Auf der Spur des rechten Terrors : Wie ein Comic Missstände beim Umgang mit dem NSU zeigt

Anne König und Paula Bulling arbeiten in einem dokumentarischen Comic zum NSU-Terror Bruchlinien der deutschen Demokratie heraus.

Andrea Heinze
Am Aktenschredder: Eine Szene aus „Bruchlinien“.
Am Aktenschredder: Eine Szene aus „Bruchlinien“.Foto: Spector

Es geht um drei Frauen, die in der Aufarbeitung der Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) bislang wenig oder gar nicht beachtet wurden.

Da ist Susann Eminger, eine Unterstützerin des NSU, die ihre Krankenversicherungskarte immer wieder Beate Zschäpe geliehen hat, als diese abgetaucht war. Und die vermutlich auch ein Wohnmobil gemietet hat, das nach einem Mord als Fluchtfahrzeug diente. Der Staatsanwaltschaft war das bekannt, trotzdem musste sich Eminger dafür nicht vor Gericht verantworten.

Dann ist da Sibylle, ihr Name ist ein Deckname für eine Mitarbeiterin des Verfassungsschutzes, die Akten über V-Männer vernichtet hat, nachdem der NSU aufgeflogen ist. Ihr Chef, der die Aktenvernichtung veranlasste, ist noch im Amt, sie selbst wurde deswegen in Frührente geschickt.

Und schließlich Gamze Kubasik, die Tochter eines Mordopfers: Sie wurde vor Gericht von Freunden der Angeklagten bedroht und musste erleben, dass ein Hauptunterstützer des NSU aus der Haft entlassen wird, weil er kleine Kinder hat. Die sind ungefähr so alt wie Kubasiks Bruder, als der Vater ermordet wurde.

Bruchlinien der deutschen Demokratie

Der Comic „Bruchlinien“ (Spector Books, 96 S., 24 €) von Paula Bulling und Anne König zeigt, wo die Bruchlinien der deutschen Demokratie und der damit verbundenen Rechtssicherheit liegen: Die polizeilichen Ermittlungen und die juristische Aufarbeitung des rechten Terrors funktionieren schlecht, weil rechter Terror nicht für möglich gehalten wurde. Und weil Mitarbeiter des Verfassungsschutzes die Aufklärung boykottieren.

Das Titelbild des besprochenen Buches.
Das Titelbild des besprochenen Buches.Foto: Spector

Die Details sind gut recherchiert. Bulling und König haben Interviews mit Beteiligten und Beobachtern des NSU-Prozesses geführt und im zweiten Teil des Buches veröffentlicht. Zusammengenommen entwickeln Comic und Dokumentation eine besondere Wucht. Weil der Comic wie ein emotionaler Schlüssel wirkt, der die Informationen noch interessanter werden lässt.

Mit ihren Zeichnungen bringt Bulling den Lesern diese drei Frauen nahe und zeigt, wie sehr deren Leben vom Terror des NSU geprägt ist. Die Figuren sind mit feinen schwarz-weißen Linien gezeichnet. Dem setzt Bulling Farbflächen in klaren Ocker-, Blau-, und Rottönen gegenüber. Die wirken wie Signale, als forderten sie die Leser dazu auf, genau hinzusehen.

Andrea Heinze präsentiert auf rbbKultur regelmäßig zusammen mit den Zeichnern Flix und Katja Klengel den Comic des Monats: www.rbb-online.de/rbbkultur/themen/literatur/rezensionen/comic/