„Reinhold Messner - das Leben eines Extrembergsteigers“ : Die Einsamkeit des Grenzgängers

Die Comic-Biografie „Reinhold Messner - das Leben eines Extrembergsteigers“ kommt ihrer Hauptfigur bemerkenswert nah - und leidet doch unter einem Problem.

Voller Einsatz: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Voller Einsatz: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Knesebeck

Er ist der berühmteste Bergsteiger unserer Zeit. Doch zur mythischen Figur wurde Reinhold Messner durch den Tod seines Bruders. Mit ihm verlor er 1970 etwas, das ihn mit dem gewöhnlichen Leben verband.

Gerade erst hatte er die Bühne des Himalaya betreten und den Nanga Parbat über seine schwierigste Seite bestiegen, da sprach schon alles gegen ihn. „Auf dem Abstieg bin ich gestorben“, sollte er später sagen.

Es mag vor diesem Hintergrund ein unmögliches Unterfangen sein, die zerklüftete Lebensgeschichte Messners von dem Punkt aus zu fassen, da er mit erfrorenen Füßen und traumatisiert wieder von vorne beginnen muss, allein, aber der italienische Zeichner Michele Petrucci hat bei seinem „Messner“-Projekt die assoziative Logik des Comic auf seiner Seite.

Zwiegespräch des Wanderers mit sich selbst

In raffiniert gesetzten Parallelmontagen führt er den Leser immer tiefer hinein in die Einsamkeit des Grenzgängers, der von sich selbst einmal sagt: „Ich schlage einen Weg ein, der sich schnell im Nichts verliert.“

Was ihn vor diesem Nichts rettet, sind letztlich die Erlebnisberichte, die er über seine Abenteuer schreibt. Aus ihnen bedient sich Petrucci reichlich, verkürzt sie auf Kernsätze, die er in ein fortgesetztes Zwiegespräch des Wanderers mit sich selbst übersetzt.

In drei Kapiteln – das erste dem Berg gewidmet, das zweite der Wüste, das dritte den Museumsprojekten – legt Petrucci den sich wandelnden Ehrgeiz frei, der Messner antreibt. Zunächst ist da die Ambition des Kletterers, immer verwegenere Routen auf Gipfel zu finden. Dann interessiert ihn, was hinter den Gipfeln liegt. Und schließlich will er seinen Erkenntnisgewinn mit denen teilen, die nicht dorthin gelangen können, wo er war – auf Achttausendern, am Südpol, in der Wüste Gobi, in Tibet.

Die seelenlosen Augen der Hühner

Was Petruccis Bilderreigen lesenswert macht, sind nicht die Expeditionsansichten, die ohnehin in zahllosen Fotos dokumentiert sind. Sondern dass er die Einflüsse sichtbar werden lässt, unter die Messner in verschiedenen Lebensphasen geriet.

Etwa die seelenlosen Augen der Hühner, die er als Junge auf dem Hof der Familie schlachtete, indem er den Tieren die Halsschlagader aus dem Rachen riss. Oder das unergründliche Schweigen des Vaters. Oder die Götzen rätselhafter Religionen in den Tempeln der Hochgebirge. Oder auch das Wissen tragisch gescheiterter Vorgänger, aus deren Fehlern Messner die richtigen Schlüsse zog.

Das Cover des besprochenen Bandes.
Das Cover des besprochenen Bandes.Foto: Knesebeck

Seine Erfahrungen haben aus seinem Gesicht eine Landschaft gemacht, die Petrucci aus guten Gründen fasziniert. Sein grober, getuschter Stil belässt ihr die Ursprünglichkeit ungebremster Emotionen. Vor allem Messners Schrecken über das, was er sich selbst anzutun im Stande ist, stellt Petrucci oft in den Mittelpunkt.

Doch leidet eine solche Ikonografie letztlich an dem alten Messner-Problem. Man fühlt sich ihm nicht nah. Er ist keiner, mit dem man sich identifiziert.

Michele Petrucci: Reinhold Messner, Das Leben eines Extrembergsteigers – Die Comic-Biografie, Übersetzung Anja Kootz,Knesebeck, 88 Seiten, 22 Euro

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