Asterix-Erfinder René Goscinny : Der steinige Weg eines Humoristen

„Die Geschichte der Goscinnys“ gibt einen aufschlussreichen Einblick das Leben des Asterix-Autors. Die Comic-Biografie hat allerdings auch einige Schwächen.

Historischer Moment: Goscinny und Uderzo erfinden Asterix und Obelix.
Historischer Moment: Goscinny und Uderzo erfinden Asterix und Obelix.Foto: © Catel et des Éditions Grasset & Fasquelle, 2019, Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2020

Wer war eigentlich das Mastermind hinter dem Gallier? Wer erdachte Asterix, den bis heute beliebtesten französischen Comichelden? Zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Zeichner Albert Uderzo erschuf ihn René Goscinny, dessen rundliches, schelmisch lächelndes Gesicht mit den dunklen Locken über der hohen Stirn wohl jeder Comicfan kennt - trotz seines frühen Todes 1977.

Seinen Namen verbindet man fast ausschließlich mit seinen Erfolgen – neben dem kleinen Gallier sind das vor allem die Westernparodie „Lucky Luke“ (eine Serie, die zwar sein Zeichner Morris erfunden hat, aber erst in Zusammenarbeit mit Goscinny ihren Feinschliff erhielt und zum Klassiker wurde), der gerissene Großwesir „Isnogud“ und der Kinderbuchklassiker „Der kleine Nick“.

Geborener Unterhalter. Eine weitere Szene aus dem Buch.
Geborener Unterhalter. Eine weitere Szene aus dem Buch.Foto: © Catel et des Éditions Grasset & Fasquelle, 2019, Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2020

Auch heute noch, mehr als vierzig Jahre nach seinem Tod, gilt Goscinny als der bedeutendste wie einflussreichste Szenarist und Humorist des frankobelgischen Comics, der zu Zeiten des boomenden Comics für Kinder erstmals auch neue, erwachsene Leserschichten ansprach.

Goscinny hat dabei stets „nur“ die Szenarios geschrieben, während Uderzo, Morris, Sempé oder Tabary die Zeichenfeder führten. Doch zu Beginn seiner Karriere versuchte er sich auch selbst als Zeichner, illustrierte Magazine und Kinderbücher und schuf zahlreiche Cartoons.

Eine Biografie war längst überfällig

Sein kurzes, aber immens produktives wie facettenreiches Leben wurde 2018 zum Gegenstand einer erhellenden, reich an Dokumenten bestückten Ausstellung des mahj, des Jüdischen Museums in Paris. Es ausführlich in Buchform darzustellen, war längst überfällig.

Nun füllt eine Comicbiografie diese Lücke. Die 1964 geborene französische Zeichnerin Catel (Catel Muller), die bisher vor allem prominente Frauenfiguren der französischen Kulturgeschichte in Graphic Novels porträtierte ( u.a. „Kiki de Montparnasse“, „Die Frau ist frei geboren - Olympe de Gouges“), stützt sich in „Die Geschichte der Goscinnys – Geburt eines Galliers“ (Carlsen, 336 S., 28 €) auf ausführliche Gesprächen mit Anne Goscinny, der einzigen Tochter des mit 51 Jahren verstorbenen Franzosen.

Rahmenhandlung: Goscinnys Tochter Anne in einer Szene zu Beginn des Buches.
Rahmenhandlung: Goscinnys Tochter Anne in einer Szene zu Beginn des Buches.Foto: © Catel et des Éditions Grasset & Fasquelle, 2019, Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2020

So bilden die Treffen mit Anne die Rahmenhandlung, bei der auch einiges über deren Leben – sie wurde ebenfalls Schriftstellerin und verarbeitete den für die damals Neunjährige traumatischen Tod des Vaters in ihren Büchern – zu erfahren ist, während René Goscinnys Vita chronologisch in klaren, dabei detailreichen Zeichnungen und mittels Originalzitaten aufgefächert wird.

Die Geschichte seiner Vorfahren wird dabei auf knappe Weise mit erzählt. Goscinny wurde 1926 in eine jüdische Familie in Paris geboren - die Familie des Vaters stammte aus Polen, während die der Mutter aus der Ukraine einwanderte.

Den Vater zog es beruflich als Chemie-Ingenieur nach Buenos Aires, wohin ihm die Familie nachfolgte. René war damals erst zwei Jahre alt und wuchs so in Argentinien auf, wo er eine französische Schule besuchte und zu zeichnen begann.

Walt Disney als großes Vorbild

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, konnten sich die Goscinnys glücklich schätzen, fern von Europa zu leben, denn ein großer Teil ihrer Verwandten wurde im Holocaust ermordet. Nachdem sein Vater Ende 1943 überraschend starb, musste Goscinny anfangen zu arbeiten und zog zusammen mit seiner Mutter im Herbst 1945 nach New York.

Dort versuchte er sich als Illustrator und lernte einige US-Comiczeichner aus dem Umkreis von Harvey Kurtzman kennen, die später mit der Zeitschrift „MAD“ Comicgeschichte schreiben sollten. Und er machte die Bekanntschaft mit den belgischen Zeichnern Jijé („Jerry Spring“), Franquin („Spirou“, „Gaston“) und Morris („Lucky Luke“), die eine Weile versuchten, in den USA Fuß zu fassen.

Frühwerk. Das Buch enthält auch viele Originalzeichnungen Goscinnys.
Frühwerk. Das Buch enthält auch viele Originalzeichnungen Goscinnys.Foto: © Catel et des Éditions Grasset & Fasquelle, 2019, Carlsen Verlag GmbH · Hamburg 2020

Sie alle einte die Verehrung für den Animationsfilmpionier Walt Disney und dessen damals neuartige Zeichentechniken. In den Fünfzigern pendelte Goscinny zwischen den USA und Frankreich, wo er Uderzo, Sempé und weitere Zeichner kennenlernte.

Doch der Beruf „Szenarist“ war noch nicht anerkannt und Goscinny konnte sich erst 1959 - mit der Gründung des französischen Comicmagazins „Pilote“ und der Kreation von „Asterix“ - endgültig durchsetzen.

Catels Stärke sind hinreißend nostalgische, elegant gezeichnete Wimmelbilder, verdichtete Impressionen von Buenos Aires, New York oder Paris. Den kindlichen Goscinny zeichnet sie auf anrührende Weise als Klassenstreber, der schon immer den Schelm in sich trug und seine Mitschüler durch seine Späße für sich einnahm.

Durch seine zunächst holprig verlaufende Karriere wächst einem auch der stets freundliche junge Mann sehr bald ans Herz. In den Straßen New Yorks etwa scheint das noch unbekannte Talent Goscinny inmitten der Menschenmassen und angesichts drohender Verarmung verloren zu gehen.

Plaudereien auf Illustrierten-Niveau

Im Lauf der Lektüre der Comicbiografie vermisst man allerdings auch – der Vergleich drängt sich leider auf - den bissigen, satirischen Witz und den Esprit, den Goscinnys Werke auszeichnen.

Die Kindheitserlebnisse Goscinnys hätten bestimmt das Potenzial zu einer anspielungsreichen satirischen Darstellung gehabt, erreichen aber niemals den feinen ironischen Witz und die Poesie etwa seines „Kleinen Nick“ unter der Feder Sempés.

Da Catel zwischen den René Goscinny gewidmeten Kapiteln obendrein noch - wohl mit dem Anspruch, der gesamten Familie (siehe Buchtitel „Die Geschichte der Goscinnys“) gerecht zu werden -, die Initiatorin des Projekts Anne Goscinny porträtieren möchte und ihre eigenen Begegnungen mit ihr zeichnet, gerät Renés spannende Lebensgeschichte dadurch manchmal aus dem Blick, und die Comicbiografie droht, durch allzu banale Plauder-Dialoge vor hübsch gezeichneten „Schöner Wohnen“-Hintergründen auf Illustrierten-Niveau abzurutschen.

Goscinny auf dem Titel des besprochenen Bandes.
Goscinny auf dem Titel des besprochenen Bandes.Foto: Carlsen

Ausgeglichen werden diese Ungeschicklichkeiten jedoch durch den grandiosen Kunstgriff, zahlreiche seltene Originaldokumente in die Biografie einzumontieren: neben übersetzten schriftlichen Dokumenten sind vor allem die Zeichnungen des jungen René Goscinny interessant, die hier erstmals auf Deutsch veröffentlicht werden – aus den 1940er Jahren etwa Karikaturen von Hitler, Stalin oder Churchill, Buchillustrationen bis hin zu Auszügen aus ersten selbst gezeichneten Comics (z.B. des Privatdetektivs „Dick Dick´s“).

Diese waren für die damalige Zeit – im Vergleich mit frühen Zeichnungen Jijés, Franquins oder Morris etwa – gar nicht so übel, doch Goscinny selbst begriff eines Tages, dass sein schreiberisches Talent ausgeprägter war und er als Zeichner im Kreise seiner hochbegabten Freunde nicht mithalten konnte. Die Comicbiografie endet mit der Vorbereitung der ersten „Pilote“-Ausgabe von 1959, die zugleich den ersten Auftritt von „Asterix“ enthielt.

So bietet Catels „Geschichte der Goscinnys“, bei allen strukturellen Schwächen, einen leichtfüßig erzählten, aufschlussreichen Einblick in Goscinnys vielfältiges Leben (alternative biografische Darstellungen sucht man hierzulande leider vergebens), und offenbart zahlreiche Hinweise auf frühe Einflüsse, die in seinen späteren Werken zu finden sind.