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Hayao Miyazaki and the Heron 2024 Hayao Miyazaki and the Heron 2024 EDITORIAL USE ONLY Copyright: xCAP/TFSx

© IMAGO/Capital Pictures/IMAGO/CAP/TFS

Hayao Miyazaki wird 85: Manga des Anime-Meisters werden neu aufgelegt

Der japanische Animationsfilmer Hayao Miyazaki wird 85. Zwei Manga des zweifach mit dem Oscar ausgezeichneten Studio-Ghibli-Künstlers werden jetzt auf Deutsch neu veröffentlicht.

Stand:

Ein abenteuerlustiger Prinz, ein Beutel mit geheimnisvollen Samen, eine Heldenfahrt voller existenzieller Bedrohungen. „Shunas Reise“ hat alle Zutaten eines klassischen Märchens. Vor gut 40 Jahren hat der später durch Animationsfilme wie „Chihiros Reise ins Zauberland“ und „Das wandelnde Schloss“ weltberühmt gewordene Japaner Hayao Miyazaki die Bildergeschichte in seinem Heimatland veröffentlicht.

2023 ist das Buch bei Reprodukt erstmals auf Deutsch erschienen. Jetzt kündigt der Berliner Verlag eine Neuausgabe als Taschenbuch an, die laut Programmvorschau im März 2026 erscheinen soll. Das passt zu einem besonderen Jubiläum: An diesem Montag wird Hayao Miyazaki 85 Jahre alt.

Eine Szene aus „Shunas Reise“.

© Reprodukt-Verlag

„Shunas Reise“ gibt bemerkenswerte Einblicke in die künstlerische Entwicklung des Studio-Ghibli-Mitgründers, der sich parallel zu seiner Karriere als Animationsfilmer ab den späten 1960er Jahren auch einen Namen als Mangazeichner gemacht hat. Sein jüngster Film „Der Junge und der Reiher“ wurde 2023 vom Publikum und der Kritik gefeiert, 2024 erhielt Miyazaki dafür seinen zweiten Oscar. Den ersten hatte er 2003 für den Film „Chihiros Reise ins Zauberland“ erhalten.

Eine Szene aus „Der Junge und der Reiher“.

© Studio Ghibli 2023

Bei der Lektüre von „Shunas Reise“, dessen Hardcover-Ausgabe von einer deutschsprachigen Kritikerjury unter die besten Comics des Jahres 2023 gewählt wurde, zeigt sich: Ein begnadeter Künstler war der heute 83-jährige Miyazaki schon damals, Anfang der 1980er Jahre. Seine Fähigkeiten als herausragender Geschichtenerzähler und Schöpfer komplexer Figuren erreichten aber erst in den folgenden Jahren ihren Zenit.

„Shunas Reise“ wurde in Japan erstmals im Sommer 1983 als Buch veröffentlicht.

© Reprodukt-Verlag

Seine Kühnheit bezahlt er fast mit dem Leben

Formal ist „Shunas Reise“ eher ein Bilderbuch als ein Manga. Miyazaki erzählt die Geschichte, die auf einem tibetischen Volksmärchen beruht, mit filigran gezeichneten Tuschebildern, die mit Aquarellfarben in Pastelltönen koloriert wurden. Dazu kommen kurze Textpassagen, die wesentliche Handlungselemente und Dialoge vermitteln, welche dann oft in den nebenstehenden Bildern illustriert werden.

Die Erzählung besticht vor allem durch die kunstvolle Märchenwelt, die hier entworfen wird, so wie auf dieser ganzseitigen Illustration aus dem Buch.

© Reprodukt-Verlag

Die Aquarellzeichnungen sind meisterhaft ausgeführt, die Kolorierung ist dezent aber geschmackvoll, die Linienführung elegant und auch in den wenigen Actionszenen überzeugend. Die hier als Kulisse dienenden Märchenwelten – geheimnisvolle Urwälder, von Urzeitkreaturen bevölkerte Meere, ein von Götterwesen bewohntes Land – sind wunderschön anzuschauen.

Ein enges Zusammenspiel von miteinander verschränkten Texten und Bildern wie in der Kunstform Comic und ihrer japanischen Spielart Manga üblich, gibt es hier allerdings nur in wenigen Szenen. Auch wirkt der Erzählfluss auf den meisten Seiten eher statisch, da die Panels überwiegend für sich alleinstehende Szenen zeigen und kaum miteinander verbunden sind.

Eine der dynamischeren Szene aus „Shunas Reise“.

© Reprodukt-Verlag

Goldene Samen gegen den Hunger

Hauptfigur ist der Prinz Shuna, dessen Volk in einem schattigen Tal unter kargen Bedingungen lebt. Als ein entkräfteter Fremder im Tal auftaucht, erzählt der Shuna kurz vor seinem Tod von einer besonderen Sorte goldener Samen, mit der sein Volk nie mehr Hunger leiden müsse.

Eine weitere Szene aus „Shunas Reise“.

© Reprodukt-Verlag

Es ist der Auftakt einer abenteuerlichen Quest durch eine mit Steampunk-Elementen angereicherte Mittelalter-Welt. In deren Verlauf entdeckt der Prinz ein geheimnisvolles Götterreich und bezahlt nach einer Grenzüberschreitung seine Kühnheit fast mit dem Leben, bevor die Geschichte eine weitere unerwartete Wendung nimmt.

Hayao Miyazaki: „Shunas Reise“, aus dem Japanischen von Nora Bierich, Lettering: Alex Chauvel, Reprodukt, 160 Seiten, Taschenbuchausgabe 12 Euro, Hardcover 20 Euro

© Reprodukt

In erzählerischer Hinsicht ist „Shunas Reise“ eine linear strukturierte Abenteuergeschichte mit Figuren, die charakterlich im Gegensatz zu vielen anderen Werken von Miyazaki kaum Tiefe entwickeln. Vor allem innere Konflikte, Traumata und spannungsreiche Beziehungen der Handelnden untereinander, wie sie zuletzt auch in „Der Junge und der Reiher“ wieder eine große Rolle spielen, sucht man hier vergeblich.

Fingerübung für komplexere Erzählungen

Das Märchen wirkt in der Hinsicht wie eine Fingerübung für Miyazakis komplexere Erzählungen, zu denen es bemerkenswerte äußerliche Ähnlichkeiten gibt. Zum Beispiel zum Animationsfilm „Prinzessin Mononoke“ von 1997, in dem es um den Überlebenskampf einer jungen Prinzessin geht.

Wer durch „Shunas Reise“ auf den Geschmack gekommen ist, mehr vom zeichnerischen Werk Hayao Miyazakis zu entdecken, dem sei sein Manga „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ empfohlen, der gerade beim Hamburger Carlsen-Verlag in vier Doppelbänden auf Deutsch neu aufgelegt worden ist (Übersetzung Junko Iwamoto und Jürgen Seebeck).

Hayao Miyazaki: Nausicaä aus dem Tal der Winde: Doppelband-Edition, übersetzt von Junko Iwamoto und Jürgen Seebeck, Band 1: 272 Seiten, 20 Euro.

© Carlsen

Die postapokalyptische Geschichte, deren letzter Band Ende Oktober 2025 veröffentlicht wurde, war ursprünglich von 1982 bis 1992 als Serie veröffentlicht worden und über die Jahre zu einem mehr als 1000 Seiten langen Epos herangewachsen. Das handelt ebenfalls von einer furchtlosen Prinzessin, die nicht nur visuell dem Personal von „Shunas Reise“ ähnelt. Auch bei einigen wichtigen Handlungselementen gibt es deutliche Parallelen.

Amazone mit Herz. Eine Kampfszene aus dem ersten Band von „Nausicaä aus dem Tal der Winde“.

© Illustration: Miyazaki/Carlsen

Als „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ fertig war, wollte Miyazaki nicht mehr darauf angesprochen werden. Zwölf Jahre lang hatte er daran gearbeitet – und nebenher so manchen abendfüllenden Film gedreht, der zu seinem Ruf als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Animationsfilmregisseure der Welt beitragen sollte.

Eine „zermürbende“ Erfahrung, wie er später in einem Interview sagte – um sogleich hinzuzufügen, dass er über die Arbeit an dem epischen Comic jetzt bitte wegen der damit verbundenen Strapazen nicht mehr sprechen wollte. Eine ausführlichere Besprechung von „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ gibt es hier.

(Redaktioneller Hinweis: Der Artikel basiert auf zwei älteren Tagesspiegel-Beiträgen über Hayao Miyazaki und wurde jetzt aus aktuellem Anlass überarbeitet.)

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