Concerto Italiano im Pierre Boulez Saal : Schmachtend klingt der Herzschmerz

Madrigale von Monteverdi und anderen: Das Ensemble Concerto Italiano belebt im Pierre Boulez Saal die Renaissance.

Authentisch. Das musikhistorische Ensemble Concerto Italiano
Authentisch. Das musikhistorische Ensemble Concerto ItalianoFoto: Javier Sierra

Liebeskummer scheint das beherrschende Gefühl der späten italienischen Renaissance gewesen zu sein, glaubt man der üppigen Madrigalproduktion, die das höfische Leben in Mantua, Florenz und Mailand bereicherte. „Grausame Amaryllis“ oder „Schmerzvolle Martern“ hießen die Texte, oft von verschiedenen Komponisten mehrfach vertont, in denen eine sich versagende Geliebte, eine in ihrem sorglosen Treiben herzlose Natur oder einfach auch nur ein erbarmungsloses Schicksal angeklagt wurde.

Dargeboten von Concerto Italiano, einem variabel einsetzbaren Ensemble von „historisch informierten“ Sängern und Instrumentalisten, werden diese Gesänge allerdings zum reinen Vergnügen. Zwei Sopranistinnen und zwei Tenöre, einen Altus und und einen Bass hat sein Gründer und musikalischer Leiter Rinaldo Alessandrini in den Pierre Boulez Saal mitgebracht, diskret begleitet von zwei Spielern der Theorbe, einer italienischen Laute. Sie faszinieren nicht nur durch den reinen Zusammenklang der Stimmen, ihre virtuose, farbenreiche Beweglichkeit. Was die Italiener auszeichnet, ist ein natürlicher und lebendiger Zugang zu diesen kunstvoll-kompliziert geformten Gebilden, als handele es sich um Tarantellen und Vilanellen, die Tanz- und Volksmusik dieser Zeit.

Unnachahmliche melodische Prägnanz

Die schmerzvoll getragene, sich aus kühnen Stimmverschränkungen ergebende Harmonik eines Luca Marenzio etwa besitzt so nicht den meditativen, fast sakralen Charakter, den andere Interpreten diesen Klängen des 16. Jahrhunderts unterlegen, sondern eine unmittelbare, gefühlsbetonte Spannung. Der aus Flandern stammende Giaches de Wert steuert dem Werk rhythmische Lebhaftigkeit bei, Pomponio Nenna aus dem Umkreis Carlo Gesualdos weitere harmonische Zuspitzungen. Die Musikgeschichte ließ diese Komplexität in klarere, fasslichere Strukturen umschlagen. Bereits Luzzasco Luzzaschi bringt die Stimmen zu solistischer, den Raum nutzender Geltung; Sigismondo d'India, früh verstorbener Zeitgenosse Monteverdis, schreibt 1615 kleine Opernszenen. Sein „Io mi son giovinetta“, vergebliches Werben um eine die eigene Jugend preisende Schäferin, wird an lautmalerischer Fantasie auch vom großen Schöpfer des „Orfeo“ nicht überboten, der den gleichen Text mit noch virtuoserer Koloratur fasst.

Monteverdis „A Dio, Florida bella“ und „È così a poco a poco“ beeindrucken dafür mit unnachahmlicher melodischer Prägnanz, die Solisten, von den übrigen Stimmen weich grundiert, schon vom „lyrischen Ich“ zu dramatisch handelnden Personen macht.

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