Chinesischer Maler Liu Xiaodong : „Ich traue nur dem, was ich sehe“

Der Neorealist Liu Xiaodong ist Chinas berühmtester Maler. Im Juni widmet ihm Düsseldorf eine umfassende Retrospektive. Eine Begegnung in Berlin.

Mit wachem Blick. Selbstporträt von Liu Xiaodong aus dem Jahr 2012.
Mit wachem Blick. Selbstporträt von Liu Xiaodong aus dem Jahr 2012.Abbildung: Eslite Gallery/Kunsthalle Düsseldorf

In den drei Jahrzehnten, in denen Chinas Kunst die Augen zur Wirklichkeit hin aufschlug, ist in seinem Land kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Liu Xiaodong war 22 Jahre alt, als sich 1985 wie in einem Fieberschub 79 Avantgardegruppen bildeten, die bis zum Ende des Folgejahres 149 Ausstellungen organisierten und die Lähmungen der Kulturrevolution hinwegfegten. Liu war zu jung, um Teil dieser Bewegung zu werden, die nachträglich den Namen Neue Welle erhielt. Doch an der Pekinger Zentralakademie der Bildenden Künste (CAFA), Chinas bedeutendster Kunsthochschule, wo er im zweiten Jahr studierte, kribbelte allen die Erregung in den Fingern.

Vier Jahre später, im Februar 1989, war es auch an ihm, den Aufbruch in die neue Zeit voranzutreiben. Bei der Avantgarde-Ausstellung im Nationalen Kunstmuseum, die als endgültige Abkehr von der Vergangenheit gilt, zeigte er zwei seiner Gemälde. Der Rückschlag ließ nicht lange auf sich warten. Im April gehörte er zu denen, die auf dem Tiananmen-Platz Abschied vom verstorbenen Hu Yaobang nahmen, dem für seine Liberalität von vielen verehrten Ex-Generalsekretär der KP. Die Trauergemeinde verwandelte sich nach und nach in eine Schar von Demonstranten, deren Kundgebungen Anfang Juni in jenem Massaker erstickt wurden, das bis heute das am liebsten unter den Teppich gekehrte Skandalon einer Staatsmacht ausmacht, die sich schon lange in der technologischen Verfeinerung ihrer Kontrolltechniken übt.

Auch dadurch wurde Liu Xiaodong zu einem distanzierten Beobachter seiner Zeit. In seiner figürlichen Malerei zeigt er sich als skeptischer Neorealist. Die im Lauf der Jahre ins Riesenhafte und Panoramatische gewachsenen Formate seiner Ölbilder, ihr breiter, kräftiger Strich und der pastose Farbauftrag zeugen zwar von einem gesunden Selbstbewusstsein. Ihren provokativen Gestus beziehen sie vor allem aus der Wahl des jeweiligen Gegenstands. Um Lius Leistung richtig einschätzen zu können, muss man verstehen, was es heißt, sich mit einem Kunstverständnis zu behaupten, das sich auf nichts als das eigene Auge, den eigenen Verstand und die eigene Erfahrung verlassen will – und damit jedem vorgefertigten Pathos die Stirn bietet.

Massenumsiedlung am Drei-Schluchten-Staudamm

Nichts Anklagendes steckt etwa in den Gemälden, in denen Liu zwischen 2003 und 2005 den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms am Yangtze dokumentierte. Kurz bevor Fengjie, eine kleine Stadt unweit von Chongqing, abgerissen, überflutet und an anderer Stelle neu errichtet wurde, porträtierte er einige der 1,3 Millionen Umgesiedelten und eine Gruppe von Arbeitern. Es geht um das Festhalten eines historischen Moments, der im Namen des Fortschritts einfach weggewischt werden soll – nicht anders als bei seinem Freund, dem Regisseur Jia Zhang-ke, der für „Still Life“, seine Auseinandersetzung mit dem Mammutprojekt, bei den Filmfestspielen in Venedig 2006 einen Goldenen Löwen erhielt. Parallel dazu entstand Jias Dokumentation „Dong“, die Liu bei der Arbeit in den Trümmern von Fengjie präsentiert.

Überhaupt lässt sich Lius Malerei als Pendant zum Neorealismus der Filmemacher der sogenannten sechsten Generation beschreiben. Bei Zhang Yuans „Beijing Bastards“, dem Auftakt ihres wirkmächtigen Auftretens mit dem Rockstar Cui Jian in der Hauptrolle, fungierte er 1992 als Artdirektor. Für Wang Xiaoshuai begab er sich mit seiner Frau, der Malerin Yu Hong, im selben Jahr sogar als Schauspieler vor die Kamera. „The Days“ erzählt in elegischen, lose zusammengefügten Schwarzweißbildern vom Kampf eines Künstlerpaares ums Überleben und die Liebe zueinander.

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Bis heute führt er über seine Projekte in aller Welt nicht nur Tagebuch, sondern lässt sie von einem Filmteam begleiten. Er kann es sich leisten, denn er ist nicht nur der angesehenste chinesische Maler seiner Generation, der an der CAFA inzwischen selbst eine Professur für Ölmalerei innehat, er ist auch der höchstgehandelte Maler ganz Asiens.

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