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Gegenüber seiner Freundin Marie (Ricarda Seifried) gibt sich Julius (Moritz von Treuenfels) als erfolgreicher Architekt aus.
© Bon Voyage Films GmbH/Martin Val

„Axiom“ im Kino: Bekenntnisse eines Hochstaplers

Falsches echtes Leben: Die deutsche Tragikomödie „Axiom“ handelt von einem Lügner, der sich langsam in seinen verschiedenen Rollen verliert.

Irgendwann habe er beschlossen, dass jetzt Schluss sei mit dem rationalen Denken, erzählt Julius dem Künstler, der sein rumpeliges WG-Zimmer besichtigt. Mit dem Vorhaben, seine Intuition zu schärfen, sei er zum Beispiel in Bibliotheken gegangen und habe sich dort ohne eine konkrete Idee einfach treiben lassen. „Ich wollte ein Denken in mir finden, das nicht von A bis Z geht und wo sich trotzdem gewisse Wahrheiten herauskristallisieren, die auch irgendwie ihre Berechtigung haben.“ Sein bodenständig auftretender Gesprächspartner ist sichtlich beeindruckt. Schließlich spricht der Ende Zwanzigjährige von einer Phase, die er mit 13 hatte. Oder besser vielleicht: gehabt haben will. Zumindest in diesem Moment. So wie das tolle Stipendium in Tokio, das er als Grund für seinen bevorstehenden Auszug angibt.

Das mit dem frühjugendlichen philosophischen Drive ist wie so vieles in Jöns Jönssons „Axiom“ – eine Story. Dabei beschreibt sich Julius (Moritz von Treuenfels) mit dem Bild des Jungen, der durch die Bibliothek und das darin versammelte Wissen driftet, vielleicht sogar annähernd wahrheitsgemäß. Wenn er am Anfang des Films bei der Arbeit als Museumswärter zu sehen ist, verschwindet er immer wieder hinter Wänden, um ganz plötzlich aus dem Nichts aufzutauchen und als Protagonist ins Bild zu treten.

Die Gesprächsfetzen von Ausstellungsführerin und Besuchern sind dabei so laut, dass man jedes Wort deutlich mithören kann. Kurz darauf schnappt er in der Straßenbahn eine verrückte Geschichte über Aquarien und exotische Fische auf, die er bei der nächsten Gelegenheit als selbst erlebt weitergibt. So wie auch die von dem nackten Mann an der Kreuzung.

Mit dem Bild des Axioms – ein theoretischer Grundsatz, der keines Beweises bedarf – erzählt der an der Filmhochschule Konrad Wolf ausgebildete Jönsson von einem Mann, der je nach „Anforderung“ zwischen Identitäten und sozialen Rollen wechselt. Julius lässt sich durch die Erlebnisse der anderen treiben, er saugt sie auf, bis sie als eigener Erzählstoff wieder aus ihm heraussprudeln. So macht er sich für sich und andere interessant.

Man wird aus dem Protagonisten Julius nie ganz schlau

Auf schillernde Geschichten allein aber lässt sich kein „echtes“ Leben bauen – und so sieht sich Julius manchmal zu riskanten Beweisführungen hingerissen. Einmal lädt er die Kollegschaft zu einem Segeltörn auf dem Boot seiner adeligen Familie ein. Schon der Weg dorthin ist voller Hürden: Anstatt direkt am See zu parken, stapft die Gruppe mit Rucksäcken und vollem Bierkasten durch einen Wald, die Schwimmwesten, an die mitzubringen zum Entsetzen des Gastgebers niemand gedacht hat, müssen erst noch gekauft werden. Im Laden trödelt er ewig herum, als er plötzlich einen epileptischen Anfall erleide. Der bereits mehrfach verschobene Ausflug kann erneut nicht stattfinden.

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Man hat das Spiel bald durchschaut – das Einwickeln des Gegenübers, das Umlenken des Gesprächs, wenn Zweifel aufkommen – und wird aus Julius doch nie schlau. Überraschenderweise existiert zum Beispiel die angehende Opernsängerin Marie (Ricarda Seifried, „Wintermärchen“), von der er seiner (absolut unadeligen) Mutter erzählt, tatsächlich. Nur spielt er für sie den erfolgreichen Architekten, der gerade einen begehrten Auftrag bekommen hat.

(In sieben Berliner Kinos)

Beim Abendessen mit ihren bürgerlichen Eltern ist ihm wiederum die Aura des Außergewöhnlichen wichtiger als eine glatte Fassade: Er inszeniert sich als Sohn drogensüchtiger Eltern, der nicht das Privileg hatte, mit Kultur aufzuwachsen. Aber auch die anderen spielen Rollen, produzieren sich. Eine Kritik am gesellschaftlichen Theater und seinen Anpassungserwartungen schwingt mit, ohne dass Jönsson diese thesenhaft zuspitzt. Der schwedische Regisseur hält die Bedeutungen in der Schwebe: Es gibt ein langes Gespräch über Religion und die Oper, die eine ganz andere Form von Wahrheit und Glaubwürdigkeit verlangt.

Auch wenn man Julius gelegentlich den Stress ansieht, den seine Lügen erzeugen, versucht der Film ihn nicht psychologisch zu ergründen; eine laienhafte, an Hochstaplergeschichten geschulte Diagnose würde lauten: narzisstische Persönlichkeitsstörung. Charakterisiert wird er vielmehr durch das Spannungsverhältnis von Präsenz und Abwesenheit. Wiederholt wird Julius von den Off-Gesprächen regelrecht umschlossen, einmal verschwindet er ganz aus dem Bild und die Kamera folgt lange einem im Bach dahintreibenden Tannenzapfen. Manchmal auch sackt er plötzlich in sich zusammen. Wenn der Lügner ihn ihm sich dagegen selbst etwas vorspielt, wirkt er lebendig und ganz bei sich.

Esther Buss

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