Buch über Hannah Arendt : Weder Kunst noch Wissenschaft

Hannah Arendt wurde für ihre kontroversen Thesen verehrt und verdammt: Die Politikwissenschaftlerin Maike Weißpflug will Arendts Denkhaltung rekonstruieren.

Hendrikje Schauer
Hannah Arendt machte sich mit ihren Essays und Büchern nicht nur Freunde.
Hannah Arendt machte sich mit ihren Essays und Büchern nicht nur Freunde.Foto: picture-alliance/dpa

Ist politisches Denken eine Kunst? Mit Hannah Arendt bejaht Maike Weißpflug diese Frage und verortet die Politik damit in einem Bereich abseits des heute üblichen Feldes der politischen Wissenschaften. Dabei hält sich Weißpflug weniger an Arendts Thesen als an ihren Denkstil: Im Stil liege die Kunst, die eine Kunst des Urteilens sei. In den literarischen Werken von Hermann Melville, Joseph Conrad oder Franz Kafka findet Weißpflug zentrale Quellen für dieses Arendt’sche „Denken ohne Geländer“.

Um welche Arendt geht es Weißpflug? Im Grunde gebe es ihrer vier, hat der Münchner Philosoph Thomas Meyer jüngst formuliert, der das Nachwort zum „Freiheit“-Bestseller der Philosophin geschrieben hat: die wissenschaftlich Geschätzte, die Heilige, die Verdammte – und die Unbekannte. Nimmt man dieses Schema, so umkreist Weißpflugs Buch vor allem die letzten beiden Rollen.

Hannah Arendt war in ihren Essays und Interventionen streitbar: Die einen beschreiben das als mutiges und freies Denken, die anderen als bis zum Starrsinn reichenden Eigensinn. So hat man der Theoretikerin der Urteilskraft immer wieder einen Mangel an derselben vorgeworfen. Der Verfechterin der Pluralität kreidete man die Unfähigkeit an, andere Perspektiven einzunehmen. Der Streit um ihr Eichmann-Buch polarisierte nicht nur große Teile der Öffentlichkeit, er zerstörte auch langjährige Freundschaften. Andere, etwa die mit der Schriftstellerin Mary McCarthy, begannen mit einem heftigen Wortwechsel, und es brauchte Jahre und zufällige Begegnungen auf den intellektuellen New Yorker Partys, bis daraus Freundschaft wurde.

Verteidigt Arendt das Recht auf Segregation?

Kein Vorwurf wiegt vielleicht schwerer als der des Rassismus, wie er sich an Arendts Aufsatz „Reflections on Little Rock“ (1958/59) bindet. In Little Rock, Arkansas, sollten nach Aufhebung der Rassentrennung neun schwarze Schüler eine bis dahin „weiße“ Schule besuchen, was der Gouverneur sowie aufgebrachte Demonstranten zu verhindern suchten: Die Auseinandersetzung wurde zu einem Meilenstein der Bürgerrechtsbewegung. Schon vor der Publikation wurde Arendts Essay zum Skandal. „Commentary“, die Zeitschrift, in der er erscheinen sollte, verweigerte den Abdruck. Ein Jahr später wurde er doch gedruckt. „Dissent“ brachte ihn, allerdings drückte ein Vorwort das Missfallen der Redaktion aus, nur der redaktionelle Glaube an die Meinungsfreiheit ermöglichte das Erscheinen.

Dass Arendt das Recht der weißen Südstaatlerinnen auf Verschiedenheit und damit auf Segregation zu verteidigen scheint, macht den Kern des Rassismus-Vorwurfs gegen sie aus. Politische Urteilsschwäche lautet eine andere Anschuldigung, die darauf abzielt, dass Arendt nur eine Perspektive probeweise zu übernehmen scheint.

Mit wem spricht Arendt eigentlich?

An den „Reflections“ zeigt Weißpflug auf, worauf sie mit ihrer Akzentuierung des Wie hinauswill: Anstelle die Argumente pro und vor allem contra Arendt erneut abzuwägen, will sie Arendts Denkhaltung rekonstruieren. Dabei greift sie auch auf unpublizierte Korrespondenz zurück, etwa den Briefwechsel mit dem Schriftsteller Ralph Ellison, der Arendt zu einer Revision ihrer Position brachte, die sie so jedoch nicht öffentlich gemacht hat. Mit wem spricht Arendt eigentlich? Das ist die Leitfrage von Weißpflugs Rekonstruktion. Ganz nebenbei betreibt sie dabei Quellenkritik, wenn sie die Frage nach Arendts Vorlagen, nach der Verwechslung der Ereignisse und Fotografien erneut erörtert.

[Maike Weißpflug: Hannah Arendt. Die Kunst, politisch zu denken. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 320 Seiten, 25 €.]

Arendts freie Denkungsart erkundet Weißpflug in drei Teilen: Während sie im ersten Teil ihr Philosophieren forschungs- und ideengeschichtlich einordnet, erkundet der zweite und längste Teil Arendts literarische Vorlagen: Weißpflug rekonstruiert Arendts Deutungen von Homer bis Brecht und zeichnet die Verbindungslinien zu den politischen Konzepten nach. An manchen spekulativen Stellen hätte man sich mehr Einordnung gewünscht: Warum würde Arendt Michel Houellebecqs Haltung loben? Genügt es da wirklich, dass er, im Unterschied zu Jean-Paul Sartre, anderen nicht vorschreibt, was sie tun sollen? Im experimentelleren, dritten Teil führt Weißpflug Arendts Denkstil in die Gegenwart, erprobt selbst, was es heißen könnte, die politische Kunst Arendts in die Debatten der Gegenwart zu führen: nicht im Engagement, sondern in der Reflexion auf dessen Formen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!