"Das Ost-West-Ding" in den Sophiensälen : Haribo statt Ostalgie

Finger in die Wunde der nie geglückten Wiedervereinigung: Das Festival "Das Ost-West-Ding" in den Sophiensälen

Szene aus der "Anstattführung" bei dem Festival "Das Ost-West-Ding" in den Sopheinsälen
Szene aus der "Anstattführung" bei dem Festival "Das Ost-West-Ding" in den SopheinsälenFoto: Marie Weich/Sophiensäle

Der gemeine DDR-Bürger, soviel wissen wir aus der Geschichte, sehnte sich nach der Banane – und bekam nur die Gurke. Der damit verbundene Mangel an Vitaminen und Horizontoffenheit hat zu einem unterentwickelten Demokratieverständnis und überhaupt zu mieser Laune geführt. Weswegen heute noch so viele Ostdeutsche heimlich mit selbstgehäkelten Stalin-Puppen kuscheln, oder bei der kleinsten Zugverspätung auf dem Bahnhof herumbrüllen, weil sie sich „abgehängt fühlen“.

An den Sophiensälen weiß man um diese prekäre Befindlichkeitslage. Pünktlich zum 30. Jubiläumsjahr des Mauerfalls hat das Theater in Berlin-Mitte sich deshalb entschlossen, den Finger in die Wunde der nie geglückten Wiedervereinigung zu legen und mit dem mehrwöchigen Festival „Das Ost-West-Ding“ (bis 10. November in den Sophiensälen, nächste Vorstellungen: Anstattführung: 27.10., 14 + 17 Uhr, Das Ellenbogenprinzip: 27.10., 17 Uhr) die delikaten gesamtdeutschen Verhältnisse zu durchleuchten. Auf dem Plakat: ein Gurkenglas voller eingelegter Bananen. Ein bisschen „on the nose“, wie der Engländer sagt, aber hey, wenn’s der Wahrheitsfindung dient!  

Das Kollektiv Hannsjana lädt beispielsweise zu einer „Anstattführung“ ein

Okay, Spaß beiseite. Man muss ja aufpassen mit Ironie, wenn’s um nationale Gefühle geht. Das hat vor kurzem erst ein bekanntes Nachrichtenmagazin erfahren, das mit der Titelstory „So isser, der Ossi“ ein paar Klischees hopsnehmen wollte, aber stattdessen einen kleinen Shitstorm von notorischen Ernstnehmern erntete. Mit Klischees muss man übrigens genau so aufpassen wie mit Ironie, bloß sind es erstaunlicherweise genau die Abziehbilder und Schwarzweißzeichnungen, an denen sich eine junge Performer-Generation der Thirtysomethings heute abarbeitet. Wende- und Nachwende-Kinder, in deren Sozialisation ganz offensichtlich Castorfs Theaterarbeit der 90er fehlt.

Das Kollektiv Hannsjana lädt beispielsweise zu einer „Anstattführung“ ein, die im Hof der Sophiensäle beginnt und am Gesundbrunnen-Center endet. Dieser Audiowalk führt vornehmlich entlang der ehemals geteilten Brunnenstraße, wobei der Clou der Veranstaltung ist, dass der Ex-Osten zum Ex-Westen erklärt wird und vice versa. Wo frührer DDR war, erzählen die angenehmen Kopfhörerstimmen vom Geschäft mit der „Westalgie“, von Spätis, die sich auf BRD-Produkte der Firma Haribo spezialisiert haben. Dazwischen mischt sich Empörung: „Warum sind die in der BRD geblieben? 16 Jahre Helmut Kohl!“, oder: „Wenn ich Namen wie Leonie oder Noah höre, weiß ich gleich, die Eltern stammen aus der BRD. Wenn die sich mal irgendwo bewerben müssen…“.Es

Es gibt ein pralles Programm aus Tanz, Installationen, Gesprächsrunden und Liederabende

Das Stadterneuerungsprogramm am Weddinger Vinetaplatz dagegen wird Erich Honecker zugeschrieben, der eigenhändig die letzten Steine verlegt habe, die feierliche Einweihung durch Pioniere dürfen die Teilnehmer nachstellen. Das hat ja durchaus Charme, vor allem, wenn zwischendrin die Klischees mal nicht umgekehrt reproduziert, sondern attackiert werden.

In DDR-Kirchen gab’s immer Punk-Konzerte? Ja, Gähn. Und wem muss man eigentlich noch beibringen, dass nicht in der gesamten DDR sächsischer Dialekt gesprochen wurde, nicht mal in Sachsen-Anhalt?

Der Erkenntnisgewinn hält sich dennoch in Grenzen. Immerhin zeigt am Ende der „Anstattführung“ die Gesundheits-App auf dem Mobiltelefon mehr als die 10.000 Schritte an, die der Arzt pro Tag empfiehlt.

In der zweiten Performance des Festivals – das ein pralles Programm aus Tanz, Installationen, Gesprächsrunden und Liederabenden auffährt – versucht Regisseurin und Tanja Krone sich dagegen an einer radikal persönlichen Perspektive. „Das Ellenbogen-Prinzip“ hat sie ihren Abend getauft, weil das Postwende-Mantra „Wir müssen jetzt die Ellenbogen ausfahren“ der zu Mauerfall-Zeiten 13-Jährigen besonders im Gedächtnis geblieben ist. Krone ist losgezogen, um ihre Familie, Freundinnen, ehemalige Lehrer zu interviewen. 900 Skriptseiten sind entstanden. Klar, im Kleinen erfährt man ja oft viel über die größeren Zusammenhänge. Manchmal allerdings auch nur Kleinigkeiten.

Das „Ost-West-Ding“ ist ja durchaus um Perspektivreichtum bemüht

Mit den Kolleginnen Emma Rönnebeck, damals 14, und Frieda Ponizil, heute 13, ackert sich Krone durch eine Polyphonie aus Gegenwartskepsis und Vergangenheitsverklärung, die in dem schönen Satz gipfelt: „Wenn die nächste Revolution kommt – ich warte nicht darauf, ich wünsche sie mir auch nicht – bin ich dabei“. Natürlich tanzt die Performance auch um den Warenfetisch, lässt den Hass auf das teure Käse-Überangebot im Feinkostladen sprechen, wo’s in der DDR doch nur drei Sorten gab.

Dazwischen mischen sich ein paar differenzierte Stimmen, die billigen Erklärungsmustern für den Erfolg des Rechtspopulismus misstrauen („Die jetzt auf die Straße gehen sind keine Wendeverlierer“), oder von Rissen im eigenen Familien- und Freundeskreis erzählen („80 Prozent wählen AfD, ich diskutier mit denen auch nicht mehr“). Schlaglichter auf die intellektuelle Bananenrepublik.

Das „Ost-West-Ding“ ist ja durchaus um Perspektivreichtum bemüht. Es gibt „choreografierte Gespräche zu feministischen Utopien“, ein Hörstück über trans*Wirklichkeiten in der späten DDR, eine Installation, die den oft unterschlagenen Migrationsreichtum des Arbeiter- und Bauernstaats beleuchtet, nicht zuletzt einen großen Gala-Abend (am 1. November), der mit einer Flut von kurzen Statements den deutsch-deutschen Diskurs anzukurbeln verspricht.

Im Hochzeitssaal der Sophiensäle ist außerdem die Installation „Wabe Ost“ von Caroline Creutzburg aufgebaut. Die lässt Computer-Avatare aufgezeichnete, 20- bis 40-minütige Lebensgeschichten mit Ost-West-Hintergrund wiedergeben, die man sich im allein vor dem Bildschirm anhören kann. Das hat eine schöne Konzentration. Und keine der Biografien fällt unter Klischeeverdacht.

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