Berliner Philharmoniker : Klassenbild mit Philharmonikern

Jakub Hrůša, sonst Chefdirigent der Bamberger Symphoniker, debütiert bei den Philharmonikern. Es dauert, bis das Orchester und der Mann am Pult zusammenkommen.

Jakob Hrůša, hier als Gast am Pult der Berliner Philharmoniker, ist Chefdirigent der Bamberger Symphoniker.
Jakob Hrůša, hier als Gast am Pult der Berliner Philharmoniker, ist Chefdirigent der Bamberger Symphoniker.Foto: Stephan Rabold

Die Berliner Philharmoniker unter Jakub Hrůša – ist das nicht die Klasse 5b unter ihrem neuen Referendar? Na sicher. Und der Neue ist ein ausgezeichneter Mann, er hört gut hin, schlägt transparent, jede seiner Gesten ist freundliche Einladung und Verbindlichkeit. Unterdessen hat der 1981 Geborene, der aus Tschechien stammt und andernorts bereits in fester Anstellung ist (als Chef der Bamberger Symphoniker), eine Einheit zur tschechischen Geschichte mitgebracht, die der Berliner 5b gar nicht so vertraut ist, Antonín Dvořáks Symphonische Dichtung „Das goldene Spinnrad“ nämlich, Bohuslav Martinůs Erstes Violinkonzert von 1932/33 und Leoš Janáčeks Orchesterrhapsodie „Taras Bulba“.

Und was soll man sagen, in der ersten Nummer wird noch viel mit dem Handy unterm Tisch gespielt, also irgendwie abgeliefert. Ob es daran liegt, dass die Programmmusik, in diesem Falle ein musikalisches Märchen über ein Wunder und Schrecken bringendes Spinnrad, es niemals leicht hat im Reigen der symphonischen Werke?

In der Philharmonie wird nach dem leisen Rascheln des Beckens, das für das magische Spinnrad einsteht, nach den krötig ziehenden Kontrabässen, die die böse Stiefmutter darstellen, noch sehr in Episoden gedacht, werden die weiteren Bilder des knapp halbstündigen Märchens (abgehackte Hände und Füße, ausgestochene Augen, ein falsches Hochzeitsfest, eine glückliche Vermählung) noch etwas lieblos ausgemalt. Nur die Posaunen und die Tuba in der letzten Reihe, sie halten die Klassenmoral hoch mit ihren tiefernsten Choral-Wortmeldungen.

Frank Peter Zimmermann ist Solist bei Martinůs Violinkonzert

Nach der durchwachsen geratenen Kunststunde tritt zum Glück der Klassenprimus ein, der Geiger Frank Peter Zimmermann. Endlich Musik! Martinůs Violinkonzert haben die Philharmoniker zuletzt vor fast vierzig Jahren gespielt, rein rechnerisch dürfte kaum jemand von den Heutigen dabei gewesen sein. Unvertrautes Terrain also, überdies sehr anspruchsvoll.

Und während Zimmermann zeigt, wie sich die zackigen Riesengebirge des Eingangssatzes anhören können, wenn man ein wunderbar feines und intensives Vibrato hat und zugleich keine Angst vor brutalen Anti-Kantilenen, heben sich die anderen Geiger fast einen Bruch an den technisch-musikalischen Ansprüchen der Partitur. Und wurschteln sich so durch. Aber das ist doch eines der weltbesten Orchester!

Erst bei Janáček wächst die Klassengemeinschaft zusammen

Heute allerdings bloß die 5b unter Anleitung eines jungen Mannes, dem zum Durchbruch an die Spitze vielleicht nur eine Prise Bösartigkeit und gerechter innerer Ärger fehlt, um solcher Lieblosigkeit Einhalt zu gebieten. Doch welcher Debütant will schon mit den Berliner Philharmonikern fechten? Das geht höchstens dort, wo diese vor lauter Tönen, Schnelligkeit und Lautstärke gar keine Zeit mehr dafür haben, desinteressiert zu sein.

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Zum Beispiel in der letzten Einheit dieses Unterrichts-Konzerts, „Taras Bulba“ von Janáček. Hier endlich, in der von Gewalt geradezu überschäumenden „Rhapsodie“ über den Kosakenhauptmann Taras Bulba, wächst die Klassengemeinschaft zusammen, färbt Tobias Berndt an der Orgel das Geschehen anfangs mit bedächtigen Einlassungen ein, ist das Orchester bald gezwungen, alle Kräfte zusammenzuführen (mitunter noch in leichter Übersteuerung), gelangt Jakob Hrůša in die Rolle des Anführers, der, wo nötig, ebenso gezielt durchgreifen kann wie Taras Bulba, der selbst im Sterben noch von Größe spricht.

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