Finale mit Mawil : Tagesspiegel beendet Sonntags-Comics

Nach 13 Jahren erschien gestern der letzte Strip. Künftig soll es an der Stelle Fotokunst geben.

Finale: Mit diesem Strip beendete Mawil am 28. April die Sonntags-Comics des Tagesspiegels.
Finale: Mit diesem Strip beendete Mawil am 28. April die Sonntags-Comics des Tagesspiegels.Illustration: Mawil/Tagesspiegel

„Der letzte macht das Licht aus“: Unter diesem Titel erschien auf den gestrigen Sonntagsseiten des Tagesspiegels ein Strip des Berliner Comiczeichners Mawil, der das Ende einer Ära verkündete: Nach 13 Jahren wird es auf der letzten Seite des Tagesspiegel-Sonntagsmagazins keine Comics mehr geben. Hier kann der Strip in größerer Auflösung gelesen werden.

„Ab 5. Mai erscheint der Tagesspiegel am Sonntag optisch erneuert“, teilte die Sonntagsredaktion dazu mit. „Nach 13 Jahren sonntäglicher Comic-Kolumne, präsentieren künftig an gleicher Stelle junge Fotokünstler der FH Dortmund ihre Arbeiten.“ Comics fänden im Tagesspiegel „weiterhin regelmäßig im Checkpoint und auf Mehr Berlin statt“, heißt es mit Bezug auf den Berlin-Strip der Zeichnerin Naomi Fearn.

Inspiriert von „Calvin und Hobbes“ und den „Peanuts“

Fearns Comic-Strip erscheint mit Ausnahme von Sonntag inzwischen täglich – fünf Mal pro Woche im digitalen Tagesspiegel-Newsletter „Checkpoint“ (Gratis-Abonnement hier) und immer sonnabends auf den gedruckten „Mehr Berlin“-Seiten. „Die Redaktion bedankt sich ganz herzlich bei Birgit Weyhe, Lisa Frühbeis, Marvin Clifford, Mawil und ihren Vorgängern“, teilt die Sonntagsredaktion weiter mit.

Der wöchentliche Tagesspiegel-Strip war im Juni 2006 gestartet worden. Der damalige Leiter der Sonntagsseiten, Norbert Thomma, hatte dabei die klassischen „Sunday Strips“ der US-Zeitungen als Vorbild im Kopf, die man dank Serien wie „Calvin und Hobbes“ und „Peanuts“ auch hierzulande gut kennt. Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die mit Strips wie Volker Reiches „Strizz“ dem modernen deutschen Zeitungscomic den Weg geebnet hatte, war damals eine Inspiration. Die Zeichnerinnen und Zeichner wählte damals der Autor dieses Artikels in Absprache mit der Sonntagsredaktion aus.

Arne Bellstorf machte den Anfang

Den ersten Tagesspiegel-Strip lieferte der Hamburger Zeichner Arne Bellstorf, veröffentlicht wurde der in der Sonntagsausgabe vom 11. Juni 2006. In der Woche drauf war sein Berliner Kollege Mawil mit einem ersten Strip vertreten. Ihm folgte eine Woche später Tim Dinter. Die Manga-Zeichnerin Anike Hage war in der Woche darauf dran.

In den folgenden Monaten und Jahren gab es dann immer wieder einzelne Wechsel, es kamen weitere Zeichnerinnen und Zeichner hinzu, die mal für längere und mal für kürzere Zeiträume ihre Arbeiten auf der letzten Sonntagsseite veröffentlichten. Die gewährte dank ihres fast der Größe alter Langspielplatten entsprechenden Formats viel Freiraum zum Erzählen, und immer wieder auch für formale Experimente.

Diese Möglichkeiten nutzte neben Mawil vor allem Flix, der später für viele Jahre dabei war, zudem vorübergehend auch Olivia Vieweg und Barbara Yelin, und immer wieder gab es auch mal einzelne Gastspiele von Hamed Eshrat, Tim Gaedke und anderen Zeichnern. Am Schluss bestand das feste Zeichner-Quartett neben Mawil aus Marvin Clifford, Lisa Frühbeis und Birgit Weyhe.

Mehrere Bücher und ein Max-und-Moritz-Preis

Mehrere der Comicreihen, die im Tagesspiegel ihre Premiere hatten, wurden später zu Büchern. Zum, Beispiel Flix‘ Sammlung eigener und fremder Erinnerungen an die deutsche Teilung unter dem Titel „Da war mal was …“ sowie seine Liebesgeschichten-Sammlung „Schöne Töchter“, die formal besonders experimentierfreudig war. Von Mawil wurden größere Teile seines Tagesspiegel-Oeuvres als Sammelband „Singles Collection“ veröffentlicht. Olivia Vieweg brachte ebenfalls eine Sammlung ihrer Tagesspiegel-Comics heraus, ebenso Arne Bellstorf und zuletzt Lisa Frühbeis. Und Tim Dinters Reihe autobiografisch inspirierter Berlin-Episoden erschien unter dem Titel „Lästermaul und Wohlstandskind“ ebenfalls in gebundener Form.

Einmal gab’s dank Flix für die Tagesspiegel-Comics auch einen Max-und-Moritz-Preis, der als eine Art deutscher Comic-Oscar gilt. „Wer Comics liebt, der wird an dieser Serie, die alle vier Wochen sonntags im Berliner „Tagesspiegel“ erscheint, seine helle Freude haben“, hieß es damals in der Begründung der Jury. „Flix bringt in „Schöne Töchter“ nicht nur auf subtilste Weise die Faszination zwischen Männern und Frauen aufs Papier, sondern nutzt das ungewöhnliche quadratische Format auch für die schönsten Spielereien.“ So sei einmal das in Deutschland zustande gekommen, „was wir sonst nur aus den klassischen amerikanischen Sunday Strips der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kennen – und aus den Sonntags-Folgen von „Calvin und Hobbes““, wie es weiter heißt. „Wer wissen will, was der Comic auf beschränktem Raum alles leisten kann, der lese und liebe diesen Comic-Strip.“

Trauer auf Twitter und Facebook

Nun ist es mit dem Sonntagscomic an dieser Stelle vorbei. Aber Comics soll und wird es im Tagesspiegel auch weiterhin geben. Nicht nur in Form der oben erwähnten täglichen Berlin-Strips von Naomi Fearn sowie auf der monatlichen Seite mit Comicrezensionen und Interviews, auf der auch jedes Mal eine ganze Seite aus einem bereits veröffentlichten Comic groß präsentiert wird. Darüber hinaus sind weitere Formate in der Diskussion, in denen Comics auch künftig eine Rolle im Tagesspiegel spielen werden – mehr darüber zu gegebener Zeit.

Nachdem das Aus für die Tagesspiegel-Sonntagsstrips gestern bekannt wurde, gab es im Internet viele enttäuschte Reaktionen. „Wirklich schade! Die Comic Seite des @Tagesspiegel war immer unser Highlight am Sonntag“, teilte eine langjährige Leserin auf Twitter mit. „Ein herber Rückschlag für die Comic-Leser“, befand ein weiterer Twitter-Nutzer. Die Kölner Zeichnerin Sarah Burrini twitterte: „Adieu Comic-Sonntagsseite vom @Tagesspiegel. Vielen Dank, dass es sie gab und alles Gute an die Kollegen!“

Und Flix schrieb auf Facebook zum Abschied diesen längeren Beitrag: „Diesen Sonntag wird der letzte Comic im Tagesspiegel Sonntag abgedruckt, was ich sehr, sehr schade finde. Denn dieser Comicplatz war in Deutschland einzigartig. Sein Format mit den fast quadratischen 27x27,2cm hat es ermöglicht richtige Kurzgeschichten zu zeichnen. Und uns Zeichner*innen aufgefordert, diese Fläche zu gestalten. Vier Jahre lang habe ich auf diesem Platz meine Ost-West-Erinnerungssammlung „Da war mal was ...“ gezeichnet, anschließend fünf Jahre lang mein Liebesgeschichtenexperiment „Schöne Töchter“. Beide Reihen wären ohne den Tagesspiegel nie entstanden. Mich hat es ganz schön viel Mut gekostet, die Fläche frei und immer freier zu gestalten und mich den graphischen Erzählschlaufen zu nähern, die meine Reihe „Schöne Töchter“ am Ende hatte. Comics in Zeitungen sind eine gute Art, Menschen, die normalerweise keine Comics lesen, an das Medium heranzuführen. Und im Idealfall sogar zu Fans zu machen. Es hat mich jedes Mal stolz gemacht, wenn ich sonntags jemand in einem Café oder in der S-Bahn gesehen habe, der mit Freude die Comicseite im Tagesspiegel gelesen hat. Ich bin sehr dankbar, dass ich dabei sein durfte. Ein toller Platz mit tollen Kollegen! Ich bin traurig, dass es ihn nun nicht mehr gibt.“ Damit ist er nicht allein.