Dänische Malerei in Hamburg : Puristischer Norden

Meisterwerke aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Die Hamburger Kunsthalle zeigt dänische Malerei der Sammlung Ordrupgaard.

Vilhelm Hammershøis Interieur mit Klavier und Frau.
Vilhelm Hammershøis Interieur mit Klavier und Frau.Foto: Anders Sune Berg

Der stille Däne kehrt zurück: Zwei Jahrzehnte nach seiner Wiederentdeckung in Paris und Hamburg ist der Kopenhagener Maler Vilhelm Hammershøi (1884-1916), zu Lebzeiten einer der gefeiertsten Künstler des Kontinents, neuerlich in der Hansestadt zu sehen. Parallel zu einer großen Einzelausstellung im Pariser Musée Jacquemart-André macht die Hamburger Kunsthalle den Avantgardisten aus dem Nachbarland mit acht in Öl gemalten Interieurs und einer Waldlandschaft bewusst zum Flaggschiff ihrer Dänen-Schau „Im Licht des Nordens“. Denn Hammershøi habe in den Jahren um 1900 vor allem mit den damals geläufigen Kriterien der Gattung des Interieurs radikal gebrochen. „Und das spricht noch heute aus seinen Bildern,“ sagt Dr. Markus Bertsch, der die Ausstellung kuratiert hat. Sie präsentiert insgesamt 60 Hauptwerke aus der  vom Versicherungsmagnaten Wilhelm Hansen und seiner Frau Henny ab 1890 zusammengetragenen und 1951 von der Witwe gestifteten Sammlung Ordrupgaard in Charlottenlund.

Die kostbaren Stücke durften reisen, weil das seit 1953 staatliche Museum wenige Kilometer nördlich der Hauptstadt bis 2020 umgebaut und erweitert wird. Die gezeigten Arbeiten erlauben einen differenzierten Blick auf die Entwicklungsgeschichte dänischer Malerei im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die  konträren künstlerischen Weltentwürfe von damals Seite an Seite machen die Hamburger Ausstellung ungemein reizvoll. Sie wird im Herbst mit Meisterwerken des französischen Impressionismus aus der Ordrupgaard Sammlung fortgesetzt, die der Sammler Wilhelm Hansen von seinen beruflichen Reisen nach Paris mitbrachte und ab 1916 zu einer weiteren Kollektion aufbaute.

Der in sechs Folgen gegliederte aktuelle Parcours in der Hamburger Kunsthalle beginnt mit den Wegbereitern dänischer Moderne aus dem sogenannten „Goldenen Zeitalter“. Den historischen Auftakt machen zwei Kleinformate von Christoffer Wilhelm Eckersberg, darunter ein programmatisches Waldstück von 1825. Eckersberg (1783-1843) füllte klassische Kompositionsprinzipien mit neuem Realismus auf. Früher als andere Kollegen an den Akademien Europas hielt der in Paris ausgebildete Kopenhagener Kunstprofessor seine Schüler an, die schlichten heimischen Wiesen und Wälder in natürlichem Licht zu studieren, bevor sie im Atelier an die Staffelei gingen. Die nüchterne, an der Wirklichkeit orientierte Grundhaltung ihres Lehrers prägte in den folgenden Jahrzehnten die ebenso anmutigen wie akkuraten, nationalverliebten Landschaften von Christen Købke (1810-1848), Johan Thomas Lundbye (1818-1848), Peter Christian Skovgaard (1817-1885) und Vilhelm Khyn (1819-1903).

Ungeschminktes Alltagsleben auf dem Lande

Von den 1880er Jahren an malten viele heimische Künstler aber auch gern eine neue, realistischere Natur. Dabei wuchs das Interesse an der Darstellung von Licht im Ablauf von Tages- und Jahreszeiten. Die Ordrupgaard Sammlung macht den dänischen Impressionismus nicht wie die umfangreiche, mit Großformaten punktende Kopenhagener Hirschsprung Sammlung an den populären Skagen-Malern  fest, sondern an Pleinair-Künstlern wie dem Gauguin-Freund Theodor Philipsen (1840-1920) sowie den weniger bekannten Fünen-Malern Peter Hansen, Johannes Larsen und Fritz Syberg, die auf der gleichnamigen Ostsee-Insel in frischen Farben zur Freilichtmalerei fanden. Das besondere Interesse des Sammlers Wilhelm Hansen galt hier seinem Namensvetter und Schulfreund Peter Hansen (1868-1928), der zudem ungeschminktes Alltagsleben auf dem Lande zeigte.

Das wunderschöne Interieur  „Sonnenstrahlen oder  Sonnenlicht“ von 1900 verortet auch Vilhelm Hammershøi nachdrücklich im Impressionismus. Das ungewöhnlich helle, flirrende Bild mit seinen tanzenden Staubkörnern, auf dem Sonnenstrahlen die Geometrie der Raum-Architektur duplizieren, wurde erst 1989 von Ordrupgaard-Chefin Anne-Birgitte Fonsmark für die Sammlung erworben und 1993 das in Hamburg gezeigte Interieur „Lindegaarden“ dazugekauft. Die beiden  Gemälde beschließen mit sieben weiteren Hammerhøis und zehn Werken des weniger bekannten Lauritz Andersen Ring (1854-1933) unter dem Stichwort „Symbolismus“  die Ausstellung.

Hammershøis  puristische Interieurs mit  eigenwilligen Zimmerfluchten, rätselhaft sich öffnenden Türen und der in hypnotischer Stille abgewandt verharrenden Malergattin Ida mischen in reduzierter Farbpalette Nähe und Distanz zu ebenso präzisen wie kultivierten und beklemmenden Darstellungen. „Wir erhalten dort den Eindruck, einer traumhaften Sequenz beizuwohnen, auf die wir emotional reagieren“, resümiert Kunsthallen-Kurator Dr. Markus Bertsch. „Die räumlichen und mentalen Leerstellen im Bild schaffen Platz für unsere Assoziationen und Gefühle. Das macht Hammershøi aktuell und erklärt auch, weshalb er 2019 in Paris erneut einen großen Auftritt hat.“

„Im Licht des Nordens. Dänische Malerei der Sammlung Ordrupgaard“, Hamburger Kunsthalle, bis 22. September 2019, Katalog im Museum: 25 Euro

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