Bayreuther Festspiele : Stolzings Schweißlied

Ja, die Hitze in Wagners Festspielhaus auf dem Grünen Hügel ist legendär. Lässt sich an ihr wirklich nichts ändern? Eine Glosse.

Unter freiem Himmel und gleißender Sonne: das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth.
Unter freiem Himmel und gleißender Sonne: das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth.Foto: dpa/Matthias Merz

In Bayreuth gewesen, geschwitzt. Ein Gemeinplatz, der all jene nicht hinter dem Glutofen hervorlocken dürfte, die gerne auch mal ein Ticket hätten. Gut, auch Horst Seehofer hatte beim „Tristan“ in Reihe 27 mal einen Schwächeanfall, wie die „Süddeutsche“ 2015 berichtete.

Klar, man kann nicht einfach eine Klimaanlage einbauen. Denkmalschutz, Weltklasse-Akustik, "das Holz trocknet aus", sagt Pressesprecher Peter Emmerich. Aber das generalsanierte Markgräfliche Opernhaus, ebenfalls komplett aus Holz, hat doch auch eine bekommen. Gegenargument: Dort gibt’s kaum Aufführungen. Wieder Einspruch: Auch die Festspiele dauern nur einen guten Monat im Jahr! Nein, ganz lautlos arbeitet so eine Anlage nie. Will heißen, man leidet dem Pianissimo im „Parsifal“-Vorspiel zuliebe?

Im Vergleich zu den schweißgebadeten Sängern, die zwar bei Stolzings Preislied in Barrie Koskys „Meistersingern“ ein Stofftaschentuch zücken, sich aber in den mythischen Sphären von Walhall oder Kareol niemals die Stirn abwischen dürfen, geht’s dem Publikum bestens. Turbinen an der schattigen Ostseite des Hauses sorgen für Luftaustausch, auf Sparflamme während der Akte, auf Hochtouren in den Pausen. Dreimal pro Pause werden je 60 000 Kubikmeter Sauerstoff umgewälzt, was die Temperatur im Saal jedesmal um immerhin 1 bis 2 Grad absenkt.

Trotzdem. Unsereins traut sich nicht mehr ohne Kreislauftropfen und Fächer auf den Grünen Hügel und bemitleidet die Männer in den dichtgedrängten Reihen, schon weil ihnen keine Riemchensandalen gestattet sind. Bei 100 Minuten erster Akt „Parsifal“ und 120 Minuten dritter Akt „Meistersinger“ sollte man unbedingt körpergeruchsunempfindlich sein. Die Medienvertreter sitzen plusminus Reihe 25, will heißen: ziemlich weit oben, was den Sauerstoff zusätzlich reduziert. Kleiner Trost: In der Mittel-Loge für die VIPs soll es noch heftiger sein. Trotzdem: Muss es bis in alle Wagnerianer-Ewigkeit so sein, dass die Aufmerksamkeit, die man gern auf Musik und Gesang in Bayreuth verwenden würde, zur Hälfte für den Kraftakt draufgeht, in der Sauna nicht wegzudämmern?

Der Stimme zuliebe: Sänger mögen erst recht keine Klimaanlage

Respekt!, ruft Peter Emmerich ins Telefon. Respekt vor allem vor der körperlichen Höchstleistung der Sänger, die auch noch die temperatursteigernden Scheinwerfer, den Hitzestau im kleineren Bühnenraum und unter oft schweren Kostümen wegstecken müssen. Aber auch vor dem Publikum, das sich bereitwillig der Strapaze Bayreuth aussetzt. Bei der (hoffentlich bis 2026 zum 150. Festspiele-Geburtstag abgeschlossenen) Generalsanierung geht es derzeit um Brandschutz und Barrierefreiheit, erst nach 2020 sind die energetischen Fragen dran.

Dann vielleicht doch eine Klimaanlage? Unwahrscheinlich. Erstens ist nicht jeder Sommer so heiß, Klimawandel hin oder her. Zweitens mögen Sänger das Gepuste schon gar nicht, es trocknet auch die Stimmbänder aus. Drittens, so versichert Emmerich, klagt das Publikum kaum, weiß in der Regel, worauf es sich einlässt und verzichtet auf fette Speisen vorab. Profi-Fans suchen in den Pausen ohnehin Labsal beim oberen Parkplatz, hinter deren Hecken sich eine hübsche kleine Kneipp-Anlage verbirgt. Die Damen raffen die Roben, die Herren entledigen sich der Beinkleider und staksen in Unterhosen durchs kühle Nass. In Bayreuth gewesen, gewatet.

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