Die wichtigsten Comics aus Norwegen : Nordische Botschafter

Norwegen ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Für Comicleser gibt es im Land viel zu entdecken.

Erle Marie Sørheim
Familienalbum: Eine Seite aus Steffen Kvernelands Comic „Ein Freitod“.
Familienalbum: Eine Seite aus Steffen Kvernelands Comic „Ein Freitod“.Foto: Avant

Er war gerade 18 geworden, als sein Vater sich das Leben nahm. Viele Jahre später wird Steffen Kverneland selbst Vater und fängt an, über seine Kindheit und das Vatersein nachzudenken. In seinem neuen Comic „Ein Freitod“ (Avant, 120 S., 28 €), der soeben auf Deutsch erschienen ist, mischt er glückliche Kindheitserinnerungen mit Szenen voller Trauer sowie der Geschichte des Vaters. Selten hat man etwas so Einfühlsames, Lebensfrohes über Depressionen und Suizid gelesen.

Das Titelbild von Steffen Kvernelands Comic „Ein Freitod“.
Das Titelbild von Steffen Kvernelands Comic „Ein Freitod“.Foto: Avant

Kverneland ist einer der bekanntesten Comiczeichner Norwegens. Das Land ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse (16.-20. Oktober). Seinen Durchbruch hatte er 2013 mit „Munch“, einer Comicbiografie des Künstlers Edvard Munch. Das Buch wurde zum Bestseller, Kverneland bekam den renommiertesten Literaturpreis Norwegens, den Brageprisen, für das beste Sachbuch.

Er zeichnet sich oft selbst in seine Comics hinein und wirkt mal ernsthaft und nachdenklich wie in „Ein Freitod“, und mal satirisch, kritisch und komisch wie in „Munch“ oder „Olaf G.“

Letzteres Buch hat Kverneland zusammen mit seinem Freund und Kollegen Lars Fiske gezeichnet. Ihre gemeinsame Faszination für den norwegischen „Simplicissimus“-Zeichner Olaf Gulbransson hat sie auf eine Recherchereise geführt, die sie nach Bayern brachte. Mit „Olaf G.“, das 2007 in Deutschland erschien, haben Fiske und Kverneland quasi ein neues Comicgenre erfunden: die persönliche Künstlerbiografie, in der ihre Gespräche über Gulbransson genauso interessant sind wie die Geschichte des Künstlers selbst.

Gezeichnete Künstlerbiografien von Grosz und Schwitters

Ihre Zusammenarbeit funktioniert auch so gut, weil die beiden sehr klar unterscheidbare Zeichenstile haben. Während Kverneland gerne realistische Aquarelle malt, ist Fiskes Ausdruck stilisiert, gradlinig und vom Kubismus inspiriert. Die beiden verfügen über umfassende kunstgeschichtliche Kenntnisse, Fiske hat zwei eigene Künstlerbiografien geschaffen.

In „Herr Merz“ zeichnet Fiske die Geschichte von Kurt Schwitters nach. Der deutsche Dadaist emigrierte 1937 nach Norwegen. Anfang dieses Jahres ist Fiskes fast wortloser Comic über George Grosz erschienen (Avant, 80 S., 25 €). In schwarz-weiß-beigen Bildern erweist er darin Grosz' Stil die Ehre, ohne seinen eigenen Ausdruck zu verlieren.

Aufklärung über Babys und den menschlichen Hintern

Lars Fiskes Frau Anna ist ebenfalls eine preisgekrönte Kindercomiczeichnerin. Und eine sehr produktive: Um die 60 gezeichnete und andere Bücher für Kinder und Erwachsene hat sie bislang veröffentlicht.

So richtig berühmt wurde sie in Norwegen aber trotzdem erst im vergangenen Jahr mit dem Sachbuch „Wie Babys entstehen“. Mit Humor und ganz ohne Scham oder Peinlichkeiten erklärt sie die menschliche Fortpflanzung, ihre naiv wirkenden Bilder sind bunt und charmant. In Norwegen half das Buch vielen Eltern, zu entspannen und die Erklärung des schwierigen Themas Fiske zu überlassen. „Wie Babys entstehen“ wurde ein Bestseller und wird jetzt in 18 Sprachen übersetzt. In Deutschland soll es nächstes Jahr beim Hanser Verlag erscheinen.

Schon jetzt kann man ein anderes Buch von Fiske auf Deutsch lesen: „Alle haben einen Po“ (Hanser, 80 S., 14 €) - ein Buch über genau das, den menschlichen Hintern.

Kämpferisch. Eine Doppelseite aus „Rebellische Frauen“.
Kämpferisch. Eine Doppelseite aus „Rebellische Frauen“.Foto: Elisabeth Sandmann Verlag

Feministische Botschaft mit Humor

In Norwegen waren Comics wie in den meisten Ländern lange Zeit fast eine reine Männersache, es gab nur wenige Zeichnerinnen und Leserinnen. Das hat sich geändert.

Ganz vorne stehen Marta Breen und Jenny Jordahl. Zusammen haben sie vier Comics veröffentlicht. Ihr Erfolgsrezept ist die Verbindung einer feministischen Botschaft mit Humor und drastischen Formulierungen. Die Rechte für ihr jüngstes, in Norwegen und nach Verlagsangaben auch in Deutschland sehr gut verkauftes Buch „Rebellische Frauen“ (Elisabeth Sandmann Verlag, 128 S., 25 €) wurden bislang in 28 Länder verkauft.

Das Titelbild des aktuellen Bucha von Marta Breen und Jenny Jordahl.
Das Titelbild des aktuellen Bucha von Marta Breen und Jenny Jordahl.Foto: Elisabeth Sandmann Verlag

Eine Besonderheit Norwegens ist der absurde Comic. Das Kollektiv Dongery, bestehend aus Flu Hartberg, Bendik Kaltenborn, Sindre Goksøyr, Kristoffer Kjølberg, Anders „Damonso“ Monsen und Marius Molaug ist seit knapp 20 Jahren Vorreiter dieser Richtung.

Mit Zeichnungen, Trickfilmen, Skulpturen und Büchern hat die Gruppe das Publikum zum Lachen und zum Kopfschütteln gebracht. Entweder man liebt Dongery oder man empört sich über die Abwesenheit von konventioneller Erzählweise und Komposition.

Im Ausland ist Bendik Kaltenborn am bekanntesten, er arbeitet als Illustrator für Publikationen wie „The New Yorker“. Seine Comics sind oft von Geschäftsmännern bevölkert, die sich gar nicht wie Geschäftsmänner benehmen. Im Herbst soll seine Kurzgeschichten-Sammlung „Erste Sahne“ auf Deutsch erscheinen. Ein Muss für alle, die absurden Humor und elegante Linien mögen.

Erste Sahne: Bendik Kaltenborn Kurzgeschichten-Sammlung soll im Herbst auf Deutsch erscheinen.
Erste Sahne: Bendik Kaltenborn Kurzgeschichten-Sammlung soll im Herbst auf Deutsch erscheinen.Foto: Avant

Auch das Werk eines der bekanntesten norwegischen Autoren wurde als Comic adaptiert. Knut Hamsun (1859-1952) ist in seinem Heimatland wegen seines Eintretens für den Nationalsozialismus umstritten, seine Bücher sind trotzdem Klassiker geworden. Sein Debütroman „Hunger“ von 1890 gilt als wichtigstes Buch des norwegischen Modernismus.

Fast 130 Jahre nach der Veröffentlichung hat der Zeichner Martin Ernstsen „Hunger“ nun als Comic umgesetzt. Ironischerweise war die Arbeit so hart und zeitraubend, dass er wie der Protagonist ärmer und ärmer wurde. Am Ende hat er den Comic trotzdem fertigbekommen, die Kritiker haben das Resultat sehr gelobt.

Über 220 Seiten hinweg schafft Ernstsen es, Hamsuns Werk treu zu bleiben, ohne seine eigene Stimme zu verlieren. Im September soll das Buch bei Avant auch auf Deutsch erscheinen.

Mehr norwegische Comics auf Deutsch als je zuvor

So viele norwegische Comics wie in diesem Jahr gab es nie zuvor auf Deutsch zu lesen. Das hat natürlich mit der Frankfurter Buchmesse zu tun, aber auch mit der gewachsenen Qualität.

Und man hat in Norwegen angefangen, Comics als eigenständige Kunstform wahrzunehmen. Sie bieten einen Einblick in die norwegische Seele, denn sie sind wie das Land, aus dem sie kommen: schön, abwechslungsreich und ein bisschen wild.

Erle Marie Sørheim ist norwegische Journalistin und lebt in Berlin

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