht, weshalb auch in diesem Jahrhundertsommer die Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen schon nach den ersten Tagen eine positive Bilanz ziehen können. Der Kunsthändler Christian Eduard Franke-Landwers etwa erzählt vom guten Start: „Wir haben bereits zwei Silberstücke an einen rheinischen Privatsammler verkauft, eine Kommode nach Oberbayern und ein Gemälde nach Nürnberg.“

Trotz der Hitze scheint das Interesse der Bamberger Besucher an alter Kunst ungebrochen. Das mag ein bisschen an den angenehmen Temperaturen jener historischen Häuser liegen, in denen die Bilder und Objekte präsentiert werden. Vor allem aber hat es mit der ausgezeichneten Qualität zu tun, die die Kunsthändler hier während der nahen Bayreuther Festspiele anbieten. Bei Franke-Landwers und seinem Partner Christoph Freiherr von Seckendorff fühlt man sich von Museumsstücken umgeben. Hier sind vier Möbelstücke aus der Roentgen-Werkstatt in Neuwied zu finden: ein um 1765 entstandener Pultschreibtisch mit Rocaillen- und Blumenmarketerie und eine kostbare Schatulle mit Geheimfach, gefertigt um 1755 - wie der Tisch von Abraham Roentgen. Sein Sohn David schuf 1780 ein klassizistisches Schreib- und Arbeitstischchen sowie um 1765 ein Eckhalbschränkchen mit Blumenintarsien in teils kolorierten Hölzern. Die Kunsthändler bieten letzteres für 64 000 Euro an.

Viele hochkarätige Stücke

Auch Matthias Wenzel, dessen Geschäft wenige Schritte entfernt liegt, hat bereits erste Verkäufe getätigt – so ein spätgotisches Lüsterweibchen „Anna Selbdritt“ und ein segnendes Jesuskind aus Mecheln aus dem frühen 16. Jahrhundert. Gotische Figuren und Lüsterweibchen zählen überhaupt zu den Spezialgebieten des Kunsthändlers. Doch es gibt bei ihm noch viele weitere hochkarätige Stücke. Berliner erkennen möglicherweise eine Bronzefigur wieder: den bekannten „Speerwerfer“ des Berliner Bildhauers Karl Möbius. Ein Abguss steht im Wilmersdorfer Volkspark an der Bundesallee. Der athletische Körper des Mannes ist gespannt, der Speer in der rechten Hand bereit zum Wurf. „Die Berliner Bronze ist der ’große Bruder’ unserer Plastik, die nach 1912 in Auftrag gegeben wurde“, sagt Wenzel. Der etwas kleinere, aber dennoch imposante Speerwerfer wurde in der Berliner Firma Heinze-Barth gegossen. Wenzel erzählt, dass die Figur 1944 eingeschmolzen werden sollte. „Doch das Kriegsende verhinderte glücklicherweise seine Zerstörung.“ Bis zu seiner Entdeckung lag der „Speerwerfer“ viele Jahre in einer Ostberliner Gießerei. Für 29 000 Euro bietet Wenzel die 181 Zentimeter hohe Plastik nun an. Zudem sind bei ihm mehrere qualitätvolle Gemälde zu finden – neben einer „Südlichen Hafenlandschaft in Dalmatien“ für 19 500 Euro des Berliner Malers Franz Heckendorf (1923) auch ein Werk des Berliners Bernhard Rode, das die Göttin Juno zeigt, die dem Aeolus den Auftrag gibt, die Flotte des Aeneas bei Lybien zu zerschlagen (15 500 Euro). Dieses Historienbild entstand 1754 und wurde von Rode signiert, der den Ideen der Berliner Aufklärung nahestand und ein Schüler von Antoine Pesne war. Vielleicht erklärt sich das große Angebot an Berliner Werken damit, dass Wenzels Vater, der das Geschäft in Bamberg vor über sechzig Jahren gründete, ursprünglich aus Berlin kam.

In diesem Jahr mit weniger Händlern als sonst

Die größte Neuigkeit hat in diesem Jahr der Kunsthandel Senger zu bieten. Er eröffnete eine Dependance gegenüber dem Stammsitz. In dem renovierten Gebäude aus dem 14. Jahrhundert kombiniert Walter Sengers Schwiegersohn Thomas Herzog nun Vintage-Möbel der fünfziger Jahre mit gotischen Skulpturen und Zeitgenössischem. Der Bilderzyklus „The Golden Ear“ des Inders Ratnadeep Gopal Adivrekar versteht sich als Hommage an Richard Wagner. Das sollte besonders die Festspielgäste interessieren. Im ersten Stock steht unter den Stuckdecken ein Altarretabel mit Marienszenen aus der ehemaligen Klosterkirche im Dorf Christgarten bei Nördlingen, das um 1480 entstand und dem Meister Paul Ypser zugeschrieben ist. Der Kunsthandel trug die Teile, die verstreut waren, wieder zusammen. Aber bei Senger ist auch noch eine andere Entdeckung zu machen: Ein seltener Prunk-Schreibtisch, der vermutlich aus Prag stammt. Er ist aufwendig furniert mit Hölzern vom Buchsbaum, Olive, Nussbaum, Nussbaumwurzel, Eiben- und Amarantholz. Der Korpus hat einen dreiteiligen Aufbau, mit vierschübigem Kommodenunterteil sowie einen prächtigen Aufsatz mit zwei Türen. Der gesamte Schreibschrank ist mit Intarsien aus verschiedenen Edelhölzern sowie mit Zinn, Messing, Perlmutt und durchgefärbtem Elfenbein verziert. „Das stellte höchste Ansprüche an die handwerklichen Fähigkeiten eines Möbeltischlers der damaligen Zeit“, erklärt Herzog. Der Kunsthändler öffnet die Türen des Schranks und offenbart das Innere. Man sieht Bücherfächer und mehrere kleine Schubladen, auf denen Aesops Fabeln in Intarsien dargestellt sind. Aber der Schreibschrank hat es in doppelter Hinsicht in sich: Hinter den Schüben verbergen sich noch Geheimfächer.

Man kann sich kaum sattsehen an der Fülle kunsthandwerklicher Raffinesse, die die Kunst- und Antiquitätenwochen bieten. Und doch sind es in diesem Jahr weniger Händler als sonst. Julian Schmitz-Avila widmet sich seiner Fernsehkarriere in der Sendung „Bares für Rares“, Gregor von Seckendorff zog es nach Berlin. Der Vielfalt tut das jedoch keinen Abbruch. Noch immer ergänzen Jugendstilglas (Glaserie Pusch), dänisches Silber (Julia Heiss), alte Kunst (Reinhard Keller) und feinstes Biedermeier das breite, Geschichte atmende Angebot.

Bamberger Kunst- und Antiquitätenwochen, Bamberg, bis 23.8., www.bamberger-antiquitaeten.de

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