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Schweigen. Das Protestgemälde vor dem Russischen Haus in Berlin. Es ist inzwischen wieder entfernt worden.
© Lika Petrychenko

Proteste vor dem Russischen Haus in Berlin: Befangene Bilder

Wie das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin den Überfall auf die Ukraine ignoriert und sich über Proteste von Künstlerinnen empört.

„Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin ist das größte im Ausland agierende Kulturinstitut weltweit“, belehrt den Leser die Website der in der Friedrichstraße ansässigen Institution, die kurz „Russisches Haus“ genannt wird. Weiter ist zu lesen, das Haus vermittle „ein umfassendes, unbefangenes Bild über russische Kultur, Innen- und Außenpolitik, Wissenschaft und Gesellschaft“.

Tatsächlich beleuchtet die Rubrik „Nachrichten“ alle möglichen kulturellen und pseudokulturellen Jahrestage und Jubiläen, darunter den Geburtstag von Boris Pasternak am 10. Februar; darüber freilich, dass der Dichter in der Sowjetunion Repressalien ausgesetzt war und den ihm 1958 zugesprochenen Nobelpreis nicht in Empfang nehmen durfte, schweigt sich die biographische Notiz aus.

Noch aufschlussreicher im Hinblick auf das „umfassende, unbefangene Bild“ russischer Außenpolitik, wie es sich das Russische Haus vorstellt, ist allerdings, dass der russische Angriffskrieg offenbar nicht zu einer solchen zählt, findet er doch auf der Website des Hauses keinerlei Erwähnung.

Die erste „Nachricht“ nach dem 24.2. widmet sich dem ursprünglich heidnischen russischen Fest Maslenitsa: „Maslenitsa ist eines der fröhlichsten Volksfeste in Russland. Dieses Jahr wird es vom 28. Februar bis zum 6. März gefeiert.“

Manipulative, propagandistische Tentakel

Ein derartiges Schweigen ist kein Zufall. Das Russische Haus wird von der Organisation Rossotrudnitschestwo betrieben, deren Leiter Jewgenii Primakow ein Vertrauter Putins ist. Auf dem Telegram-Kanal von Rossotrudnitschestwo erschienen schon seit dem 21. Februar in auffälliger Häufung propagandistische Mitteilungen zum Donbass, der zuvor nur marginal Erwähnung fand.

Und die berüchtigten Autokorsos von Putinisten werden hier positiv als „Aktionen gegen Russophobie“ dargestellt; nach Recherchen der britischen „Times“ könnte Rossotrunditschestwo selbst die Autocorsos koordiniert haben. Wie die russischen Auslandsvertretungen bietet auch das Russische Haus höchstwahrscheinlich Tarnung für geheimdienstliche Aktivitäten. Im übrigen war es zuvor Redaktionssitz der propagandistischen Zeitung „Berliner Telegraph“.

So sehr man die russische Kultur dieser Tage vor pauschalisierender Verurteilung in Schutz nehmen möchte, so klar muss doch die Strategie russländischer Behörden offenbart werden, unter dem Vorwand vermittelnder Kulturarbeit ihre manipulativen Tentakel und propagandistischen Greifarme auszustrecken.

Wie man darauf wiederum mit kulturellen, künstlerischen Mitteln aufmerksam machen kann, das hat eine Protestaktion vor dem Russischen Haus gezeigt, zu der sich vor zwei Wochen drei Künstlerinnen aus der Ukraine und Russland zusammenfanden.

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Die Idee hatte die russischstämmige Berliner Performance- und Installationskünstlerin Maria Turik. Später stießen die regimekritische Moskauer Theaterregisseurin Anna Demidova und die kürzlich aus der Ukraine geflüchtete Straßenkünstlerin Daniela Nich hinzu.

Gemeinsam haben sie ein vier Meter breites Gemälde geschaffen, das der Aufnahme eines zerstörten Straßenzugs von Butscha nachempfunden ist. Das Gemälde haben sie – mit der Unterstützung weiterer Performancekünstler – so vor dem Eingang des Russischen Hauses platziert, dass dessen Türen zwar verdeckt werden, der über den Türen angebrachte Schriftzug „Herzlich willkommen!“ jedoch sichtbar bleibt.

Auf diese Weise werden Zuschauer und Passanten vom putintreuen Russischen Haus gewissermaßen nach Butscha eingeladen; damit wird das Regime öffentlich als Urheber der grauenhaften Kriegsverbrechen demaskiert.

Da sie sich keine teuren Materialien wie eine große Leinwand leisten konnten, haben die Künstlerinnen auf präparierte Kartons gemalt, die sie vor Supermärkten aufgelesen haben. Die Akrylfarben sind ihnen teilweise kostenlos zur Verfügung gestellt worden.

Ein Haus der Schweigekultur

Die Intensität der Zerstörung sei, so Anna Demidova, kaum nachzubilden gewesen: „Wir haben nach verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht – und zuletzt angefangen, den Karton selbst zu zerstören, ihn mit einem Messer abzukratzen.“ Das Bild haben die Künstlerinnen später mit minimalistischen graphischen Symbolen ergänzt, die auf bestimmte Aspekte des russischen Angriffskriegs verweisen.

Das um ein „unbefangenes Bild“ der russischen Politik bemühte Russische Haus zeigte sich ob der Aktion empört und rief die Berliner Polizei, um das Gemälde entfernen zu lassen. Die Polizei sah jedoch unter Berufung auf die Freiheit der Meinungsäußerung von jeglicher Einmischung ab, sodass die drei Frauen ihr Vorhaben ungestört umsetzen konnten.

„Der erhabene Name der Institution und die eindrucksvolle sowjetische Architektur stehen im bitteren Widerspruch zu den Schrecken des heutigen Russlands“, sagen die Künstlerinnen. Passend zur Informationspolitik des Russischen Hauses, das diesen Schrecken einfach wegschweigt, haben sie das Haus von „Russian House of Science and Culture“ in „House of Russian Silence Culture“ umgetauft. Alexander Estis

Alexander Estis

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