Bestattungsrituale : Eine Expertin gibt Einblicke in die Kunst der Trauerrede

Gesine Palmer ist Trauerrednerin. In ihrem faszinierenden Buch „Tausend Tode“ erzählt sie aus ihrem Berufsalltag und vom Umgang mit Tod und Trauer.

Robert Zwarg
Et sub terra pax. Der Stuttgarter Hoppenlau-Friedhof im Herbst.
Et sub terra pax. Der Stuttgarter Hoppenlau-Friedhof im Herbst.Foto: imago images/Arnulf Hettrich

Der Ehemann der amerikanischen Essayistin Joan Didion, John Gregory Dunne, ebenfalls Schriftsteller, erleidet am 30. Dezember 2003 am Abendbrottisch einen Herzinfarkt. Wenige Minuten später, laut Sterbeurkunde um 22.18 Uhr, ist er tot. Auf der Trauerveranstaltung, die fast drei Monate später stattfindet, sprechen Freunde und Verwandte.

Es werden Passagen aus T.S. Eliots „East Coker“ und Catulls „Am Grabe des Bruders“ gelesen. In diesem Moment, erinnert sich Didion, ändert sich etwas an ihrem Geisteszustand: „Ich hatte es verstanden. Ich hatte anerkannt, dass er tot war. Ich hatte das auf die öffentlichste Weise getan, die ich mir vorstellen kann.“

Trauerfeiern sind Rituale, sorgsam choreografierte Vermittlungen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichem. Das jeweils einzelne Leben ist immer privat und besonders. Öffentlich und allgemein ist nicht nur die Erfahrung, dass alle sterben, sondern auch die Trauer. Gesine Palmer ist Trauerrednerin.

Ihre Aufgabe ist es, das Ritual der Bestattung zu gestalten. Darüber hat sie ein faszinierendes Buch mit dem Titel „Tausend Tode. Über Trauer reden“ geschrieben. Tausend Tode zu sterben, diese Redewendung kommt gemeinhin dann zum Einsatz, wenn es am Ende keiner geworden ist.

Gesine Palmer wiederum hat „mehr als tausend mehr oder weniger säkulare Trauernfeiern“ begleitet, mehr als tausend Gelegenheiten, ein Leben – auch wenn es widersprüchlich, unsympathisch oder tragisch war –, zu feiern.

Übergang in eine andere Sphäre

Palmer begreift ihre Funktion als die einer „Schamanin“. Das ist nicht esoterisch, sondern als Einsicht in den archaischen Charakter der Zeremonie gemeint. Trauerrede, Musik, letzter Gang, Grablegung und Erdbrocken oder Blumen auf dem Sarg: All dies sind Elemente eines Übergangs von einer Sphäre in die andere.

Für das, was sie tut, schreibt Palmer, hat das „arme Moderndeutsch keine Worte, die auch nur annähernd ausdrücken, was es bedeutet, mit Menschen, die gerade nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht, alle normalerweise als feststehend gedachten Grenzen zu überschreiten.“

Die lächelnde, aber unironische Rede von der „Schamanerie“ hält fest, dass gerade bei der Konfrontation mit dem Tod rationale Wesen sich plötzlich auf der Stufe des magischen Denkens wiederfinden, also der Vorstellung, mit Gedanken ließe sich die Wirklichkeit verändern oder die Zeit zurückdrehen.

[Gesine Palmer: Tausend Tode. Über Trauer reden. PalmArtPress, Berlin 2020. 150 Seiten, 20 €.]

Jeder Gegenstand, der mit der Verstorbenen in Verbindung stand, ist plötzlich beseelt und beginnt zu sprechen. Wohnungen bleiben unangetastet, weil ihre Veränderung den Skandal, dass da jemand einfach verschwunden ist, nur bestätigen würde. „Manchmal sind mir die Leute nicht empört genug gegen die Tatsache des Todes“, schreibt Palmer. Nicht zufällig tragen Joan Didions Reflexionen über ihre Trauer den Titel „Das Jahr des magischen Denkens“.

„Tausend Tode“ gehört weder zum Genre der Ratgeberliteratur, noch macht die Autorin Tod und Trauer zu kulturgeschichtlichen Gegenständen oder philosophischen Existenzialien. Es handelt sich vielmehr um einen genuin literarischen Text, der eine Grenzerfahrung beschreibt. Gesine Palmer berichtet – und zwar aus dem Alltag eines Berufes, in dem man sich in kürzester Zeit in ein fremdes Leben einfühlen und es im wahrsten Sinne des Wortes öffentlich machen muss.

Schnittchen nach der Trauerfeier

Zart und bestimmt zugleich erzählt sie vom Ablauf ihrer Arbeit, angefangen beim „Erstkontakt“ mit den Angehörigen bis hin zu Getränk und Schnittchen nach der Trauerfeier. Wir erfahren von individuellen Sterbe- und Trauergeschichten: Tanja, die es mit der Natur hatte, ein Exilsyrer, der nicht auf dem islamischen Teil des Friedhofs beerdigt werden sollte.

Szenen, „Abstraktionen und Überblendungen“ aus den Feiern. Leichtfüßig wechselt Palmer die Perspektiven, spricht mal zu sich und mal zum Leser. Während ein Teil in Berlin spielt, dessen Geografie der Trauerorte die Autorin meisterhaft beschreibt, führen andere Teile nach Tel Aviv und Jerusalem.

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Das Buch lebt von einer großen Sensibilität für die sprachliche Form. Unaufdringlich changiert Palmer zwischen erzählenden, lakonischen, introspektiven und philosophischen Registern, subtil flicht sie Zitate von Rilke, Kaschnitz oder Lasker-Schüler ein. Zuweilen nähern sich die einzelnen Elemente dem Aphorismus an, ohne jedoch falsche Tiefe zu suggerieren. Der Ernst der Sache ist stattdessen mit dem scheinbar Banalen verwoben: dem „üblichen Segensspruch“, dem schon Dutzende Male gehörten „Time to Say Goodbye“ oder einer beiläufigen Floskel.

Spezialistin für Franz Rosenzweig

Die besondere Form von „Tausend Tode“ mag nicht zuletzt mit Gesine Palmers persönlicher Geschichte zu tun haben. Geboren acht Jahre vor 1968, ist ihr die Tatsache, dass Frauen in der Öffentlichkeit stehen können, „noch nicht (oder schon wieder nicht) selbstverständlich“.

Als Religionsphilosophin und Spezialistin für den jüdischen Denker Franz Rosenzweig hat sie längst ihren „Beitrag zu den Bibliotheken“ geleistet. Dass sie aber Trauerrednerin geworden ist, hat auch damit zu tun, dass sie dem „akademischen Hauen und Stechen“ und den prekären, immer wieder befristeten Arbeitsverhältnisse den Rücken kehren wollte.

Verschwunden sind die philosophischen und literarischen Quellen jener Zeit keineswegs. Es gehört zur Arbeit der Autorin, sie in ihre Trauerreden einfließen zu lassen. Und vielleicht ist es gerade Gesine Palmers philosophische Sensibilität, die garantiert, dass sie Tod und Trauer weder bloß verwaltet noch überhöht.

Denn so sehr es die Trauer nur im Verbund mit dem „verfluchten Krebs“, der langen Qual, dem Herzinfarkt, dem Suizid gibt, so sehr steht doch die Trauerfeier im Zeichen des Lebens: Die „moderne Schamanerie muss klar parteiisch sein für das Leben. Für das irdische, menschliche Leben.“

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