• „Das zerbrochene Haus“ erscheint als Neuausgabe: Die einen decken zu, die anderen auf

„Das zerbrochene Haus“ erscheint als Neuausgabe : Die einen decken zu, die anderen auf

Horst Krüger erzählt in dem Band „Das zerbrochene Haus“ von einer Jugend in Nazi-Deutschland. Diesmal mit einem Nachwort von Martin Mosebach

Hannes Schwenger
Der 1919 geborene Horst Krüger wuchs in der Berliner Siedlung Eichkamp auf. Die Häuser wurden im Wesentlichen in den 1920er Jahren gebaut.
Der 1919 geborene Horst Krüger wuchs in der Berliner Siedlung Eichkamp auf. Die Häuser wurden im Wesentlichen in den 1920er Jahren...Foto: picture alliance / ullstein bild

Man trifft sich immer zweimal, will ein Sprichwort wissen. Das muss keine Drohung sein, manchmal ist es auch das Versprechen auf ein freudiges Wiedersehen. Im Fall von Horst Krügers Buch über „Eine Jugend in Deutschland“ handelt es sich seit der Erstausgabe 1966 sogar um die dritte Begegnung in einem dritten Verlag, diesmal mit einem Nachwort von Martin Mosebach.

„Das zerbrochene Haus“ ist eine Collage aus Reportage, Bericht und Essay, „kein einheitliches Prosastück“, wie Marcel Reich-Ranicki beim Erscheinen registrierte, aber „eines der besten, die ich in diesem Jahr in einer deutschen Zeitschrift gefunden habe.“

Es begründete Krügers Ruf als glänzender Stilist, dem er in späteren Jahren als unverwechselbar leichtfüßiger Kolumnist und Autor literarischer Reisefeuilletons gerecht wurde.

Am 17. September 1919 in Magdeburg geboren, studierte er in Freiburg Philosophie und Literaturwissenschaften, schrieb nach dem Krieg Artikel für die „Badische Zeitung“ und war von 1952 bis 1967 Nachtprogramm-Redakteur im Südwestfunk Baden-Baden, bevor er nach Frankfurt am Main zog, wo er bis zu seinem Tod 1999 als freier Autor lebte.

Das letzte Kapitel „Gerichtstag“ liefert den Entstehungskontext aus einer Reportage über den Auschwitz-Prozess. Zu dessen Eröffnung kommt Krüger etwas verspätet und setzt sich unbefangen ins Publikum: lauter „Bundesdeutsche aus dem Jahr 64“.

Erst als ihm in der Verhandlungspause ein Kollege die Angeklagten zeigt, begreift er, wer „diese freundlichen Leute vorhin im Saal“ waren „und dass man sie natürlich nicht unterscheiden kann von uns allen“.

Täter wie Opfer sind „Menschen wie du und ich“

Erst jetzt wird der Prozess für ihn zur eigenen Sache, sieht er in Tätern und Opfern nicht monströse Standbilder des Schreckens und Leidens, sondern „Menschen wie du und ich“. Allerdings fällt ihm auf, dass unter den Zuschauern – Alte und Junge – die eigene, „die mittlere Generation, die dabei war“, fehlt.

Das ist sein Stichwort für die Reise in die verdrängte eigene Jugend, in das symbolisch „zerbrochene“ und 1945 real zerbombte Elternhaus in Berlin-Eichkamp, das er schon als Soldat und als Überläufer zu den amerikanischen Befreiern verlassen zu haben glaubte.

Wo die kleinen
Wo die kleinenFoto: SZ Photo

Dabei sucht und findet er einen „Hitler: den gibt es auch noch in uns. Er herrscht noch im Dunkeln, im Untergrund; irgendwie hat er uns allen einen Sprung beigebracht (...) Die einen decken zu und die anderen decken auf – das sind zwei Seiten der deutschen Medaille.“

Zumindest für seine Generation gilt der Schlusssatz: „Dieser Hitler, denke ich, der bleibt uns – lebenslänglich.“

Die Erstausgabe erschien im linksliberalen Verlag Rütten & Loening

Damit traf er 1966 die Stimmung einer jungen Generation, die nach der Rolle ihrer Eltern, Lehrer und Professoren im „Dritten Reich“ zu fragen begann und unter Richterroben und Talaren den Muff von 1000 Jahren witterte.

Nicht zufällig erschien Krügers Buch im linksliberalen Verlag Rütten & Loening, der sehr zum Missfallen der Konzernmutter Bertelsmann, auch ein Buch über Adenauers Staatssekretär Globke und dessen NS-Vergangenheit herausbrachte – und auf Druck der Bundesregierung zurückziehen musste.

Krügers Buch, dem Branchenkenner die doppelte Auflage zugetraut hätten, erreichte bei Rütten & Loening in zweiter Auflage nur 6000 Exemplare.

Seinen bleibenden Erfolg verdankt es anderen Verlagen. In seinem Vorwort zur Ausgabe von 1976 überhöht Krüger die nur scheinbar heile Welt der Siedlung Eichkamp zum „Phänomen des unpolitischen deutschen Kleinbürgertums“ , relativiert aber zugleich seinen jugendlichen Trotz gegen die bürgerlich ehrbaren Eltern als Ungerechtigkeit, „ja Lieblosigkeit“.

Kurier für eine "nationalbolschewistische" Widerstandsgruppe

Manches würde er „heute komplizierter darstellen“. Dazu mag ein Wiedersehen mit einem Schulfreund beigetragen haben, der sein Aufbegehren gegen die Enge von Schule und Elternhaus anstachelte, um ihn als Kurier für eine „nationalbolschewistische“ Widerstandsgruppe zu werben.

Krüger kam mit Untersuchungshaft davon, der Freund vor den „Volksgerichtshof“ und ins Zuchthaus. In Ostberlin begegnet er Krüger wieder – als Redakteur des „Neuen Deutschland“, vom Opfer des NS-Staats zum Mittäter einer neuen Diktatur geworden.

[Horst Krüger: Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2019. 216 Seiten, 22 €.]

Martin Mosebach stellt in seinem Nachwort der Neuausgabe zum 100. Geburtstag des Autors Krügers pauschale Schuldzuweisung an „das Kleinbürgertum“ aus heutiger Sicht mit guten Gründen infrage. Hitlers Wähler kamen ebenso aus der Arbeiterschaft, und „so einfach“ sei das auch mit der Kleinbürgerlichkeit von Eichkamp nicht gewesen.

Ein bedrohlicher Unterton, statt Gewissheiten

Krügers Eltern seien „ordentliche Leute“ in „deutlicher Distanz zur Diktatur“ gewesen, ihre Nachbarn kritische Geister wie Elisabeth Langgässer und Ludwig Marcuse.

Wer Eichkamp heute besucht, schreibt Mosebach, könne „sich nicht vorstellen, was Horst Krüger den Lesern so unvergesslich nahebringt: dass es ein Unglück war, hier aufzuwachsen“. Zu dessen Verständnis sei es auch gar nicht notwendig, einen kausalen Zusammenhang zwischen Bürgerlichkeit und Staatsverbrechen herzustellen.

Krüger selbst findet denn auch für die größte Tragödie seiner Kindheit keine „Erklärung“: den Selbstmord seiner 19-jährigen Schwester, über dessen Gründe er so wenig mitteilt wie über den Tod der Eltern.

Für Mosebach gehört es sogar zu den „seltenen Vorzügen der Kunst von Horst Krüger, diese Frage nicht analysierend zu beantworten, sondern stattdessen den Leser einzuspinnen mit dem leisen Ton seiner gleitenden, schwebenden Sätze“, in denen nur ein bedrohlicher Unterton hörbar werde. Es ist dieses Gefühl der Heillosigkeit, das Krügers Buch noch immer vermittelt.

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