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Gold. Mit dieser Auszeichnung können sich in diesem Jahr die Favoriten der Tagesspiegel-Jury schmücken.
© Tsp

Comic-Bestenliste: Die besten Comics 2018 –Marie Schröers Favoriten

Welches sind die besten Comics des Jahres? Das haben wir unsere Leser und eine Fachjury gefragt. Heute: Die Top-5 von Tagesspiegel-Autorin Marie Schröer.

Auch in diesem Jahr haben wir unsere Leserinnen und Leser wieder gefragt, welches für sie die besten Comics der vergangenen zwölf Monate waren - hier eine Auswahl der Ergebnisse. Parallel dazu war wie bereits in den vergangenen Jahren wieder eine Fachjury gefragt. Die bestand in diesem Jahr aus acht Autorinnen und Autoren der Tagesspiegel-Comicseiten: Barbara Buchholz, Ute Friederich, Moritz Honert, Oliver Ristau, Sabine Scholz, Marie Schröer, Ralph Trommer und Lars von Törne.

Die Mitglieder der Jury haben in einem ersten Durchgang ihre fünf persönlichen Top-Comics des Jahres gekürt, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Deutsch erschienen sind. Die Ergebnisse finden sich unter den obigen Namens-Links. Jeder individuelle Favorit wurde von den Jurymitgliedern mit Punkten von 5 (Favorit) bis 1 (fünftbester Comic) beurteilt. Daraus ergab sich dann die Shortlist, auf der alle Titel mit mindestens fünf Punkten oder mindestens zwei Nennungen landeten. Diese Shortlist wurde abschließend von allen acht Jurymitgliedern erneut mit Punkten bewertet - daraus ergab sich die Rangfolge der besten Comics des Jahres, die sich unter diesem Link findet.

Marie Schröer.
Marie Schröer.
© Privat

Hier dokumentieren wir die Favoriten von Tagesspiegel-Autorin Marie Schröer.

Platz 5: „Girlsplaining“ von Katja Klengel
„Girlsplaining“ ist nicht nur für jugendliche Comicfans zu empfehlen, für diese aber ein absolutes Must-Read. Katja Klengel führt in ihren autobiografischen Kolumnen vor, wie stark die meisten von uns noch immer von archaischen und absurden Rollenmustern geprägt sind. Die Karla Kolumna des feministischen Comics inszeniert, analysiert und kommentiert Phänomene wie Menstruations-Scham, Enthaarungs-Pflicht und Reproduktions-Diktat. Das macht den Comic so wichtig. Dass Klengel dabei absolut undogmatisch, selbstironisch und schwarz-humorig vorgeht, dass sie ebenso fröhlich wie kompetent mit Bild- und Textzitaten von Sailor Moon bis Dickens jongliert und nebenbei resolut zeigt, wie gut das Medium Comic für essayistische Erzählformen geeignet ist, sei ebenfalls erwähnt. Denn das macht den Comic so gut.

Platz 4: „Lichtung“ von Antonia Kühn
Antonia Kühns Debüt „Lichtung“ ist nicht zuletzt deshalb so reizvoll, weil es sich so schlecht in die gängigen populären Langcomic-Kategorien deutscher Kunsthochschulabsolventen einordnen lässt: keine Geschichtsaufarbeitung, keine politische Agenda, keine Autobiografie, keine Literaturadaption. Stattdessen erwartet uns eine stille, fast kontemplative Familiengeschichte über Verlust, Entfremdung und Wiederannäherung. Vater, Tochter und Sohn haben seit dem Tod der Mutter ihr jeweiliges Päckchen zu tragen. Aus der Perspektive des jüngsten Kindes erzählt, werden längst vergrabene Erinnerungen und Familiengeheimnisse ans Tageslicht gebracht und wird der Schmerz ob der unwiederbringlichen Vergangenheit in Bilder gefasst. Der Comic beeindruckt durch seine unkonventionelle und intelligente Bildsprache. Objekte aus der Erzählung, seien es der traditionelle Geburtstagskuchen oder Papiermenschen-Girlanden, fungieren noch lange nach ihrer inhaltlichen Verhandlung als grafische (die Panelform und -anordnung inspirierende) Leitmotive. Sie werden damit zum Echo, das vergangene Szenen ebenso wie die Vergangenheit als abstraktes Konzept immer wieder in Erinnerung ruft. Vielschichtig, spannend, anders.

Platz 3: „Heimat – ein deutsches Familienalbum“ von Nora KrugNicht auszuschließen, dass vereinzelte kritische Stimmen Nora Krugs „Familienalbum“ das Comic-Sein gerne absprechen würden. Zwischen den Buchdeckeln findet sich nämlich kein Comic in Reinform, sondern ein Mix aus Comicpassagen, Illustrationen, Collagen, Kinderzeichnungen und Fotografien. Das Buch „Heimat“ ist damit (genauso wie sein titelgebender Begriff) ein schwer zu verortendes (und immerhin 288 Seiten schweres) Hybrid. Einfalls-, Methoden- und Textsortenreichtum, inspirierte Zeichnungen (die mit Farben, Materialien und expressionistischem Strich experimentieren) und hochwertige Bindung machen das book as object zu dem perfekten Geschenk für Kunstfreunde und Bibliophile. Diese ästhetischen Vorzüge sind allerdings mehr als bloßer Selbstzweck. Die Autorin profitiert von künstlerischem Können und Sammelleidenschaft, um der emotional aufwühlenden Frage nach der (potentiellen) nationalsozialistischen Vergangenheit ihrer Großeltern nachzugehen. Aus Brooklyn reist sie dafür zurück in das Karlsruher Umland ihrer Kindheit und Familie. Die Aufzeichnungen der Spurensuche ziehen die fragilen Linien zwischen Familien-Banden und die Übergänge zwischen Sehnsuchts- und Schreckensorten nach, und reflektieren dabei universelle Fragen von Schuld, Scham und Sühne. In Zeiten, in denen Parteien wie die AFD den Heimat-Begriff einmal mehr verklären und rhetorisch geschickt als Waffe gegen alles Fremde einzusetzen wissen, ist solch eine differenzierte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und ihren generationenübergreifenden Folgen für nationale und individuelle Identitätskonstruktionen nicht nur willkommen, sondern notwendig. Das hier sind die beiden Top-Titel von Marie Schröer

Platz 2: „Am liebsten mag ich Monster“ von Emil Ferris
Auf dem Klappentext von „Am liebsten mag ich Monster“ wird die amerikanische Star-Autorin Alison Bechdel zitiert, die dem Comic attestiert ein „Monster – im bestmöglichen Sinne“ zu sein. Recht hat sie. In (m)einer ähnlichen Lesart handelt es sich bei dem Debüt um ein „im bestmöglichen Sinne“ eigen- und einzigartiges Buch, das Elemente von Initiationsroman, Milieustudie und Kriminalgeschichte raffiniert und ungewohnt vereint. Das Setting: Die späten sechziger Jahre in Chicago. Die zehnjährige Karen lebt mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in einer spartanischen Kellerwohnung. Ihre ehemals beste Freundin (für die sie mehr als freundschaftliche Gefühle hegt) hat sich von ihr und dem gemeinsamen Faible für Horror, Pulp und Monster verabschiedet und sich als Girly neu erfunden. Wäre nicht der große, tätowierte Bruder, der mit ihr die Leidenschaft für die Kunst, das Zeichnen und monströse Gestalten teilt, würde sie sich noch unverstandener fühlen. Als man Karens Nachbarin tot auffindet, wird die Suche nach einem Täter für sie zu einer willkommenen Abwechslung. Erzählt wird aus der Kleinmädchen-Perspektive; in den Händen halten wir das (fiktionale) grafische Tagebuch der Erzählerin (inklusive der blassen blauen Linien und Ringbindung eines A4-Notizbuchs für den besseren trompe-l’oeil-Effekt). Sechs Jahre Arbeit stecken in den fast 400 Seiten – und die haben sich gelohnt. Virtuose Kugelschreiber-Gemälde, hinreißend dysfunktionale Charaktere und vor allem der ebenso komplexe wie spannende Plot machen das Erstlingswerk von Emil Ferris zu einem prädestinierten Page Turner und große Lust auf die Fortsetzung, die im Original schon im Herbst 2019 erfolgen soll.

Platz 1: „Mühsam – Anarchist in Anführungsstrichen“ von Jan Bachmann
Erich Mühsam ist abseits der einschlägigen links-anarchistischen Zirkel leider kaum (mehr) bekannt. Dabei hat er neben dezidiert politischer Literatur auch so manches hübsche Gedicht (à la Kästner, Keun und Tucholsky), Theaterstücke und, zwischen 1910 und 1923, fleißig Tagebuch geschrieben. Wer etwas über die deutsche Literatur- und Politikszene jener Jahre erfahren will, darüber wie junge Linke schon damals mit der Sozialdemokratie haderten, oder wer sich ganz allgemein über schöne Sätze und pointierte Beobachtungen freut, dem sei die 13-bändige Tagebuch-Publikation des Berliner Verbrecher-Verlags ans Herz gelegt. Dem jungen Schweizer Comic-Künstler Jan Bachmann ist mit seiner Hommage „Mühsam – Anarchist in Anführungsstrichen“ eine Adaption des ersten Bands gelungen, das dem Esprit seiner Vorlage (und dem des Vorlagenverfassers) gerecht wird. Bachmann übersetzt Mühsams Tagebuch in fröhlich-karikatureske Bilder; Zeichenstil und Kolorierung erinnern an Joann Sfar. An manchen Stellen übernimmt er Originalpassagen; an anderen Stellen lässt er seiner Fantasie ungehemmt freien Lauf. Gezeigt und erzählt wird im Comic, wie sehr der junge Mühsam das aus Gesundheitsgründen aufgezwungene Sanatorium hasst, wie stark er sich nach seinem Geliebten sehnt, wie unverstanden er sich von seiner Familie fühlt und wie nah er seinem bürgerlichen Ursprungsmilieu noch immer verhaftet ist – auch wenn er sich als enfant terrible neu erfunden hat. Der Comic ist lustig, klug und überaus kurzweilig. Eine Parallellektüre von Comic- und Prosaversion fühlt sich übrigens nicht redundant, sondern besonders bereichernd an. Zu sehen, welche bon mots sich Bachmann für die Textebene herausgepickt hat und wie er anderen extravaganten Passagen allein anhand von Bildern gerecht wird, ist überaus aufschlussreich. Bachmann zeigt, dass Adaptionen im Idealfall ein Mehr darstellen und eine andere, weitere Lektüre des Ausgangstextes anbieten. Um der Qualität des Originals und dem Potential des Mediums gerecht zu werden, sollten Comic-Adaptionen Nacherzählungen, Verkürzungen und Didaktisierungen tunlichst meiden. Bachmann tappt in keine dieser Fallen, sondern reanimiert die lang vernachlässigten Schriften Mühsams ganz lässig und freestyle. Besser geht es nicht.

Marie Schröer

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