• „Days“ im Berlinale Wettbewerb: Zwei Männer, eine Nacht, und das Ende der Einsamkeit

„Days“ im Berlinale Wettbewerb : Zwei Männer, eine Nacht, und das Ende der Einsamkeit

Der Wettbewerbsfilm von Regisseur Tsai Ming-liang ist eine sinnliche Fantasie der Entschleunigung. Mit einem etwas anderen Happy End.

Till Kadritzke
Eine Hotelnacht, zwei Männer. Die Protagonisten von "Days".
Eine Hotelnacht, zwei Männer. Die Protagonisten von "Days".Foto: © Homegreen Films

Bevor der junge Mann den etwas älteren Mann im Hotelzimmer wieder allein lässt, bekommt er ein Geschenk. Es ist eine Spieluhr, und wie der Beschenkte da auf der Bettkante sitzt und bedächtig an der Kurbel dreht, die Töne in seinem eigenen Tempo zu einer Melodie formt, da kommt der Film ganz zu sich.

Irgendwo hinter der Leinwand scheint auch Regisseur Tsai Ming-liang zu sitzen und zu kurbeln, bedächtig Bilder zu formen, in seinem eigenen Tempo.

„Days“ heißt der neue Film des gebürtigen Malaysiers, den er ins Rennen um den Goldenen Bären schickt, es ist sein erster abendfüllender Spielfilm seit sieben Jahren. Im Zuge des letzten, „Stray Dogs“, hatte er noch angekündigt, sich mit seinen Arbeiten zukünftig eher der Kunstwelt als dem Kino widmen zu wollen.

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Und tatsächlich ist der in Taiwan ansässige Filmemacher mittlerweile auf großen Ausstellungen und Kunstfestivals vertreten. Auch „Days“ ist ein Museum, in dem Gemälde hängen: Die Einstellungen sind statisch und lang, eine Texttafel weist auf den absichtlichen Verzicht auf Untertitel hin, aber gesprochen wird ohnehin kaum.

Die Erzählung: Die Wege zweier Männer kreuzen sich. Kang, gespielt von Tsais langjähriger Muse Lee Kang-sheng, lebt in Taipeh, Non (Anong Houngheuangsy) in Bangkok.

Kang blickt in der ersten Einstellung in den Regen, später lässt er seinen Rücken behandeln. Non sehen wir beim Kochen, sorgsam wäscht er Kräuter und Salat. Zwei Männer, die mit sich allein sind. Während Non routiniert dem Alltag nachgeht, spricht aus Kangs Blicken eine existenzielle Einsamkeit.

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Man muss sich einlassen auf diesen Film – und wird belohnt. „Days“ ist eine Einladung, die eigene Wahrnehmung zu verlangsamen, jedes Bild als Geschenk zu begreifen, jeden Schnitt als Ereignis.

Eine Übung im Hinsehen und Hinhören: Wenn es erstmals vom privaten in den öffentlichen Raum geht, dann bricht der Straßenlärm auf die Tonspur wie ein Monster in ein Idyll.

[28.2., 10 Uhr (FSP), 29.2., 13.15 Uhr (HdBF), 29.2., 21.30 Uhr (FSP)]

Das Herz des Films ist die Begegnung der Männer im Hotel, eine ausführliche Massage mit einem sexuellen Abschluss. Hier ist auch Geld im Spiel, aber auch ehrliche Zuneigung.

In der langen Einstellung, in der Kang nackt auf dem Hotelbett liegt, bricht sich die Sinnlichkeit von „Days“ endlich in Berührungen Bahn: Körperkontakt als Klimax in einem Film der unterdrückten Sehnsucht.

Dass Tsais Minimalismus nichts mit eitlem Kunstwillen zu tun hat, liegt vor allem an der Zärtlichkeit, mit er auf die Welt blickt.

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Am Ende sitzt Non nachts auf einer Bank irgendwo in Bangkok, nahe einer lauten Kreuzung, und dreht verträumt an seiner Spieluhr. Ein paar letzte erlesene Töne gegen den Lärm der Welt.

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