Comic-Bestenliste : Die besten Comics 2019 – Christian Endres' Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das fragen wir unsere Leser und eine Fachjury. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Autor Christian Endres.

Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.
Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.Foto: Tsp

Auch in diesem Jahr fragen wir unsere Leserinnen und Leser wieder, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine Auswahl der Ergebnisse. Parallel dazu ist wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die besteht in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Birte Förster, Christian Endres, Ute Friederich, Moritz Honert, Sabine Scholz, Ralph Trommer, Lars von Törne.

Die Mitglieder der Jury küren in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Jeder individuelle Favorit wird von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt. Daraus ergibt sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landen. Diese Shortlist wird abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die am 19. Dezember im Tagesspiegel veröffentlicht wird.

Christian Endres.
Christian Endres.Foto: privat

Die Favoriten von Tagesspiegel-Autor Christian Endres

Platz 5: George Orwell – Die Comic-Biografie (Knesebeck)
George Orwell schrieb mit der Fabel „Die Farm der Tiere“ und dem dystopischen Roman „1984“ zwei waschechte Klassiker der Weltliteratur. Speziell wegen seiner großen Dystopie zum Überwachungsstaat sowie seiner Abneigung gegen totalitäre Systeme aller Art scheint Orwell zeitgemäßer denn je. Da kommt eine Comic-Biografie gerade recht. Umgesetzt haben das stattliche Album der erfahrene Autor und „Valerian und Veronique“-Mitschöpfer Pierre Christin und Hauptzeichner Sébastien Verdier in schwarz-weißen Bildern, die oftmals an Jason Lutes’ „Berlin“-Epos erinnern. Christin, Verdier und Gastzeichner wie Enki Bilal vermitteln in geraffter Form einen guten Eindruck von Orwells Leben. Obwohl Christin nicht nur Zitate verwendet, hat man das Gefühl, dem Tun und Denken des großen Autors ganz nahe zu kommen. Am Ende wird sein Vermächtnis sogar im gegenwärtigen Kontext betrachtet, da Orwells Texte heute unterschiedlich instrumentalisiert werden. Eine erstklassige historische, aber eben auch sehr aktuelle Comic-Biografie.

Platz 4: Hilda und der Bergkönig (Reprodukt)
Die „Hilda“-Alben des englischen Autors und Zeichner Luke Pearson sind seit Jahren das Beste, was es in Sachen All-Age-Comics zu lesen gibt. Zuletzt speisten die Comic-Abenteuer der forschen Titelheldin, die in einer heimeligen Fantasiewelt voller Riesen, Trolle und Fuchshörnchen lebt, sogar eine grandiose Netflix-Animationsserie. Dennoch ist „Hilda und der Bergkönig“ das vorerst letzte Album, da Pearson sich anderen Projekten widmen will. Im abschließenden „Hilda“-Comic zeigt er noch einmal eindrucksvoll, wieso seine Fantasy-Bildergeschichten Leser jeden Alters begeistern mit ihrer Mischung von Mumin-Geschichten und Ghibli-Anime-Märchen. Die bunten Seiten sind schwungvoll gezeichnet und prall mit Panels und Story gefüllt. Das Verhältnis von Düsternis, Niedlichem, Anspruch und Einfachheit stimmt durchgehend, und auf jede dezent implantierte gute Botschaft kommen seitenweise Spannung und Spaß. Sich von Hilda zu verabschieden, fällt nicht leicht, so überzeugend und zauberhaft das Finale auch ausgefallen ist.

Platz 3: Zusammenbruch (Reprodukt)
„Zusammenbruch“ von Pascal Rabaté ist ein mustergültiger Antikriegscomic. Im Mittelpunkt stehen französische Soldaten, die 1940 nach der Kapitulation weiter ums Überleben und um ihre Menschlichkeit kämpfen müssen. Das Leid der Soldaten und der Zivilisten auf dem Land ist jederzeit greifbar. Rabenschwarzer Humor verstärkt die Finsternis des Zweiten Weltkriegs letztlich eher noch. Der stilistisch immens variable Rabaté pflegt in diesem Werk, das in Graustufen daherkommt, zumeist einen leichten Strich mit dezenten Schraffuren, in dem er alles einzufangen vermag: bedrückende Momente, tragische Szenen, sardonischen Humor. Das visuelle Storytelling des 1961 geborenen Franzosen ist geradezu meisterhaft präzise und nuanciert. Ein eindringlicher, handwerklich hervorragender Comic über den ‚zeitlosen Charakter’ des Krieges.

Platz 2: Nachts im Paradies (Edition Moderne)
Obwohl der 1967 geborene Frank Schmolke selbst immer mal als Taxifahrer in München arbeitet, ist sein Comic-Roman „Nachts im Paradies“ mit 350 Seiten auf dem Taxameter keine Aneinanderreihung witziger Episoden und schräger Anekdoten, mittels derer Schmolke seine Erfahrungen hinter dem Steuer verarbeitet. Man erwartet eine Autobiografie, wird stattdessen jedoch von einem starken deutschen Noir-Krimi aus der bayrischen Landeshauptstadt eiskalt erwischt. Schmolke erzählt vom Münchner Taxifahrer Vincent, der zur Zeit des Oktoberfests, wenn gefühlt nur Zombies unterwegs sind und für die urbanen Kutscher Ausnahmezustand herrscht, in die Welt von Prostitution und Gewalt stolpert. Gleichzeitig gerät Anna, die Tochter des geschiedenen Vincent, in Bedrängnis. Dieser Münchner „Taxi Driver“ ist absolut packend und souverän umgesetzt, während der klare, realistische Schwarz-Weiß-Strich Schmolkes dem Artwork eines Reinhard Kleist in nichts nachsteht. Die Überraschung des Jahres.

Platz 1: Moonshine Bd. 1 (Cross Cult)
Schwarzbrennende Hillbilly-Werwölfe und bleispuckende Großstadt-Mafiosi, die sich zur Zeit der Prohibition in den bewaldeten Hügeln des nordamerikanischen Appalachen-Gebirges zwecks Whiskey-Schmuggelei brutal bekriegen? In den Händen von US-Autor Brian Azzarello und dem argentinischen Ausnahmezeichner Eduardo Risso, einem Dream-Team der Neunten Kunst, wird das zu Comic-Gold. Die preisgekrönten Macher von „100 Bullets“ destillieren in „Moonshine“ einen Südstaaten-Horror-Krimi, wie man ihn besser nicht in Schrift und Bild umsetzen kann. Azzarello bedient mit seiner Story, seinen Figuren und deren Dialogen auf vorzügliche Weise gleich mehrere Subgenres zwischen Gangstern und Werwölfen, und Risso ist nun mal schlichtweg ein moderner Meister des grafischen Erzählens. Dank ihm ist jedes Panel von „Moonshine“ stimmungsvoll, brutal, lässig, blutig, cool oder – und – unverschämt sexy. Nichts Feingeistiges, aber ein perfekt gemachter Reißer mit Whiskey, Wolfsfängen und Maschinenpistolen.

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