Biopic über Jean Seberg : Als die Stilikone sich den Black Panther anschloss

Kristen Stewart spielt in "Jean Seberg – Against all Enemies" den Hollywoodstar. Der Film changiert zwischen Polit-Thriller und Biopic.

Esther Buss
„Außer Atem“-Star Jean Seberg (Kristen Stewart) landete Anfang der siebziger Jahre auf der schwarzen Liste des FBI.
„Außer Atem“-Star Jean Seberg (Kristen Stewart) landete Anfang der siebziger Jahre auf der schwarzen Liste des FBI.Foto: Prokino

Am Anfang steht ein Martyrium. Bei den Dreharbeiten zu Otto Premingers „Die heilige Johanna“ wird die 18-jährige Jean Seberg in der Schlussszene von einem Feuerball erfasst. Der Regisseur lässt die Szene nicht abbrechen, die Narben werden der Schauspielerin ein Leben lang bleiben. In „Jean Seberg – Against All Enemies“ wird der Unfall zur „Urszene“ überhöht.

Seberg (Kristen Stewart) ist in schweren Ketten an einen Pfahl gebunden, der Raum gleicht einer Black Box. Eine Kamera nähert sich ihr, als wolle sie ihr visiertes Objekt verschlingen. Kurz darauf steht Seberg in Flammen, ihre Schreie aber bleiben stumm.

Von Hollywood ausgebeutet („Es ist sicher ein Zufall, aber Otto Preminger ist der Regisseur mit den meisten Selbstmorden unter seinen Hauptdarstellerinnen“, schrieb Kenneth Anger in seiner Sittenchronik „Hollywood Babylon“), erfährt Seberg Ende der sechziger Jahre eine ganz andere Form der Gewalt.

Durch ihre Unterstützung der Black-Panther-Bewegung und ihre Affäre mit dem afroamerikanischen Aktivisten Hakim Abdullah Jamal gerät sie ins Visier des FBI unter J. Edgar Hoover. Sie wurde im Rahmen des Überwachungsprogramms Cointelpro (Counterintelligence Programm) systematisch verfolgt.

Seberg war vom Filmgeschäft ernüchtert

„Jean Seberg ist eine finanzielle Unterstützerin der BPP und sollte neutralisiert werden“, heißt es in einem offiziellen Schreiben. Die Gelegenheit bietet sich, als das FBI in einem abgehörten Gespräch von Sebergs Schwangerschaft erfährt. Falschmeldungen, die Schauspielerin erwarte ein Kind von Jamal, werden an die Presse weitergespielt. Seberg verliert ihr Kind, von den psychischen Beschädigungen kann sie sich nicht mehr erholen.

1979 wird die schwer alkohol- und drogenabhängige Schauspielerin tot aufgefunden, die Umstände sind so rätselhaft, dass Zweifel am diagnostizierten Suizid bestehen.

Der australische Regisseur Benedict Andrews beschränkt sich in seiner Nacherzählung auf die Jahre 1968 bis 1971. Zu Beginn ist Seberg eine vom Filmgeschäft sichtbar ernüchterte Frau. Auch wenn sie mit ihrem unverwechselbaren Look für junge Mädchen noch immer ein Vorbild ist, liegen die Erfolge, die sie als Schauspielerin mit Godards „Außer Atem“ feierte, bereits einige Jahre zurück.

Während in Frankreich, wo sie mit Mann und Kind lebt, gerade der Pariser Mai ausbricht, reist sie mit einem schlechten Drehbuch im Gepäck zurück nach Los Angeles – und lernt im Flugzeug Hakim Jamal (Anthony Mackie) kennen. Auf dem Rollfeld stellt sie sich vor den Kameras kurz entschlossen zu einer Gruppe schwarzer Aktivisten und reckt die Faust zum „Black Power“-Gruß. Das FBI sieht zu und ist sofort alarmiert.

Wegen "Black Panther"-Faust vom FBI überwacht

Andrews mischt das Biopic mit dem Politthriller, indem er parallel zu Sebergs sich anbahnender Liebesgeschichte von der groß angelegten Überwachungsoperation erzählt. So folgt sein Film Seberg an der Seite des fiktionalen Agenten und Abhörgenies Jack Solomon (Jack O’Connell) – einem Patrioten, der einem von Anfang an sympathisch gemacht wird, indem er liebevoll eine „Captain America“-Erstausgabe aus dem Mülleimer fischt.

Und tatsächlich meldet sich bei Solomon, der von kaltschnäuzigen Kollegen umgeben ist, irgendwann das moralische Gewissen. Seberg ist zu diesem Zeitpunkt allerdings schon längst auseinandergebrochen, was der Film immer wieder etwas zu überdeutlich ins Bild setzt: Wenn sie in den Spiegel blickt, zerfällt ihre Reflexion in Einzelteile.

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Rassismus, Überwachung, Voyeurismus, Fake News, Misogynie in der Filmbranche, eine weiße Unterstützerin schwarzer Kämpfe: So aktuell die Themen auch erscheinen, sie bleiben nur angerissen. „Jean Seberg – Against All Enemies“ gelingt es in keinem Moment, eine gesellschaftspolitische Perspektive zu entwickeln, die über das Bild eines vom Überwachungsapparat kaputtgemachten Stars hinausgeht.

Ikone Seberg trifft auf den Star Kristen Stewart

Dabei war die Operation Cointelpro weit größer als der Fall Seberg. Unzählige Gruppen und Personen, die als politisch „gefährlich“ galten, wurden observiert, psychisch zermürbt und aus dem Feld geräumt; 1969 etwa wurde der Black-Panther-Aktivist Fred Hampton im Schlaf erschossen. Hier sind die Kämpfe der radikalen Bürgerrechtsbewegung nicht mehr als ein Hintergrundrauschen in einer soapig erzählten Lovestory. Unrecht tut der Film Seberg auch, wenn er als Auslöser für ihr politisches Engagement den Flirt mit Jamal braucht.

So bleibt als eigentlich smarte Idee des Films Kristen Stewart. Wie Seberg kam der „Twilight“-Star früh zu Ruhm und wurde schon bald zur Zielscheibe der Tabloids. Und auch wenn sie Hollywood nicht direkt den Rücken kehrte, so nahmen die Unterhaltungsmedien ihre Ausflüge ins Autorenkino doch überwiegend misstrauisch zur Kenntnis – ebenso wie ihre Bekenntnisse zu sexueller Mehrdeutigkeit.

Der französische Regisseur Olivier Assayas hat es gut verstanden, Stewarts Figuren in „Die Wolken von Sils Maria“ und „Personal Shopper“ mit der Starpersona in ein produktives Verhältnis zu bringen. Wie es aussehen könnte, die Schauspielerin Seberg in ähnlicher Weise mit der Schauspielerin Stewart zu „zünden“, scheint bei Andrews allein in den Szenen ihres Zerfalls durch. Das auf einfache Botschaften abzielende Drehbuch gibt ihr nicht mehr Raum.
In 15 Berliner Kinos (auch OmU), OV: Rollberg, Titania Palast

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