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Westernstadt in Templin
© Foto: Tsp/Manfred Thomas
Tagesspiegel Plus

Das Problem an Winnetou: Ein Psychologe über Rassismus und die deutsche Obsession mit dem Wilden Westen

Red Haircrow ist empört über das mangelnde Gehör für Perspektiven von Native Americans. Er hält das Vorgehen von Verlagen wie Ravensburger für kalkuliert.

Red Haircrow, Sie kritisieren Winnetou-Bücher und -Filme seit Jahren. Noch immer erscheinen mit staatlichem Geld finanzierte Produktionen wie „Der junge Häuptling Winnetou“. Verlieren Sie langsam die Geduld?
Tatsächlich habe ich die Bücher nie kritisiert, sondern eher über einige problematische Elemente daran gesprochen. Ich habe immer auch gesagt, dass ich erkenne, dass viele Leute die Bücher sehr schätzen oder sogar lieben. Gleichwohl verschwinden dadurch nicht die Stereotype, die darin verbreitet werden. Eine Industrie verdient Millionen mit der falschen Darstellung von Menschen, die noch immer Genozid und Ethnozid unterworfen sind.

Begrüßen Sie die Entscheidung des Ravensburger-Verlags, die zwei Bücher vom Markt zu nehmen? Oder bedauern Sie die Entscheidung, weil sie nur auf öffentlichen Druck hin gefällt wurde?
Weder noch. Verlage wie Ravensburger sind sich der Beschwerden wohl bewusst, die viele Menschen gegen falsche Repräsentationen, Stereotype, eurozentrische und rassistische Darstellungen geäußert haben, nicht nur Native Americans. Sie sind sich ja auch der Einwände gegen die Werke mehrheitlich weißer Autor:innen bewusst, die über People of Color schreiben, während sie Werke, die von People of Color verfasst wurden, meist ablehnen.

Ravensburger und andere Verlage haben außerdem den Ruf vieler Deutscher nach der Übersetzung von Werken ins Deutsche ignoriert, die Native-Autor:innen verfasst haben – sodass akkuratere, authentische Selbst-Repräsentationen verfügbar wären. Viele sehen Native Americans in einer kulturellen, kreativen Renaissance. Trotzdem bleiben Verlage dabei, auf weiße, aneignende, falsch repräsentierende Werke zu setzen.

Die aktuelle Situation war komplett vermeidbar. Die Entscheidung, die Bücher zu veröffentlichen und dann zurückzuziehen, wird leider dazu verwendet werden, den falschen Glauben daran zu stärken, dass hier „weiße Rechte“ verletzt würden.

Intellektueller gegen Anti-Rassismus: Red Haircrow
Intellektueller gegen Anti-Rassismus: Red Haircrow
© Foto: privat

Der Karl May-Experte Andreas Brenne verteidigt die Kinderbücher damit, dass die erzählten Geschichten zu Beginn explizit als fiktiv ausgewiesen werden.
Das ist ein privilegierter, „einfacher“ Ausweg. Fiktion hat eine Wirkung auf uns, und selbst Fiktion besteht aus Überzeugungen, Perspektiven und Erfahrungen des Schreibenden und der Leser:innen.

In Werken der Kultur und mit ihrer Hilfe fantasieren sich Menschen oft an andere Orte oder in andere Menschen hinein. Was sollte man dabei beachten? Wo ist die Grenze?
Wenn die Geschichte, die noch immer „gelehrt“ wird, nicht so eurozentrisch wäre, voller Verlogenheit, Übertreibungen und Heroisierung von Mord, Diebstahl, Vergewaltigung und Plünderungen, wäre das Problem daran deutlich geringer. Wenn die Gesellschaft und das (Un-)Bildungssystem nicht die Zuschreibungen, Erfolge und den berechtigten Platz der „nicht-weißen“ Europäer:innen und anderer Völker verdeckt hätten und immer noch verdecken würden, wäre das Problem ebenfalls deutlich geringer.

Mika Ullritz als Titelheld in „Der junge Häuptling Winnetou“
Mika Ullritz als Titelheld in „Der junge Häuptling Winnetou“
© Foto: dpa/Marc Reimann/Leonine Studios

Wenn so viele Stereotype und Lügen nicht immer noch geglaubt würden, könnte das Problem ebenfalls deutlich geringer sein: Stereotype, die erschaffen wurden, um die entsetzliche Behandlung indigener Völker durch Europäer:innen zu verklären oder verbergen. Wir haben diesen Punkt aber noch nicht erreicht. Und der Großteil der westlichen Gesellschaften erkennt nicht einmal diese Tatsache an.

Welche Filme über Natives würden Sie befürworten?
Nahezu jeden Film – wenn er von Natives selbst gemacht wurde. Was westliche Gesellschaften vergessen, ist, dass Natives, und fast alle anderen People of Color, komplett in die „weiße“ Kultur eingehüllt sind, seit unserer Geburt. Manchmal wurde uns unsere eigene Kultur sogar komplett vorenthalten, durch Kolonisierung oder andauernden Genozid oder Ethnozid. Jede Laune, jede Liebe, Hass, Ungerechtigkeit, Liebeskummer, Wut weißer Europäer:innen wird fast ständig gezeigt: in Schulen, auf der Straße, in den Nachrichten. Wir wissen weit genauer über euch Bescheid als ihr über uns. Und was „ihr“ über „uns“ wisst, wisst ihr überwiegend aus eurozentrischen, weißen und männlichen Analysen und Interpretationen darüber, was „wir“ sind.

Was müsste am deutschen Bildungssystem geändert werden?
Wie in jeder anderen westlichen Gesellschaft ist Deutschlands Bildungssystem stark eurozentristisch. Es gibt außerdem eine überwältigend große weiße Mehrheit. Systemischer Rassismus zeigt sich darin, dass so wenig Lehrkräfte People of Color sind. Das gilt sogar für die Universitäten, in Disziplinen wie American Studies oder bei der Behandlung indigener Themen.

Die meisten Professoren sind weiß, obwohl es ähnlich oder sogar höher qualifizierte People of Color gibt. Sie werden selten eingestellt, erhalten wenn, dann oft nur kurze Verträge zu ganz bestimmten Themen. Ich weiß nicht, wie oft Lehrkräfte und Professor:innen mir schreiben, die ihren Lehrplan verbessern wollen, wenn Leute wie ich, die anderen etwas beibringen wollen, unterbeschäftigt oder arbeitslos sind.

In den Jahren vor der Corona-Pandemie habe ich regelmäßig Fortbildungen für Lehrer:innen angeboten über indigenes Wissen, Anti-Rassismus und dergleichen. Viele der Lehrer:innen gaben ihre Frustration mit dem deutschen Bildungssystem zu, weil die Limitierungen, die ihnen bei der Behandlung von Anti-Rassismus und nicht-eurozentrischen Materialien auferlegt werden, so groß sind. Viele Eltern haben sich für diese Themen begeistert, aber wurden von anderen als „zu woke“ kritisiert.

Manche Menschen fürchten, dass Entscheidungen wie die von Ravensburger ihnen etwas wegnehmen. Wie kann man ihre Unterstützung gewinnen? Oder wollen Sie das überhaupt?
Ich und die meisten von uns zielen nicht darauf ab, die Unterstützung solcher Menschen zu gewinnen – weil wir wissen, dass es einem Wandel zum Guten im Wege steht. Es verschwendet unsere Zeit und Energie. Ein Großteil der westlichen Gesellschaften, besonders Deutschland, hat sich nie mit seinem historischen Trauma auseinandergesetzt. Es hat paranoide, misstrauische und ängstliche Einstellungen produziert. Angst wird dazu verwendet, zu kontrollieren und zu manipulieren, von der politischen Bühne bis ins Alltagsleben hinein.

Wenn Leute fürchten, ihnen werde etwas weggenommen, drehen sie sich wieder nur um sich selbst und um das Weißsein, um weiße Privilegien. Sie haben die Macht, es zu ignorieren, wenn jemand sagt: „Bitte hört auf, das und das zu tun, es schadet uns.“ Ihre Antwort ist dann: „Wir werden es trotzdem machen, weil wir das so mögen.“ Das ist eine schreckliche Mentalität, erst recht, um sie Kindern beizubringen – aber genau das tut Deutschland und andere westliche Gesellschaften. Wir haben das auch im neuesten Winnetou-Film gesehen. Auch er richtete sich vor allem an Kinder und junge Leute.

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