Bianca Bellovás neuer Roman : Wasser, Schwefel, Öl

Ausgezeichnet mit dem Europäischen Literaturpreis: Der Roman „Am See“ der Tschechin Bianca Bellová ist eine bildstarke und tieftraurige Parabel über die Naturzerstörung.

Wasserverschmutzung ist auch hierzulande ein Problem. Erst 2013 wurde ein Ölteppich auf dem Rhein entdeckt.
Wasserverschmutzung ist auch hierzulande ein Problem. Erst 2013 wurde ein Ölteppich auf dem Rhein entdeckt.Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Die sichtbarste Gemeinsamkeit der Dorfbewohner sind die Ekzeme. Vor allem die Kinder kratzen sich ständig, denn der See ist verseucht. Noch gibt es darin Leben, die Fischfabrik in Boros ist der wichtigste Arbeitgeber und der „Tag des Fischfangs“ ein Ereignis mit Zuckerwatte und Krapfen und einer Rede des Fabrikdirektors. An all das erinnert sich der Nami, der Protagonist von Bianca Bellovás jüngstem Roman „Am See“. Ihm bleibt ein Rest unbeschwerter Kindheit zwischen Blinis und Kaviar, bis sich der Blick seiner Großmutter eines Tages ahnungsvoll über das Wasser richtet. Der Großvater ist zusammen mit sechs anderen Fischern beim „Seegeist“ geblieben, einem böswilligen Naturgott, der das Denken der Bewohner bestimmt.

Bellová, 1970 in Prag geboren, hat ihren Roman in einer imaginären zentralasiatischen Republik der zerfallenen Sowjetunion angesiedelt, die aber noch von russischem Militär und Ingenieuren kontrolliert wird. Das Dorf Boros steht dabei für die sozialen Fliehkräfte, die sich mit dem Zeitalter der Ölförderung noch einmal beschleunigen.

Tschechin mit bulgarischen Wurzeln. Die preisgekrönte Schriftstellerin Bianca Bellová.
Tschechin mit bulgarischen Wurzeln. Die preisgekrönte Schriftstellerin Bianca Bellová.Foto: Marta Rezova/Kein und Aber

Der Tod der Großmutter und die Aneignung ihres Hauses durch die Familie des Kolchosevorsitzenden beenden Namis Jugend. Und als seine Freundin Zaza vor seinen Augen von russischen Soldaten vergewaltigt wird, verlässt er das Dorf und landet in der Hauptstadt, wo er sich in der Schwefelproduktion verdingt. Sein eigentliches Ziel ist es, nach seiner Mutter zu suchen, „deren Existenz genauso real ist wie die des Seegeistes“.

Protagonist Nami wütet gegen seine gesamte Existenz

Bildstark und eng an der erlebten Gegenwart des Protagonisten begleitet die tschechische Autorin mit bulgarischen Wurzeln diese Reise. Wetterphänomene stehen neben symbolträchtigen Träumen und beißendem Naturalismus: Wuchtige Wolken erinnern an einen „alten dicken Mann, der sich in der Hochzeitsnacht auf seine frisch gebackene Ehefrau schiebt“. Die Arbeitsbörse der Hauptstadt ist „bevölkert von Männern in Dreier- oder Viererreihen, die in allen Farben der Traurigkeit gekleidet sind und den Duft nach Menschlichkeit und ungewaschener Unterwäsche verströmen“, und in den frisch ausgebrachten Asphalt zeichnet Nami „unauffällig seinen Schmerz hinein, Großmutters große Hände, die Rundungen eines Frauenkörpers, die Hühner im stinkenden Stall“.

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In Nami wütet jemand, der sich gegen seine Arbeitsbedingungen ebenso auflehnt wie gegen den neureichen Johnny, dem er zwischendurch den Haushalt führt und den es erregt, harmlose Tiere zu töten – und gegen seine gesamte Existenz, die verbunden bleibt mit dem See und der geschundenen Natur. „Du musst jederzeit bereit sein, zu fliehen oder zu kämpfen, Junge“, gibt ihm eine alte Dame mit auf den Weg ins Dorf der Mutter, wo er die Wahrheit über seine Herkunft zu erfahren erhofft.

In diesem, nach „Ei“ und „Larve“ nun „Puppe“ genannten dritten Teil trifft er nicht nur seine Mutter wieder, sondern wird auch Zeuge einer Islamisierung, der die Russen nichts entgegenzusetzen wissen. Er verfolgt, wie die Wüste an die Hauptstadt herankriecht, die Baumwolle das letzte Wasser auffrisst und das Denkmal des „Staatslenkers“ gestürzt wird. Nami versteht, dass er zurück muss an den Ursprung, nach Boros, um das Geheimnis zu lüften, das der Seegeist hütet.

Das mit Namis Suche voranschreitende Drama offenbart am Ende nicht nur den in Boros herrschenden Aberglauben, mit dem selbst ein Mord legitimiert wird, sondern auch die soziale Zerstörungskraft ungehemmter Naturausbeutung. Bianca Bellová will ihren mit dem tschechischen Buchpreis Magnesia und dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichneten tieftraurigen Roman deshalb auch als Parabel verstanden wissen. „Imago“ nennt sie den abschließenden vierten Teil, der davon erzählt, wie Nami mit seinem vermeintlichen zweiten Großvater beginnt, die Dinge aus dem vergifteten See zu retten, um sie ihren Besitzern zurückzugeben.

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Bianca Bellová: Am See. Roman. Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch. Kein und Aber, Zürich 2018. 240 Seiten, 20 €.

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