Briefwechsel von Kreuder und Lange : Dokument einer komplizierten Freundschaft

Ein Panorama der Kriegs- und Nachkriegsära: Bernd Goldmann hat den Briefwechsel der Schriftsteller Ernst Kreuder und Horst Lange herausgegeben.

Hannes Schwenger
Schwierige Zeiten: Kreuder und Lange stehen von 1938 bis 1971 in Kontakt. Das Foto zeigt Berlin im Jahr 1945.
Schwierige Zeiten: Kreuder und Lange stehen von 1938 bis 1971 in Kontakt. Das Foto zeigt Berlin im Jahr 1945.Foto: picture-alliance/ dpa

Thomas Manns unglückliches Diktum, alle in Hitlers Jahren erschienenen Bücher sollten eingestampft werden, denn sie seien „weniger als wertlos“, hat Wilhelm Hausenstein, Adenauers erster Botschafter in Paris, einst in der „Süddeutschen Zeitung“ mit einer Aufzählung von Gegenbeispielen beantwortet. Niemand hatte dazu mehr Berechtigung als er. 1943 wurde er aus der Reichspressekammer ausgeschlossen und seine Kunstgeschichte eingestampft, weil er sich weigerte, die moderne Kunst als entartet zu bezeichnen.

Seine Liste nannte Bücher von Stefan Andres, Werner Bergengruen, Theodor Heuss, Ernst Jünger, Annette Kolb und Reinhold Schneider. Horst Langes schlesisches Epos „Schwarze Weide“ (1937) fehlte, das Wolfgang Koeppen die „bedeutendste epische Aussage der Hitlerzeit“ genannt hat. Auch der Name Ernst Kreuders, der 1939 erste Erzählungen veröffentlichte, wäre zu nennen gewesen. Kreuder und Lange standen von 1938 bis 1971 in Briefkontakt, seit 1939 auch als Familien- und Duzfreunde. Ihre Briefe sind überwiegend literarische Korrespondenzen und Kontroversen, mit ausführlichen Seitenblicken und Seitenhieben auf Verleger und Kollegen der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Kommt Privates zur Sprache, geht es meist um Geldsorgen und Krankheiten, unter die man wohl auch Langes notorische Trunksucht rechnen muss. Die allerdings scheinen die beiden geteilt zu haben – möglicherweise eine Krankheit der Zeit, wenn Lange von Trinkereien mit Verleger Ledig-Rowohlt und einem nächtlichen Gelage mit Gerhart Hauptmann schwärmt („Himbeergeist, Port- und Rheinwein bis nachts um halb Zwei“).

Schon in seiner Antwort auf Kreuders erste Kontaktaufnahme 1938 wandte sich Lange gegen den NS-Begriff „Weltanschauung“. Nie werde es „je eine deutschnationale, eine sozialistische oder faschistische oder sonstwie -istische Dichtung geben können.“ Ihm sei es mit seinem Roman vielmehr um die Möglichkeit der Freiheit und die „Wirrungen des unerbittlichen, sie negierenden Massenzwanges“ gegangen. Kein Wunder, dass manche Leser glaubten, die Figur eines mörderischen Sektierers habe auf Hitler und seine Leute gezielt wie die Figur des Oberförsters in Ernst Jüngers, von Lange und Kreuder geschätztem, Roman „Auf den Marmorklippen“.

Notwendiger Neuanfang der Literatur

Tatsächlich nimmt Lange selbst in einem Brief an Kreuder 1940 Jüngers Parabel auf. Dem Oberförster werde es „nicht gelingen, die Marina zu zerstören“. Er selbst wolle sich vor seiner Einberufung beeilen, „damit man etwas zustande kriegt, bevor die große Blutsuppe gerührt wird.“ Kreuder stimmt ein, dass „das Zeitalter angebrochen ist, in dem man Substanz mit Knüppeln totschlägt, wir haben jetzt nur die blutbeschmierte und zerrissene Bestätigung bekommen.“

Es ist einer der wenigen Briefe Kreuders, die in den Kriegswirren nicht verloren gingen. Die erhaltenen spiegeln die gemeinsame Überzeugung von einem notwendigen Neuanfang der Literatur. Für Kreuder war es dazu „nötig, dass es wieder Stille gibt“ (14.1.1944), für Lange, „auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen weder auf den Leser, der ja doch eine Chimäre ist, noch auf den Kritiker, noch auf den Zensor“ (31.10.1945). Ein Rezept, das nicht aufgehen konnte.

Das Cover von "Schwierige Zeiten - schwierige Charaktere"
Das Cover von "Schwierige Zeiten - schwierige Charaktere"Foto: Wallstein Verlag

Langes Nachkriegsproduktion, die er sich nach einer schweren Kriegsverletzung der drohenden Erblindung und schweren Depressionen abrang, fand weder bei Lesern noch Kritikern ein nachhaltiges Echo. Sein Verleger Goverts verweigerte sogar eine Neuauflage der „Schwarzen Weide“, die erst 1979 nach seinem Tod im Claassen Verlag zustandekam. Für Kreuder fand sich zunächst die gewünschte Stille, sein 1938 begonnenes Hauptwerk „Die Unauffindbaren“ zu vollenden. Der Nachkriegsroman „Die Gesellschaft vom Dachboden“ konnte sogar in England als erstes Werk der neuen deutschen Literatur erscheinen. Lange, der den Freund immer schon einer rückwärtsgewandten Romantik verdächtigt hatte, wollte darin allerdings einen „Schatten von Kafka, von Jünger, sogar von Jean Paul“ entdecken. Auf Kreuders erfolgreiche neue Bücher reagierte er mit Ablehnung, die er mit widersprüchlichem Lob versüßte.

Die Studentenbewegung trieb Lange auf die Barrikaden

Nach Kreuders Anfangserfolg wurden beide von jüngeren Autoren der Gruppe „4711“, wie Kreuder höhnte, verdrängt. Die neue Literatur, die sie gefordert hatten, schrieben Andere, mit Arno Schmidt immerhin ein Verehrer Kreuders. Vor allem Lange reagierte auf die literarische und – nach einer kurzen Mitgliedschaft in der SPD – politische Entwicklung in Deutschland immer galliger. Die Bücher der Jungen seien „lauter mieses, belangloses Zeug“, befand er , auch „die aus der Ostzone mit ihrem frisch gekirrten Realismus, dessen Trostlosigkeit nicht mehr zu unterbieten ist.“

Vollends auf die Barrikaden trieb ihn die Studentenbewegung, auf die er in einem Leserbrief an den „Spiegel“ reimte: „Kappt dem Teufel sieben Schwänze / Schickt den Dutschke an die Grenze / Jagt den Langhans durch das Brandenburger Tor / Exmittiert den Knabenchor!“ Es war sein schlechtestes Gedicht. Seine besten hat er vor 1933 für die Zeitschrift „Kolonne“ und die „Rabenpresse“ von Victor Otto Stomps geschrieben und in der „Humboldt-Villa“, dem heutigen Literaturhaus in der Fasanenstraße vorgetragen.

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Ernst Kreuder – Horst Lange: Schwierige Zeiten – schwierige Charaktere. Ein Briefwechsel 1938 bis 1971. Herausgegeben von Bernd Goldmann. Wallstein, Göttingen 2018. 238 S., 24,90 €.

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