Maximilian Hillerzeders „Maertens“ : Arbeit ist das ganze Leben

Krimi, Sozialstudie, surrealistische Bilderzählung: Maximilian Hillerzeders Comic „Maertens“ funktioniert auf vielen Ebenen.

Lara Keilbart
Der Nächste bitte: Eine Szene aus Maximilan Hillerzeders „Maertens“.
Der Nächste bitte: Eine Szene aus Maximilan Hillerzeders „Maertens“.Foto: Jaja

Maximilian Hillerzeder schafft mit „Maertens“, was in jüngster Vergangenheit nur wenigen deutschen Comicschaffenden gelungen ist: In einem abgeschlossenen Comic völlig unterschiedliche Aspekte eines ernsten Themas – in diesem Fall „Arbeit“ – anzusprechen und zu kommentieren sowie gleichzeitig eine lockere, unterhaltsame Kriminalgeschichte zu erzählen. Dabei verliert er sich nicht Albernheiten.

Die auflockernde Humorebene schwingt zwar auf Bild- und Textebene konstant mit, triumphiert jedoch nie über die Ernsthaftigkeit des Sujets. Vielmehr dringt so einerseits die Begeisterungsfähigkeit der Hauptfigur an die Oberfläche. Andererseits zeigen sich die bisweilen tragikomischen Absurditäten unserer arbeitszentrierten Gesellschaft.

Edgar Wallace, Agatha Christie und „Blacksad“

Maertens führt ein eintöniges Leben. Um der Tristesse seines Jobs in einer Imbissbude entgegen zu wirken, widmet er sich in der Freizeit Rätselwettbewerben und genießt Krimis von Edgar Wallace, Agatha Christie oder liest den Comic „Blacksad“.

Als ihn aber nach Feierabend der ältere Herr Sandberg erwartet, um ihn bei der Suche nach seiner entführten Tochter um Hilfe zu bitten, lehnt er zunächst ab. Sandberg lässt aber nicht locker und schließlich packt den Hobbykriminologen die Lust, den Fall zu lösen. Aber die Realität läuft anders ab als ein Krimi-Roman. Maertens' heiße Spur verläuft anscheinend ins Leere. Als er bereits aufgibt, ergibt sich plötzlich eine völlig neue Sichtweise auf die Sachlage.

Hobbykriminologe. Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch.
Hobbykriminologe. Eine weitere Szene aus dem besprochenen Buch.Foto: Jaja

Protagonist Maertens passt dabei so gar nicht in das Bild des klassischen, intellektuellen Ermittlers. Er ist desillusioniert, unmotiviert und ohne berufliche Ambitionen. Anstatt seiner Leidenschaft und seinem Talent nachzugehen, bevorzugt Maertens die finanzielle Absicherung in einem anspruchslosen Einbahnstraßenjob.

Doch noch hat er nicht völlig kapituliert. Einmal im Geschehen packt ihn das Kriminalfieber und bei seinen Ermittlungen zeigt sich Maertens überaus kreativ, mutig und schlagfertig. Hillerzeders Geschichte ist gespickt mit Anspielungen auf bekannte Stoffe, die aber immer humorvoll gebrochen werden. Die Zeichnungen gehen damit einher.

Eine Kopie einer Kopie einer Kopie

Hillerzeder, der aktuell an der Hochschule für Grafik und Kunst in Leipzig studiert, spielt auf visueller Ebene mit dem Surrealen. Viele, aber nicht alle auftretende Figuren sind als anthropomorphe Lebewesen dargestellt. Ein Gaming-Controller oder ein Busch als Kopf sind in Maertens Welt nichts ungewöhnliches und geben dem Lesenden auf einen Blick Aufschluss über die Charaktertypen der Figuren. Manchmal verschwimmen Figuren aber auch plötzlich zu abstrakten Formen oder verschwinden, so dass nur noch ihre Kleidung sichtbar ist.

Hillerzeder nutzt das nicht bloß als Gimmick, er gibt dem Ganzen Raum und Zeit. Panel um Panel mit dem immergleichen Satz und dem gleichen Bild, teilweise über mehrere Seiten hinweg, lassen einen beim Lesen die anstrengende Eintönigkeit von Maertens' Job spüren. Eine Kopie einer Kopie einer Kopie. Diese Kunst der Wiederholung wird hier fast bis zum Limit ausgereizt.

Auffällig ist, dass diese Auflösungserscheinungen nur bei Herrn Sandberg und Maertens selbst auftreten. Der Grund für diese Parallele wird einem am Ende klar, wenn sich der Kriminalfall in bester Whodunit-Manier auflöst.

Das Cover des besprochenen Bandes.
Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Jaja


Das Artwork gerät dennoch nicht zum rein funktionalistischen Selbstzweck. In vielen Zeichnungen, gerade bei Außendarstellungen, entdeckt man kleine Anspielungen und Hommagen.

Dem karikaturhaften, sich selbst brechenden Zeichenstil setzt Hillerzeder eine klare, klassische Panel-Struktur entgegen. Dadurch verliert man beim Lesen nie den Faden oder Überblick.

Getragen wird die kuriose Kriminalgeschichte aber vom großen sozialen Thema „Arbeit“: die Ethik von Unternehmen, Zufriedenheit im Job oder Sicherheit gegenüber Selbstverwirklichung. „Maertens“ zeigt am Beispiel von Herrn Sandberg etwa, was mit Menschen passiert, deren Lebensinhalt immer nur die Arbeit war. Damit verbunden kann man auch eine Metapher auf die Alzheimer-Krankheit herauslesen und wie Familie und Gesellschaft weiterhin daran scheitern, vernünftig mit diesen Menschen umzugehen.

Zwischen Brotjob und kreativer Arbeit hin- und her gerissen

Die Hauptfigur selbst leidet an Fragen, die uns letztlich alle betrifft: Haben wir den Mut zum Traumjob? Können wir uns das überhaupt leisten? Oder hält uns die Realität der Notwendigkeiten davon ab. Letztere ist schließlich auch nur ein Konstrukt, dass sich ändern ließe. Durch ein bedingungsloses Grundeinkommen etwa.

Durch Maertens' Entscheidungen und Meinungen schwingt beim Lesen trotz des wiederkehrenden Humors eine leicht unangenehme Grundstimmung unterschwellig mit. Das spiegelt sich auch in der Koloration wider, die durchgehend in erdigen Braun-, Grün- und Ockertönen gehalten ist.
Hier steht Maertens auch repräsentativ für das Leben vieler Comicschaffenden in Deutschland, die ständig zwischen Brotjob und kreativer Arbeit hin- und her gerissen sind. Kaum jemand kann vom Comicmachen allein leben. „Maertens“ bietet hierfür keine Lösung an.

Der Comic gibt wenig Antworten auf die sozialen Fragen, die er stellt. Das muss er aber auch nicht. Den Missstand aufzuzeigen ist wichtig. Wie wir ihn als Gesellschaft lösen, liegt an uns. Bis dahin brät Maertens weiterhin Hamburger in der Imbissbude.

Maximilian Hillerzeder: Maertens, Jaja-Verlag, 160 Seiten, 18 Euro

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