Bilder von Jana Cordenier : Kleine Nadelstiche

Die Berliner Galerie Michael Janssen zeigt großartige Stickbilder von Jana Cordenier.

Jens Müller
Stoff zum Träumen. Detail von Jana Cordeniers Arbeit „Untitled“ von 2019 (180 x 500 cm).
Stoff zum Träumen. Detail von Jana Cordeniers Arbeit „Untitled“ von 2019 (180 x 500 cm).Foto: Gunter Lepowski

Da läuft man nichts ahnend die Potsdamer Straße entlang – und möchte seinen Augen nicht trauen. Wird der Nachlass des 2011 verstorbenen Großkünstlers Cy Twombly jetzt in Berlin verwaltet? Davon müsste man doch gehört haben.

Aber Twombly war ein Amerikaner in Rom. So steht man vor den Fenstern der Galerie Michael Janssen und wundert sich über die mehreren Twomblys, die da hängen. Twomblys Stil, der Unbedarften als willkürliches Buntstiftgekritzel auf überwiegend weißer, großformatiger Leinwand erscheint, ist wirklich einzigartig, unverwechselbar.

Nichts wie rein. Das muss man aus der unmittelbaren Nähe sehen.

Und dann … sieht man es. Das Buntstiftgekritzel ist kein solches. Das sind rote, grüne, blaue, gelbe, pinke, orange- und lilafarbene Wollfäden. Und die Leinwände sind nicht aus Leinen.

Das ist auf Keilrahmen gespannter hauchdünner Baumwollstoff – vom türkischen Markt am Maybachufer. Was für eine – Überraschung.

Cy Twombly war ein wesentlicher Einfluss

Und wenn man dann noch erfährt, dass die fünf Arbeiten der Ausstellung seit vergangenem Mai entstanden sind, mühevoll von Hand gestickt, dann versteht sich: Natürlich geht es der Künstlerin, die nicht Maurizio Cattelan ist, nicht darum, sich einen so aufwändigen wie billigen Cy-Twombly-Ulk auf Kosten von ihr verladener, kunstaffiner Passanten zu erlauben.

Die Künstlerin heißt Jana Cordenier. „Paradise“ ist die erste Einzelausstellung der 1989 Geborenen bei Michael Janssen. Die Arbeiten, die sie als erweiterte Malerei versteht, hat sie im südfranzösischen Arles geschaffen. Zuvor hatte Cordenier auch mal ein Jahr in Berlin gelebt und hier die Stoffhändler auf dem Markt entdeckt.

Twombly nennt sie tatsächlich einen wesentlichen Einfluss, außerdem – wenn auch weniger, um nicht zu sagen: überhaupt nicht – auf der Hand liegend den Symbolisten James Ensor, Belgier wie sie.

Der Kunstgeschichte erweist sie auch Referenz, indem sie eine Pleinairmalerei ganz eigener Art betreibt.

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Die Natur als Modell

Sie rollt übergroße Papierbögen auf den Wiesen der Provence aus, beschwert sie mit Steinen und zeichnet, paust, ertastet – unter dem Eindruck der Lichtsituation und der sie umgebenden Farben – mit dem Pinsel das darunter Liegende:

Zweige, Blumen, Blätter, Steine. Die so entstehenden Bilder sind nur ein Zwischenergebnis, sie dienen als Vorlage für die Übertragung auf den Baumwollstoff mit der halb transparenten Anmutung von Pergamentpapier: „Jeder Stich der Nadel, der wie durch eine Haut die Schichten ihrer Leinwand durchdringt, beschreibt einen Gang durch die Zeit, eine Einladung des Betrachters zu einem Spaziergang, einem Erlebnis“.

Der namentlich nicht genannte Verfasser des Ausstellungstextes will mit seiner Entzückung nicht hinter dem Berg halten.

Der Besucher der Schau, dem es ähnlich ergeht, mag erwägen, den Zustand der Entzückung zu perpetuieren und also eines der fünf ausgestellten Werke (oder eines von vier weiteren aus dem Hinterzimmer) zu erwerben – zu Preisen zwischen 1400 und 12000 Euro.

Ach, er könnte sie gleich alle kaufen und würde immer noch den Millionenbetrag sparen, den er für einen echten Twombly hinblättern müsste!

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