Berliner Philharmoniker : Liebesgrüße aus Liverpool

Simon Rattle kehrt ans Pult der Berliner Philharmoniker zurück - mit Schumanns 2. Sinfonie und einem neuen Stück von Helmut Lachenmann.

Neues Hören. Simon Rattle (l.) mit Helmut Lachenmann. 
Neues Hören. Simon Rattle (l.) mit Helmut Lachenmann. Foto: Stephan Rabold

Will you still need me, will you still feed me/ When I’m sixty-four?

Am 19. Januar hat Simon Rattle seinen 64. Geburtstag gefeiert – und für einen Liverpudlian wie ihn ist das natürlich ein symbolträchtiges Alter. Als Paul McCartney die Melodie 1957 erfand, war Rattle gerade zwei Jahre alt, als die Beatles den Song eine Dekade später fürs „Sgt. Pepper“-Album einspielten, just zum Teenager gereift. Da wusste er schon, dass er Klassikprofi werden wollte, und beeindruckte beim „Europäischen Sommerkurs für junge Musiker“ als Solist in Mozarts Klavierkonzert KV 488. Drei Jahre später dirigierte er sein erstes Sinfoniekonzert, als 15-Jähriger. Ab diesem Moment verlief Rattles Karriere fast so verrückt-rasant wie die der Liverpooler Band.

Will you still be sending me a Valentine/Birthday greetings, bottle of wine?

Ehrensache, dass die Berliner Philharmoniker ihren Ex-Chef schon neun Monate nach seinem offiziellen Abschied wieder um sich haben wollten. Letzte Woche ließen sie noch einmal ihre Peter-Sellars-Visualisierung der Bach’schen Johannespassion aufleben, am Donnerstag folgte nun ein ganz neu einstudiertes Programm. Befreit von den Alltagsbelastungen des künstlerischen Leiters dirigiert Rattle dabei Schumanns 2. Sinfonie absolut gelöst. Sicher, man könnte die Zügel auch straffer halten, mehr auf Detailpräzision pochen – doch so entwickelt sich in der ausverkauften Philharmonie eine wunderbare Natürlichkeit des Ausdrucks. Ja, die Partitur weitet sich förmlich zum klingenden Naturerlebnis, mit starken Licht-/Schatten-Effekten, atmenden Melodien, leuchtenden Klangfarben, vitalem Drive. Wie organisch gewachsen wirkt diese Musik, nicht wie am Schreibtisch erdacht. Dass Rattle beim Schlussapplaus durchs ganze Orchester geht, um allen Stimmführern und Bläsersolisten die Hände zu schütteln, spricht für den Genuss, den er bei so einer entspannten Kommunikation mit der vertrauten Truppe empfindet.

Doing the garden, digging the weeds/Who could ask for more?

Nur im heimischen Gärtchen Unkraut zu jäten, das entspricht nicht dem Charter des Sir. Sein Horizont liegt weit jenseits des Jägerzauns. Darum hat er nach Berlin Helmut Lachenmanns 36-Minüter „My melodies“ mitgebracht, uraufgeführt im vergangenen Juni in München. Kompositionsaufträge zu vergeben, ist honorig, eine noch größere Tat aber ist es, den neuen Stücken zur zweiten Aufführungen zu verschaffen, sie in weitere Säle zu tragen. Vor allem, wenn es sich um Herausforderungen wie diese handelt, die nicht nur acht solistische Hörner fordert, sondern auch noch – jeweils paarweise! – E-Gitarren, Harfen, Tuben, Klaviere und Pauken sowie sechs weitere Schlagwerker.

„Es geht nicht um neue Klänge, es geht um neues Hören“, hat der Komponist seinen Anspruch formuliert. Jeder im Saal darf also selber entscheiden, was er assoziiert, welche Bilder vor dem inneren Auge entstehen, wenn er sich auf dieses akustische Abenteuer einlässt. Nur ausnahmsweise wird das Riesenorchester mal laut, meist produziert es zarte Geräusche, deren Ursprung stets zweideutig ist. Was wiederum den Aufmerksamkeitspegel hoch hält.

Helmut Lachenmann, der raffinierte Ohrenprovokateur, hat die Sixty-four übrigens schon lange hinter sich gelassen. Er ist jetzt 83.

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