Chinesischer Künstler Ai Weiwei : "Ich mag meine Kunst nicht"

Ai Weiwei unterstützt das erste Human Rights Film Festival in Berlin. Ein Gespräch über Kunst und Kartoffeln – und wie das Exil seine Arbeit verändert hat.

Weltbürger. Ai Weiwei, 61, lebt derzeit in Berlin und will mit seiner Familie nach New York ziehen.
Weltbürger. Ai Weiwei, 61, lebt derzeit in Berlin und will mit seiner Familie nach New York ziehen.Foto: imago/gezett

Ai Weiwei, Ihren Film „Human Flow“ über die globale Flüchtlingskrise, der auf dem neu gegründeten Human Rights Film Festival Berlin gezeigt wird, haben Sie bereits vor einem Jahr fertig gestellt. Ist das riesige Lego-Mosaik eines Tigerkopfes, das hinter Ihnen hängt, ein aktuelles Werk?

Nein, das hier ist mein Atelier. Es hängt einfach so da. Ich präsentiere meine Werke nicht selbst, nirgendwo, weil ich meine Kunst nicht mag.
Nein?

Ich habe sie noch nie gemocht. Meine Berufsauffassung ähnelt der eines Bauern. Der beurteilt auch nicht jede seiner Kartoffeln danach, wie er sie findet.

Aber Ihre Kunstwerke missfallen Ihnen auch nicht, oder?

Das sind nicht meine Kategorien. Ich gehe meinem Beruf nach. Persönlich habe ich kein Bedürfnis, meine Arbeiten anderen zu zeigen. Wenn irgendwann keine Galerie oder kein Museum mehr bei mir anfragt, höre ich sofort damit auf, sie auszustellen. Ich hatte ja die Kunst schon einmal jahrelang aufgegeben, bis mich ein Freund fragte, ob man meine Arbeiten aus New York mal zeigen könne.

Wann hatten Sie denn mit der Kunst aufgehört?

Gleich nach meinem Kunststudium in den USA. Anschließend hatte ich kein Visum mehr und bin trotzdem geblieben. Für einen illegalen Einwanderer ist es unmöglich, als Künstler Erfolg zu haben. Ich war voll damit beschäftigt, die Miete zusammenzubekommen.

Zur Person

Ai Weiwei, 1957 in Peking geboren, lebte zwischen 1981 und 1993 in New York, wo er an der Parsons School of Design studierte. In Deutschland wurde er bekannt, als er 2007 bei der Documenta 1001 Chinesen nach Kassel einfliegen ließ. In China engagierte sich Ai Weiwei für die Meinungsfreiheit. Von April bis Juni 2011 saß er im Gefängnis; bis 2015 hatte er Reiseverbot. Als er seinen Pass wiederbekam, zog er nach Berlin. Sei Atelier mit 20 Angestellten befindet sich in einem früheren Brauereikeller am Pfefferberg.

Was war damals Ihr Plan?

Rumhängen, nicht nach China zurückmüssen. Ich mochte das Land zu dem Zeitpunkt wirklich nicht. Irgendwann kehrte ich doch heim, weil mein Vater krank wurde. In Peking fühlte ich mich als Außenseiter. Zunächst habe ich Underground-Zeitschriften herausgegeben. Sehr spät, erst 2004, hatte ich meine erste Ausstellung.

Sie haben mal Marcel Duchamp als Ihr Vorbild genannt, der Alltagsgegenstände ins Museum stellte. Duchamp hat ein winziges künstlerisches Lebenswerk …

… ja, nur zwanzig größere Arbeiten.

Sie sind dagegen extrem produktiv.

Ich bin vielleicht der produktivste Künstler der Welt. In den letzten zehn Jahren habe ich über 100 Einzel- und über 300 Gruppenausstellungen gemacht.

Warum arbeiten Sie so viel, wenn Sie Ihre Werke gar nicht mögen?

Der Grund ist: Ich suche den Zustand extremer Erschöpfung. Es muss nicht Kunstproduktion sein, wodurch ich ihn erreiche. Ich hatte mal einen Blog, mit dem ich rund um die Uhr beschäftigt war.

Sie wollen das Leben vermeiden durch Arbeiten.

Ich möchte an einen Punkt kommen, an dem ich mich selbst vergesse. Nur wenn ich total überanstrengt bin, schaffe ich das manchmal. Wahrscheinlich ein mentaler Defekt.

Dann haben Sie nicht viel vom Berliner Leben.

Mein Berliner Leben ist unterirdisch: zehn Meter unter dem Leben der anderen, hier in meinem Atelier in den Katakomben des Pfefferbergs.

Haben Sie wenigstens ein chinesisches Lieblingsrestaurant?

Da gibt es einige ganz ordentliche. Häufig gehe ich zu „Jolly“ an der Museumsinsel. Dort habe ich schon ein paar Mal zufällig die Kanzlerin getroffen, bei der ich mich bedankte. Das Engagement der deutschen Regierung war entscheidend dafür, dass ich China verlassen durfte. Aber exzellentes chinesisches Essen habe ich noch nirgends in Berlin bekommen. Dafür müsste es einen anderen Umgang mit Migration geben. Es fehlt die Konkurrenz.

Als Plädoyer gegen die abschottende Flüchtlingspolitik ließen Sie hunderte Rettungswesten an die Säulen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt hängen: der Duchamp-Ansatz.

Meine ganze Arbeit ist der Duchamp-Ansatz: Kunst als intellektuelles und nicht als optisches Phänomen zu begreifen. Sie haben mich nach meinem jüngsten Werk gefragt. Das sitzt vor ihnen. Zurzeit recherchiere ich beispielsweise, was mit den 43 mexikanischen Studenten geschah, die vermutlich von einem Drogenkartell umgebracht wurden. Ich bin bereits mehrmals hingereist und habe Angehörige befragt. Irgendwann mache ich einen Film draus. Alle Vorstufen sehe ich bereits als mein Werk.

Duchamp thematisierte auf verspielte Weise das Wesen der Kunst, Sie prangern mit plakativer Wucht humanitäre Missstände an.

Duchamp war Franzose, ich bin Chinese.

Das heißt?

Franzosen sind eher privilegiert, wir Chinesen müssen hingegen noch immer viele Kämpfe ausfechten.

Sie waren der bekannteste regimekritische Künstler Chinas. Seit drei Jahren sind Sie selbst Flüchtling. Begreifen Sie sich so?

Nein, obwohl ich von der Definition her einer bin: Weil ich mich für die Meinungsfreiheit einsetzte, wurde ich in meiner Heimat ins Gefängnis gesteckt und verprügelt. Doch während die anderen Flüchtlinge ihr ganzes Leben verloren haben, kann ich hier als Professor arbeiten. Vergleichbar mit der Situation der Mehrheit der Flüchtlinge ist meine Kindheit. Die habe ich im Flüchtlingscamp verbracht, nur dass es Umerziehungslager hieß.

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