Comic „Langfinger und Wackelzahn“ : Jugendstil

Michel Esselbrügges „Langfinger und Wackelzahn“ rührt aus Meisterdieben, Superkräften und kaputten Familienverhältnissen eine kuriose Mischung an

Nicht die Jugend ist kaputt, nur ihre Umgebung: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.
Nicht die Jugend ist kaputt, nur ihre Umgebung: Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.Foto: Rotopolpress

Alle sind irgendwie gefrustet in Michel Esselbrügges Comic mit den Charakteristika eines Entwicklungsromans. Aber hier soll ebenso von Überentwicklungen im Sinne der Hypertrophie die Rede sein – was nichts anderes meint, als dass der Meisterdieb seinen Namen Langfinger bedingt durch die abnorme Elastizität seiner so in jedes Türschloss passenden Fingerglieder trägt; Plastic Man und Reed Richards lassen grüßen.

Doch wo Fantasic-Four-Mitglied Richards quasi ein Familienunternehmen von Superhelden führt, sind Bluts- und sonstige Bande in dieser suburbanen Wüste zwischen der immer gern für Metaphern genutzten Haltestelle und dem stets interpretationsoffenen Wald weitestgehend abwesend.

Als identitätsstiftende und wärmespendende Optionen verbleiben daher also lediglich Verbrüderung und Banden(un-)wesen. Nun gut, Plastic Man hat auch nur Woozy Winks und Langfinger eben Max. Allerdings dient dessen junger und Bestätigung suchender Freund nicht wie Winks als comic relief, sondern zur Illustration eines aus der Spur geratenen Lebens als unter der Trennung der Eltern leidendes Kind.

Dessen in Komplizenschaft mit Langfinger vollzogenes Abstecken von Revieren markiert die Auslotung eigener und fremder Grenzen, deren Übertretung ebenso lustvoll wie gewalttätig zelebriert wird, ohne je den moralischen Zeigefinger zu erheben – gefragt ist hier Biegsamkeit ohne Preisgabe des eigenen Rückgrats.

 Rächer und Raumteiler

 Jugendlicher Wut gerecht werdend, changiert die Grafik zwischen Johnny Ryans Krawall-Comic „Prison Pit“ und der im Marvel-Universum kanonischen Darstellung von „Avengers“-Gegner Ultron. In Wut verzerrte Gesichter, abgeschmeckt mit Manierismen à la Charles Burns, dessen Dramen über eine entwurzelte und ebenso mutierte Jugend Geschwister im Geiste sind, bescheren Esselbrügges Werk in der Gesamtsumme aufgrund expressiver Wildheit im Strich anerkennenswerter Weise Eigenständigkeit – zumal die konstante Veränderung der Protagonisten mittels entgleisender Gesichtszüge als Erzählmittel genutzt wird, ohne sich sklavisch zusätzlicher Erläuterung durch Texte zu verschreiben.

Durch konterkarierende Äußerungen der Protagonisten wie „Keinen Bock mehr auf eure authentischen Fratzen“ gewinnt diese Meta-Kommentierung seiner Vorgehensweise ungemein.

Im Wald da sind die Räuber und was nicht noch alles: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.
Im Wald da sind die Räuber und was nicht noch alles: Eine Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Rotopol

Genauso weiß der Autor Raum zu nutzen: Wenn sich also Langfinger und Miri – eigentlich Mitglied einer mit dem ungleichen Duo im Clinch liegenden Bande – gegenüberstehen, braucht es keine weiteren Hintergründe, sondern bloß ein paar Speedlines und das Weglassen des Mundes zwecks Symbolisierung atemloser Sprachlosigkeit zur Unterstreichung einer virulenten Beziehungsdynamik mit potenziellem Paarungswillen – so in etwa muss The Space Between Us aussehen, dem Craig Armstrong einst ein ganzes Album widmete. Esselbrügge braucht dafür gerade mal ein beeindruckendes Panel.

 Zur Anzeige gebracht

 Einziges Manko: Die unverhohlene Produktplatzierung von Energy-Drinks und Cerealien. Was rückblickend wiederum kein ganz neues Phänomen im Œuvre des Künstlers darstellt – für die deutsch-/finnische Ausgabe des finnländischen Comic-Magazins Kuti #33 schuf Esselbrügge einst ein Titelbild, bei dem das Logo des Heftes stark an das Markenzeichen eines aus Spanien stammenden und weltweit bekannten Lutscherfabrikanten erinnerte.

Doch wo Letzteres als hämisches Spiel mit der allumfassenden Konditionierung in einer markengeprägten Gegenwart ohne Produktnennung inszeniert wurde, wirkt das namentliche product placement in „Langfinger und Wackelzahn“ wie der gescheiterte Versuch derartige Konsumgüter als Teil eines Lifestyles abzubilden, während tatsächlich den Markt dominierenden Marken der Hof gemacht wird.

Denn wer mit Begriffen wie Corporate Identity in den Dialogen um sich schmeißt, sollte genau überlegen, was er dem Publikum verkauft. Oder seine offensichtliche Obsession damit eventuell anders in den Griff kriegen.

Michel Esselbrügge: Langfinger und Wackelzahn, Rotopolpress, 168 Seiten, 19 Euro

Das Titelbild des besprochenen Comics.
Das Titelbild des besprochenen Comics.Foto: Rotopol

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben