• Chinesischer Schriftsteller und Dissident: Liao Yiwu erzählt von seiner Flucht aus China

Chinesischer Schriftsteller und Dissident : Liao Yiwu erzählt von seiner Flucht aus China

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu musste für ein Gedicht ins Gefängnis. Heute lebt er in Berlin. In "Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass" schildert er das Drama seiner Flucht.

Stilsicher. Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu.
Stilsicher. Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu.Foto: Marc Tirl/picture-alinace/dpa

Gegen Ende dieses Buches verrät Liao Yiwu seinen größten Wunsch. Er möchte einmal sein Gedicht „Massaker“ auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking vortragen. An jenem Ort, an dem die kommunistischen Machthaber 1989 die Protestbewegung niederschlugen. Vier Jahre lang saß der chinesische Dissident und Schriftsteller für das Gedicht im Gefängnis, westliche Kritiker rühmen es als chinesisches Pendant zu Celans „Todesfuge“.

Dass sich Yiwus Wunsch je erfüllen wird, ist unwahrscheinlich: Seit 2011 lebt der 59-Jährige in Deutschland, wo er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt wurde. In China dagegen darf seit seiner Flucht selbst sein Name nicht mehr genannt werden.

Yiwu zieht alle Stilregister

Liao Yiwu erzählt in „Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass“ wie es ihm gelang, der „pervertierten Umarmung von Mutter Heimat“ endlich zu entkommen. Man liest diese autobiografische Prosa bis zur letzten Seite atemlos und mit anhaltender Bestürzung. Was nicht zuletzt an ihrer Aktualität liegt. Vielen Freunden und Künstlerkollegen Yiwus war das Glück, das er hatte, nicht beschieden. Man denke an das anhaltende Drama um Liu Xia, die unter Hausarrest stehende, an Depressionen erkrankte Frau des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Oder an den Untergrund-Dichter Li Bifeng, der wegen des Verdachts auf Fluchthilfe für Yiwu im Gefängnis sitzt. Brisanz hat Yiwus Buch auch vor dem Hintergrund der ewigen Asyldebatte hierzulande.

Für Spannung sorgt bereits seine kluge Struktur. Es beginnt und endet mit jenem Schicksalstag im Juli 2011, als Liao Yiwu den Grenzfluss nach Vietnam überschreitet. Wenig später überfluten den Flüchtling im Zustand völliger Erschöpfung in einem Hotelzimmer in Hanoi die Erinnerungen an die Ausreise- und Fluchtversuche zuvor, die vielen Zusammenstöße mit der Staatsmacht. Ihnen ist der Hauptteil des Buches gewidmet, in dem Yiwu alle Stilregister zieht, von bitterem Sarkasmus bis zu expressiver Drastik.

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Mehr als ein Dutzend Mal werden seine Ausreiseanträge abgelehnt; immer wieder wird er als „feindliches Element“, als „Volksschädling“, verhaftet, eingeschüchtert, zusammengeschlagen. Doch der Mut zur Flucht ins Exil muss auch reifen: Eine erste illegale Einreise nach Vietnam endet mit einer heimlichen Rückkehr – aus Angst davor, mit der Heimat den Boden seines Schreibens zu verlieren. Das erinnert an das Dilemma mit dem seinerzeit auch viele DDR-Künstler zu kämpfen hatten, ihren Konflikt zwischen Weggehen und Bleiben. Die Parallelen reichen sogar noch weiter, wie Yiwu betont. 2010 überreicht er dem verdutzten deutschen Konsul in Chengdu für Angela Merkel eine chinesische Raubkopie des Stasi-Films „Das Leben der Anderen“. Denn der perfide Mix aus Schikanen, Dauerüberwachung und gezielter Denunzierung von chinesischen Intellektuellen und Demokratieverfechtern erinnert frappierend an die Verhältnisse in der einstigen DDR.

Seine Überwacher porträtiert Yiwu dabei genauso gekonnt wie all die Dissidenten und befreundeten Untergrund-Künstler. Dauernd wird er „zum Tee“ eingeladen, wie es im euphemistischen Sprachgebrauch der Behörden heißt: mal vom „dicken Li“ von der Inneren Sicherheit, mal vom kumpelhaften Yu von der Nationalen. Mit bitterer Selbstironie beschreibt sich Yiwu als ertapptes Kind, das bei den Verhören rot anläuft, stottert oder trotzig schweigt, ehe es wieder verprügelt wird. Mit Genugtuung erwähnt Yiwu nebenbei die Tricks, mit denen wie er „wie ein alter Spionagefuchs“ in diesen Jahren übers Internet mit seinen Lektoren und Übersetzern im Westen kommunizierte, was zum Schluss, aufgrund der perfekten Internet-Überwachung chinesischer Behörden, kaum noch möglich war.

Und dann, zwischen all dem Horror, plötzlich das späte Glück: 2014, mitten im Schreiben an diesem Buch, wird in Berlin seine Tochter geboren. Was Liao Yiwu so überwältigt, dass er kapitellang die Vergangenheit vergisst. Wie schön, wie berührend!

Liao Yiwu: Drei wertlose Visa und ein toter Reisepass. Meine lange Flucht aus China. Aus dem Chinesischen von Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffmann. S. Fischer, Frankfurt am Main. 522 S., 26 €.

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