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Bekannte Muster: Eine Szene aus dem Abschlussband von „Rorschach“.
© Panini

„Watchmen“-Fortsetzung „Rorschach“: Zwischen Verschwörungsgläubigen, Möchtegernkillern und Comicveteranen

Mit „Rorschach“ gibt es erneut eine Fortsetzung des legendären Comics „Watchmen“. Diesmal allerdings ähnlich komplex und intelligent wie die Vorlage.

Muss das wirklich sein? Muss man aus kommerziellen Gründen immer neue Fortsetzungen von Alan Moores und Dave Gibbons' „Watchmen“ bringen? Denn eigentlich – und das gilt seit 1987 bis heute – war dies doch die Superheldenserie, die alle anderen Superheldenserien obsolet machte.

Die bisherigen Versuche, weiter mit dem Franchise Geld zu verdienen, waren dann auch bestenfalls medioker („Before Watchmen“, 2012) bis unfassbar peinlich („Doomsday Clock“, 2018). Die Verfilmung von Zack Snyder aus dem Jahr 2009 entpuppte sich als ziemlich uninspiriertes Bild-für-Bild-abfilmen des Comics, lediglich der TV-Serie (2019) von Damon Lindelof („Lost“) kann man ein gelungenes künstlerisches Eigenleben bescheinigen.

Und genau an die knüpft jetzt die DC-Edelfeder Tom King („Mister Miracle“) mit der jetzt auch auf Deutsch abgeschlossenen Miniserie „Rorschach“ (4 Bände, Übersetzung Christian Heiss, Panini, je 72 S., je 15 €. Auf 555 Exemplare limitierte Ausgaben je 22 €) an.

Und man muss schon zugeben: King, ehemaliger CIA-Analyst und selbsternanntes Enfant terrible – sein „Batman“ war schon mächtig durchgeknallt und überkandidelt – drückt genau die richtigen Knöpfe.

35 Jahre nach den Ereignissen in „Watchmen“ herrscht in diesem Paralleluniversum, inzwischen in seiner sechsten Amtszeit, der linksliberale Präsident Robert Redford (genau, der Schauspieler!) über die Vereinigten Staaten von Amerika. Mit dem Senator Turley gibt es im Wahlkampf 2020 erstmals einen konservativen Herausforderer, der Redford schlagen könnte. Da geschieht ein Mordanschlag auf Turley, der im letzten Augenblick verhindert werden kann.

Ein Gemisch aus Verschwörungstheorien, auf das Thomas Pynchon stolz wäre

Die beiden Möchtegern-Attentäter sind ein junges Mädchen in Cowgirl-Verkleidung und ein alter Mann, der das Kostüm des seit vielen Jahren toten Vigilanten Rorschach trägt. Turleys Wahlkampfteam beauftragt einen namenlosen Ex-Polizisten – eine Mischung aus Inspektor Columbo und Detektiv Rockford – mit der Aufklärung. Und seine Ermittlungen führen ihn in ein nahezu wahnsinniges Gemisch aus Verschwörungstheorien, auf das Thomas Pynchon zu Recht stolz wäre.

Eine weitere Szene aus „Rorschach“.
Eine weitere Szene aus „Rorschach“.
© Panini

So wie Alan Moores „Watchmen“ ein Superhelden-Comic und gleichzeitig ein kluges Statement zum Kalten Krieg waren, reflektiert Tom King nun unsere Zeit, mit ihren Fake News und Verschwörungsmythen, die von höchster Stelle lanciert werden.

Tom King hat sich als Hauptperson nicht umsonst den Vigilanten Rorschach ausgesucht. Mit ständigem Frosch im Hals, im Trenchcoat, mit Fleckenmaske und Fedora ist diese Figur durchaus zwiespältig: Einerseits ist er die einzige Figur in „Watchmen“, die sich nicht politisch oder gesellschaftlich korrumpieren lässt, andererseits ist er ganz klar ein gewaltbereiter Faschist, der glaubt, über dem Gesetz zu stehen.

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Der neue Rorschach, das wird schnell klar, war der Comiczeichner William Myerson, der sehr deutlich dem Spider-Man-Schöpfer Steve Ditko nachempfunden ist. Ditko war ein Bewunderer der Philosophin und Schriftstellerin Ayn Rand, Begründerin des Objektivismus.

Auch Batman-Innovator Frank Miller spielt eine Rolle

Myerson zitiert lieber Hannah Arendt. Zu Myersons inneren Kreis gehören auch reale Figuren wie Otto Binder, Schöpfer von Captain Marvel, Supergirl und der Legion der Superhelden, und der legendäre Batman-Innovator Frank Miller, deren Karrieren hier allerdings anders verlaufen sind als in unserer Welt. Es sind genau diese Brücken zwischen unserer Realität und der Comicwelt der „Watchmen“ die „Rorschach“ zu einem unheimlichen Meisterwerk machen.

Das Titelbild des vierten und letzten Sammelbandes der Reihe.
Das Titelbild des vierten und letzten Sammelbandes der Reihe.
© Panini

Eigentlich will man „Rorschach“ ja nicht gut finden, zu sehr schmerzt die Behandlung, die Alan Moore durch den Verlag erfahren musste. Aber auf der anderen Seite steht eben Kings kluge und vielschichtige Geschichte. Und natürlich der fantastische Zeichner Jorge Fornés aus Barcelona, dessen kantiger, flächiger und vermeintlich simpler Zeichenstil oft an den 80er-Jahre-Meister David Mazzucchelli erinnert. Die zurückhaltende Farbgebung von Dave Stewart, seine ganz leichten Veränderungen in der Farbpalette, wenn die erzählte Handlung zwischen Gegenwart und Vergangenheit pendelt, ist ebenfalls ganz großartig.

Man kann „Rorschach“ öfters lesen und wird dabei immer neue Schichten entdecken. Und hier hat diese Fortsetzung dann durchaus etwas mit den „Watchmen“ gemeinsam.

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