Barbara Kruger bei Sprüth Magers : Konsumkritik in Capslock

Die Arbeiten von Barbara Kruger sind groß, im wörtlichen wie übertragenen Sinne, sie kritisieren und provozieren. Die Galerie Sprüth Magers widmet der New Yorker Künstlerin eine Ausstellung.

Jens Müller
Zeichenhaft. Blick in Krugers Ausstellung, die allein mit Schrift arbeitet.
Zeichenhaft. Blick in Krugers Ausstellung, die allein mit Schrift arbeitet.Foto: Sprüth Magers

Barbara Kruger ist nach Berlin gekommen. Barbara Kruger macht große Kunst. Nicht – das heißt: nicht nur – im übertragenen Sinn. In ihrer Stadt New York sind die führenden Galerien größer als manches Museum. Hier in Berlin dürfte mit dem Hauptraum der Galerie Sprüth Magers nur noch Johann König mit seiner Kunstkathedrale mithalten.

Kruger nutzt jeden Zentimeter nicht nur der Wand, sondern auch des Bodens. Überall stehen da in Schriftgrößen, die kein Textverarbeitungsprogramm mehr parat hat, ausschließlich in Versalien versteht sich, ihre in jeder Hinsicht plakativen … – nun, keine Slogans, darauf legt die Künstlerin Wert und nennt sie Texte. Da stehen also ihre Texte, springen einem ins Gesicht, zitiert nach Virginia Woolf: „You know that women have served all these centuries / as looking-glasses possessing the magic and / delicious power of reflecting the figure / of man at twice its natural size“. Die Schau hat sie natürlich lange vor #MeToo konzipiert.

Früher hat sie als Sekretärin gearbeitet

Barbara Krugers berühmtester Text – „I shop therefore I am“ – steht nicht in der Ausstellung. Sondern zum Beispiel: „I win / You lose / You win / I lose“. Barbara Krugers ätzende Aphorismen lesen sich nicht eben versöhnlich oder gar erbaulich. Als Grafikerin bei den Magazinen „Mademoiselle“ und „Vogue“ und „House and Garden“ hat sie in den sechziger Jahren angefangen, vorher hatte sie ihren Lebensunterhalt als Sekretärin verdient. Dass das auch mit Kunst ginge, hielt sie damals nicht für möglich.

Für das „New York Magazine“ hat Barbara Kruger vor einiger Zeit ein Cover designt mit einer eher unvorteilhaften Fotografie Donald Trumps und dem Wort „Loser“. Nicht weil sie dachte, er würde die Präsidentenwahl verlieren. Sondern weil sie wusste, dass er nichts mehr fürchtet, als für einen Verlierer gehalten zu werden. Von den New Yorkern von der Upper East Side mit ihrem alten Geld. Barbara Kruger mögen die New Yorker, wahrscheinlich halten sie sie für eine große Künstlerin. Jüngst durfte sie für die Stadt U-Bahn-Fahrkarten und einen Skatepark unter der Manhattan Bridge gestalten.

Feministisch und konsumkritisch

Kruger verbringt heute mehr Zeit in Los Angeles als in New York. Ein Künstler in L. A. zu sein, bedeute zu unterrichten, sagt sie. Sie lehrt an der renommierten University of California, nicht an einer privaten Kunsthochschule. Ihre Studenten sind Latinos, die Ersten in ihren Familien, die zur Uni gehen. Dass sie selbst nur kurz studiert hat, immerhin mit Diane Arbus als Professorin, darauf kommt Kruger immer wieder zu sprechen. Und darauf, dass sie in einem schwarzen Wohnviertel in einer Zweizimmerwohnung in Newark, New Jersey aufgewachsen ist bei Eltern, die „nichts“ hatten. Von dem Geld, dass sie als Künstlerin verdient, hat sie sich deshalb ein Haus gekauft, an dessen Wände sie nichts hängt oder schreibt.

Barbara Kruger sagt von sich selbst, sie sei „self-conscious“, gehemmt. Sie hat aber feste Überzeugungen, sagt auch, was und wen sie nicht mag: Noch weniger als Donald Trump mag sie die ganze Familie Bush. Menschen, die sich auf ihr politisches Gewissen berufen, Romantiker und Utopisten stehen bei ihr im Verdacht, Narzissten mit großer Erbschaft zu sein. Und so kritisch sie mit ihren Landsleuten ins Gericht geht – wen Barbara Kruger auch nicht leiden kann, sind Großkünstler europäischer Provenienz, diese „Mittler zwischen Gott und dem Publikum“. Kruger will keine „große Künstlerin“ sein. Sie macht aber nun einmal große Kunst. Mit großen Texten – deren Stoßrichtung als „feministisch“ und „konsumkritisch“ identifiziert wird. Kunst, die zu begreifen man keinen Doktor in Konzeptkunst braucht. Kunst ist für sie „kommentieren“, nicht „verkaufen“.

Barbara Kruger findet, dass kein Kunstwerk mehr als 1500 Dollar kosten sollte. Die Preise der Arbeiten aus der Ausstellung „Forever“, die eine Verkaufsschau ist, will die Galerie „nur auf Anfrage“ verraten. Es dürfte ein bisschen mehr sein.

Galerie Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18; bis Januar 2018, Di–Sa 11–18 Uhr (geschl. 23. 12.–3. 1. 2018).

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