Science-Fiction-Comic „Grün“ : Die Wüste lebt

Abenteuerliche Kreaturen , rätselhafte Artefakte: In ihrem Debüt „Grün“ wagt Frauke Berger eine für deutsche Comics seltene Poesie der Formen und Farben.

Marc-Oliver Frisch
Terra incognita Eine Seite aus „Grün“.
Terra incognita Eine Seite aus „Grün“.Foto: Splitter

Ein verdorrtes Land, mordshungrige Zombieflora, die megalomanischen Relikte hochtechnologisierter Zivilisationen: Was Autorin Frauke Berger sich hier an Welt erzeichnet, ist Science-Fiction, vielleicht auch Fantasy. Jedenfalls ist es Fantastik und Genre und damit immer noch die Ausnahme im deutschsprachigen Comic. Wer sich beim Nachgoogeln ertappt, ob es sich bei „Grün“ nicht vielleicht doch um eine Übersetzung aus dem Flämischen oder Norwegischen handelt, dem ist kein Vorwurf zu machen.

Anklänge an Moebius, Brandon Graham und Simon Roy

Dass „Grün“ anders ist, zeigt schon das übergroße Albenformat. So sehen französische Unterhaltungscomics aus; seriöse, sorgsam auf Feuilleton und Kulturförderstellen zugeschnittene deutsche Graphic Novels mit ihren Biografien, Literaturadaptionen und historischen Lehrstücken eher nicht.

Stilistisch greift Berger Moebius auf, erinnert aber insbesondere auch an dessen Erben Brandon Graham und Simon Roy, die den nordamerikanischen Genrecomic um wuselig-bunte futuristische Fantasy-Epen wie „Prophet“, „Multiple Warheads“ oder „Habitat“ bereichern. Ins Deutsche übersetzt ist bisher keins davon, umso erfreulicher nun die ästhetische Verwandtschaft in Münster.

Poesie der Formen und Farben: Ein ganzseitiges Panel aus „Grün“.
Poesie der Formen und Farben: Ein ganzseitiges Panel aus „Grün“.Foto: Splitter

Handwerkliche Kinderkrankheiten erschweren manchmal noch etwas die Orientierung in Bergers Debüt. Einige Sprechblasen sind unglücklich platziert; das Versal-i hat durchgängig, statt nur am Blasenanfang, zwei Balken; und zwei-, dreimal ist auf den ersten Blick nicht klar, was von einem Panel zum anderen passiert.

Das gewählte Format birgt auch ein gewisses dramaturgisches Risiko. Denn zwar gestatten die großformatigen Seiten Berger den einen oder anderen Aha-Effekt, wenn es etwa darum geht, die Archen zu zeigen, wandelnde Städte in Hundegestalt, oder den eindrucksvollen Abstieg in die Farbexplosion der Tiefgärten.

Doch bei nur gut 50 Seiten hat diese großzügige Taktung der Geschichte ihren Preis. Bis die beiden Hauptfiguren – die Nomadin Lis und das Hybridwesen Lun – eingeführt sind und bereit, ihr gemeinsames Abenteuer anzutreten, ist der erste Band bereits zu Ende.

Eine Oase in der Graphic-Novel-Öde

Solche Anlaufschwierigkeiten lenken jedoch nicht davon ab, dass Berger uns auch im besten Sinne etwas zumutet. „Grün“ wagt eine Poesie der Formen und Farben, bisweilen auch der Worte, an der sich deutsche Comics selten versuchen. Wir betreten eine Terra incognita, unter deren Oberfläche es nur so wimmelt vor bizarren Kreaturen und rätselhaften Artefakten. Das Fremde wird hier nicht wegerklärt oder exotisiert, es lädt zur Erkundung ein.

Wenn die hiesige Comiclandschaft mitunter als die kleinste Wüste der Welt bezeichnet wird, dann ist das ein bisschen gemein, aber nicht falsch. Entlang der Graphic-Novel-Öde sind inzwischen aber einige fruchtbare Oasen entstanden, in denen Versprechen für die Zukunft keimen. „Grün“ ist eines davon.

 Frauke Berger: Grün, Buch 1 von 2, Splitter, 54 Seiten, 16,80 Euro

 Eine leicht gekürzte Fassung dieses Texts ist am 29. März in der Printausgabe des „Tagesspiegel“ erschienen.

 Marc-Oliver Frisch ist freier Comic-Kritiker und -Übersetzer und promoviert über Comics an der Universität des Saarlandes. Man kann ihm bei Twitter folgen.

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