Das Adressbuch der Hannah Höch : D wie Döblin

Hannah Höch führte über 60 Jahre ihr Adressbuch. Es ist ein Kompendium des Berliner Kulturlebens. Der Transit Verlag hat es es jetzt herausgegeben.

Das Adressbuch der Hannah Höch.
Das Adressbuch der Hannah Höch.Repro: Berlinische Galerie

Hannah Höch nimmt 1917 ein kleines Büchlein zur Hand und trägt fein säuberlich die ersten Namen von Bekannten und Freunden ein. Gut 60 Jahre später hat die Künstlerin ihr Adressbuch noch immer in Gebrauch. Unversehens ist es zu einer veritablen Collage angewachsen. Eingelegte Visitenkarten, überklebte Zusatzseiten, durchgestrichene Einträge und ergänzte Notizen haben die anfängliche Ordnung von A wie Amsterdam, Hans Arp und Augenarzt bis Z wie Zürich, Gertrud Zarniko und Galerie Zinke längst unterminiert. Das zerfledderte Original ruht heute in der Berlinischen Galerie: eine fragile Kostbarkeit mit maroder Heftung, abgegriffenen Ecken und knallroten Farbklecksen auf dem Umschlag.

1400 Namen hat Hannah Höch in ihrem Adressbuch verzeichnet. Über 400 davon liegen jetzt in einer liebevoll gemachten Edition des Transit Verlags vor – nun tatsächlich streng alphabetisch geordnet und mit einem hübschen roten Lesebändchen versehen. Herausgeber Harald Neckelmann hat die Einträge Höchs nicht nur geduldig entziffert, sondern vor allem mit dem nötigen kulturhistorischen Unterfutter versehen. Kurzbiographien, Zitate aus Briefen und Terminkalendern ergänzen das lexikalische Höch- „Who is who“.

Schnell wird klar, dass der private Mikrokosmos ein überraschendes kulturelles Panorama aufspannt: Fundgrube und Steinbruch für künftige Forschungsstreifzüge. Künstlerinnen und Künstlerkollegen, Galeristen und Museen, MoMA-Kuratoren und Berliner Bürgermeister, Pariser Hotels und ein Reparaturschnelldienst finden sich darin alphabetisch verquirlt. Am besten schmökert man in dem bilderreichen Halbleinenband querbeet und gönnt sich das Vergnügen, dazu das digitale Faksimile des Notizbuchs auf dem DFG-Viewer online aufzublättern.

Hinter Namen verbergen sich ganze Geschichten

„Dr. Alfred Döblin, Frankfurter Allee 370“ notierte die Künstlerin unter „D“ zwischen „Dungert, Max“ und „von Dultzig, Frohnau“. Aus Neckelmanns lexikalischem Eintrag dazu erfährt man, dass der Schriftsteller und Nervenarzt 1924 an einer Soirée mit Schwitters in Höchs Atelier teilnahm. Unter „M“ findet sich Piet Mondrian in Paris auf einer Seite mit der Kunsthistorikerin Lu Märten, deren Charlottenburger Adresse Höch dick durchstrich und später doch wieder eintrug. Warum auch immer. Beide standen seit den 20er Jahren in Kontakt.

Von ihrem Dada-Partner Raoul Hausmann verzeichnet Höchs prozesshaftes Kompendium gleich mehrere Adressen in Berlin, auf Ibiza und in Limoges. Den Avantgardearchitekten Wassili Luckhardt besuchte die Künstlerin in seinem Haus in der Fabeckstraße 48, das sie „stilstreng – sehr schön“ fand. Auch ihre eigene Adresse, in der Friedenauer Rubensstraße 66, bevor sie an die Wildbahn 33 in Heiligensee zog, hat die Künstlerin vermerkt.

Oft verbergen sich hinter den knappen Namenseinträgen ganze Geschichten. Etwa auf Seite 42: „Bauhaus: Christof Hertel Dessau“. Hertel betreute am Dessauer Bauhaus den Ausstellungsbetrieb. Für Mai 1932 plante er Höchs erste Einzelausstellung und quittierte die von ihr eingesandten 15 Fotomontagen und 31 Aquarelle als „wunderbare Auswahl“. Aber die Schau wurde nie eröffnet. Sie fiel dem politischen Rechtsruck im Freistaat Anhalt zum Opfer, ebenso wie wenig später das Bauhaus Dessau. Noch vor Ende des Jahres musste die Schule nach Berlin ausweichen. Als dort 1979 das Bauhaus-Archiv eröffnet wurde, klebte sich Höch die ausgeschnittene Adresse ebenfalls in ihr Findbuch ein.

Hannah Höch: „Mir die Welt geweitet“. Das Adressbuch. Hg. von Harald Neckelmann. 320 S., Transit Verlag, 25 €. Online Digitalisat des Originalnotizbuchs auf: www.dfg-viewer.de

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