Bildpost des Dichters Christoph Meckel : Zugvogels Zwitscherzettel

Briefchen und Karten mit fast kindlich anmutenden Ölkreide- und Buntstiftzeichnungen: Bildpost des Dichters Christoph Meckel aus einem halben Jahrhundert.

Richard Pietraß
Kunterbunt. „Herzliche Grüße aus braunen Nussböden und goldenen Pappeln.“ Brief an Peter Huchel vom Oktober 1972.
Kunterbunt. „Herzliche Grüße aus braunen Nussböden und goldenen Pappeln.“ Brief an Peter Huchel vom Oktober 1972.Foto: DLA-Marbach

Nicht der Turmstapel seiner Gedichte und Grafiken, Erzählungen und Erinnerungen tritt hier vors Auge, sondern das schönste Hundert seiner Bildbriefe und mit poetischen Zeichnungen verzauberten Postkarten. Diese liegen nun als großformatige, zugleich zarte englische Broschur auf dem Novitätentisch. Zeit seines weitgespannten Lebens im Kerndreieck Berlin – Freiburg – Rémuzat (Drôme, im kargen Südosten Frankreichs) versah Christoph Meckel seine Briefe, Briefchen und Karten mit fast kindlich anmutenden Ölkreide- und Buntstiftzeichnungen.

Diese nehmen meist das obere oder untere Drittel ein und lassen dem handschriftlichen Text manchmal nur wenig Raum. Der Zusammenhang von Bild und Text bleibt spielerisch und wird nicht zur Faust aufs Auge: Fast immer sind die leuchtenden, setzkasten- wie ensemblehaften Zeichnungen dazu angetan, ihre Empfänger zum Lächeln zu bringen. Wer waren oder sind die Glücklichen, die Martina Hanf in den Archiven Berlins und Marbachs oder bei Lebenden aufspürte? Das älteste Stück ist eine Postkarte von 1958 an Günter Bruno Fuchs, den sieben Jahre älteren Malerpoeten. Sie zeigt einen elefantengezogenen Heuwagen, der an einem Glockenbaum vorüberfährt.

Flapsig und heiter wird Klaus Wagenbach befragt

Die Zeichnung blieb in der Tinte der Schrift, sparsam, doch exotisch für den Münchner Absender und seinen Berliner Empfänger, und begründete eine 20-jährige Freundschaft, die erst mit Fuchs’ Tod endete. Vier Stücke der Gratulation und ermunternden Anteilnahme erreichten Johannes Bobrowski, den so humorigen wie melancholischen Dichterfreund der 60er Jahre, der schon 1965 starb und dem Meckel ein Jahrzehnt später ein inniges Erinnerungsbuch hinterherschickte.

Flapsig und heiter wird 1964 Verlagsgründer Klaus Wagenbach befragt: „Wie heißt der Verlag? Wie heißt die Buchreihe?* *Horizont? Genius? Krümelschleuder? die wilde Jagd? Spuren, Stapfen? der Leuchtturm? Strahlungen? das Mistbeet? die Runkelrübe? der Opfergang? Windrose? Kompass? Peregrinus? die Barrikade?“ In Austin, Texas, wo er sich 1968 als Gastdozent abmüht, werden Reinhard Lettau und Volker von Törne ausgefragt und politisch ins Vertrauen gezogen.

Die Fähigkeit zu zeichnen kehrte nach einem Unfall als erste zurück

Als heiterer Titular- und Titulierprofessor erweist er sich 1995 in einem Drômebrief an Oskar Pastior, dem er den passenden Namen für sein katzenkopfvogelähnliches Fabelwesen mit Eichblattschwanz in den Wahlmund legt: „Vogelfüchschen? Spechtente? Schnabelmaus? Was noch?“ – „Mir setzt der Sommer zu“, schreibt er, „die Hitze, da man hier nicht mit dem Wetter lebt, sondern – harte Erfahrung – mit Nerven, Knochen und seelischen Fasern Gegenstand des Wetters ist.“ So sprechen diese aufgeräumten Malbriefe von den Arbeits- und Seelendingen des eigenen Lebens und denen der andern, an denen er in treuer Nähe Anteil nimmt. Selbst schwer geprüft, fand er sich 1988 nach einem Autounfall mit Brüchen und Quetschungen, dem ein Sturz und eine Operation der rechten Hand folgten, die den Verlust der fliegenden Handschrift mit sich brachte. Das schlug ihn nieder, konnte aber, im Buch verfolgbar (die Fähigkeit zu zeichnen kehrte als erste zurück!), wie durch ein Wunder überwunden werden.

Zum Kreis von Meckels Adressaten mit seinen Künstlerfreunden, Galeristen und Germanisten, Verlegern und Buchhändlern und seinem sanften Schutz- und Trutzengel Gila zählte vor einem Vierteljahrhundert auch ich, der ich ihn für einen Auswahlband an seinem Südpol besuchen wollte, um ihn, den Zugvogel, aus der Spannweite seines Lebens zu verstehen. Via Genf und Grenoble kroch meine Blechschwalbe an den Rhônefelsen des Jura und des Vercors entlang bis zu einer ankunftsnahen Gabelung, an welcher der Sorgsame zwei Stunden auf mich gewartet hatte. Aus dem zerschlagenen Reclamlesebuch wurde viele Jahre später ein Heft der Lyrikreihe Poesiealbum. Nahm Christoph Meckel die Genugtuung darüber seherisch vorweg? Unter seiner übermütigen Kreidezeichnung vom April 1991 steht schon damals: „Freudentanz eines Gallensteinchens“.

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Christoph Meckel: Bildpost. 100 Briefe und Postkarten aus sechs Jahrzehnten. Hg. von Martina Hanf. Gutleut Verlag, Frankfurt a. M. 2018. 140 Seiten, 34 €.

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