Berliner Philharmoniker : Schmerzen ohne Pathos

Leonard Bernstein und Gustav Mahler sind zwei sehr gegensätzliche Komponisten. Und doch macht Gustavo Dudamel bei den Philharmonikern Verbindungslinien deutlich.

Leonard Bernstein
Leonard BernsteinFoto: dpa

„Happy Birthday, Lenny!“ Dieser Glückwunsch in der aktuellen Mitteilung seines Notenverlags bekundet trefflich die Position des Komponisten im Jahr seines 100. Geburtstags. Leonard Bernstein als Zeitgenosse des 20. Jahrhunderts ist Legende und Gegenwart zugleich. Die Älteren sehen ihn noch vor sich, wie er Mahler dirigiert. Die heutigen Aufführungen seiner Werke zeugen weiterhin von immenser Popularität. 28 Jahre nach seinem Tod erklingt rund zehnmal täglich irgendwo auf der Welt ein Stück von Bernstein, wie errechnet wurde. Für Berlin bereitet die Komische Oper rund um die „Candide“-Premiere in der Regie Barrie Koskys am 24. November ein kleines Bernstein-Festival vor.

Er beschenkte die Musiker

Die „Weltanschauung“ der Avantgardisten von Donaueschingen teilte Bernstein nicht. Vielmehr beschenkte er die Musiker, für die er schrieb, mit dankbarer spritziger Unterhaltung. So auch das Boston Symphony Orchestra 1980 mit dem „Divertimento“ zum 100-jährigen Bestehen, ein Spiel um „The BSO Forever“. Walzer und Blues und Marsch, reiches Bläserensemble und viel Schlagwerk kreisen um Zitate und Anspielungen. Die Berliner Philharmoniker nehmen unter Gustavo Dudamel die Aufforderung der Partitur an, mit ihren Solisten zu imponieren und schließlich fröhlichen Lärm zu entfalten. Worin sich diese Musik im Ansatz Gustav Mahler nähert, ist das Denken in Stimmen. Das feiert der venezolanische Maestro nun mit den Philharmonikern. Er hat als Gast im Scharoun-Bau schon mehrfach Mahler dirigiert.

Die Fünfte ist in dieser Reihe ein Höhepunkt. Von dem einsamen Solo an, das den Trauermarsch eröffnet, stimmt die Trompete Guillaume Jehls auf den Charakter der Interpretation ein. Sie dient ganz unsentimental dem Kunstwerk der Partitur, ohne die Welt der Schmerzen mit Pathos zu überlasten. Für die Schönheiten, wie sie Götz Teutsch in der Einführung beschwört, der Cellist, der aus der Praxis mit Claudio Abbado sprechen kann, zeugt jene plötzlich aufleuchtende Melodie der Celli im zweiten Satz „Stürmisch bewegt“. Die Philharmoniker singen sie unglaublich zart in die leise Mahnung der Pauke hinein, wie alle Streicher mit der Harfe im Adagietto zusammenspielen. Den Solisten der Holzbläser lässt Dudamel die Führung wie dem sensibel tönenden Hornisten Stefan Dohr im Scherzo. Mit „Streng im Tempo“, „Wild“, „Drängend“, „Nicht schleppen“ spricht die Partitur Takt für Takt einen eisernen Willen aus. Bejubelt wird eine Interpretation, die Kontrolle mit Ausdruck und Leidenschaft verbindet.

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