Denkerstreit zum Thema Corona : Kritik an Giorgio Agambens Thesen

Der Philosoph Giorgio Agamben und seine Coronathesen: Eine italienische Debatte strahlt auf Europa aus.

Ärzte und Krankenschwestern bei einem Flashmob vor einem Krankenhaus in Turin.
Ärzte und Krankenschwestern bei einem Flashmob vor einem Krankenhaus in Turin.Foto: Marco Alpozzi, dpa

Er ist Bürger eines der am stärksten vom Virus betroffenen Länder, einer der prominentesten lebenden Philosophen und gilt als Fachmann für das Thema: 2003 erschien Giorgio Agambens Buch „Ausnahmezustand“.

Im deutschen Sprachraum ist Agamben in der Coronakrise deshalb ausführlich zu Wort gekommen, kürzlich hat die „Neue Zürcher Zeitung“ die vorerst letzte seiner Interventionen veröffentlicht, „Domanda“ („Nur eine Frage“).

Im Herkunftsland des Denkers haben seine Interventionen ihm erheblichen Gegenwind eingetragen. Am 26. Februar hatte Agamben in einem Artikel für die linke Tageszeitung „Il manifesto“ – er erschien gleichzeitig im Blog des Verlags Quodlibet unter dem provozierenden Titel „Die Erfindung einer Epidemie“ – von „hektischen, irrationalen und völlig grundlosen Notfallmaßnahmen“ geschrieben und einer bloß „vermuteten Epidemie“.

Zwei Wochen später legte er nach, wieder im Quodlibet-Blog: Schon die Idee der Ansteckung sei „eine der unmenschlichsten Folgen“ der herrschenden Corona-Furcht. Der hippokratischen Medizin sei sie noch fremd gewesen.

Die Dekrete verwandelten „faktisch jedes Individuum in einen potenziellen Überträger, so wie einst die Terrorgesetze faktisch und rechtlich jeden Bürger zum potenziellen Terroristen machten“.

Agamben behauptete eine Weile, die Epidemie gebe es nicht

Noch trauriger sei das Kontaktverbot, der „Niedergang der menschlichen Beziehungen“, so Agamben. Der Mitmensch werde abgeschafft. So entstehe eine Lage, „wie sie die Regierenden schon mehrfach herstellen wollten“: Schulen und Universitäten dicht, keine politischen Versammlungen mehr.

Die Reaktionen blieben weitgehend aufs Netz beschränkt. Der „Corriere della sera“, der dem Thema als einziges Blatt eine Doppelseite widmete, stellte eine allgemeine Rücksicht auf den Großdenker fest.

Die erste Replik, erschienen im politisch-philosophischen Magazin „Micromega“, war allerdings wütend. Chefredakteur Paolo Flores d’Arcais, selbst Philosoph und einer der Chefdenker der italienischen Linken, reagierte auf die Steilvorlage, es gebe gar keine Epidemie.

Er habe „genug vom Aberglauben von Gurus und Sektenführern, auch wenn sie als Philosophen oder Psychoanalytiker durchgehen wollen“, donnerte Flores d’Arcais.

Er gilt als verbindlicher, politisch-akademisch aber grimmiger Verteidiger eines Wissenschaftsbegriffs, der seinerseits manchmal religiöse Inbrunst verrät. „Darf man erwarten, dass für die Philosophie einmal eine Zeit anbricht, in der die Liebe zum Wissen, zur Weisheit wieder zu ihrem Fixstern wird?“ Wissen sei nun einmal nicht para- oder posttheologisch, sondern wissenschaftlich.

Ironischerweise führt Corona gerade vor, wie sehr dieser Gegensatz derzeit hinfällig ist. Selbst im katholischen Italien sind die Kirchen seit Wochen geschlossen, sogar Ostern feierte der Papst auf soziale Distanz.

Was Agamben seufzen ließ, die Kirche habe „sich zur Magd der Wissenschaft gemacht, der mittlerweile wahren Religion unserer Zeit“. Ihre Märtyrer habe sie vergessen, ihre Priester lasse sie aus Angst vor Ansteckung nicht mehr zu den Todkranken.

Corona befördere autoritäre Gesellschaften

Inzwischen hat Agamben sich stillschweigend von der Behauptung verabschiedet, die Epidemie gebe es nicht. Was die Befürchtung autoritärer Folgen angeht, bleibt er hart. Auch dies sei Realitätsverweigerung, findet etwa der venezianische Schriftsteller Tiziano Scarpa.

„Bakterien und Viren gibt es“, schreibt Scarpa auf ilprimoamore.it, ebenso wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, den Tod. „Nicht alles ist Absicht, Recht oder Macht.“ Womöglich verändere Corona gerade den Charakter des Ausnahmezustands; er sei nicht mehr von oben erzwungen, sondern von der Gesellschaft beschlossen.

Der französische Philosoph Jean-Luc Nancy hält den Begriff „Ausnahmezustand“ sogar für überlebt. Sein alter Freund merke nicht, „dass in einer restlos vernetzten Welt die Ausnahme zur Regel wird“ und diese Vernetzung mit dem Bevölkerungswachstum zunimmt.

In den reichen Ländern wachse zugleich die Zahl der Alten und Gefährdeten. Die Regierungen seien eher Getriebene dieses normal gewordenen Notstands. Sie als seine Nutznießerinnen anzuklagen, sei eher ein Ablenkungsmanöver als eine politische Idee. Was nichts am Kern des Problems ändere, schreibt Nancy: „Eine ganze Zivilisation ist infrage gestellt.“

Wo Agamben Barbarei sieht, sehen andere den Fortschritt

Agambens offensichtliche Fehler, sein Pathos – jenseits der „erfundenen Seuche“ zieht er NS-Vergleiche – laden ein, sie zu zerpflücken. Flores d’Arcais macht sich unter Hinweis auf die Attische Seuche, die 429 v. Chr. Perikles das Leben kostete, über das Hippokrates-Argument lustig, die US-Philosophin Anastasia Berg überführt ihn der Falschaussage.

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Agamben meinte, noch nie habe es solche Einschränkungen der Bewegungsfreiheit gegeben. Nein, die Pest um 1600 habe jede Bewegung in und zwischen Europas Städten praktisch zum Erliegen gebracht. Auch Agambens älteres Konzept des „nackten Lebens“ erntet Kritik. Wo er Barbarei sieht, entdecken viele in der Sorge um Alte und Schwache einen Zivilisationsfortschritt.

Eher beiläufig bleibt die Auseinandersetzung mit Agambens These über die bleibenden Folgen von Kontaktverboten und drastisch eingeschränkten Grundrechten für die Demokratie. „Wie die Kriege dem Frieden unheilvolle Techniken hinterließen, vom Stacheldraht bis zum Atomkraftwerk“, werde es auch mit dieser Pandemie sein, schreibt der Philosoph.

Das habe allerdings nicht er entdeckt, schreibt dazu Marco d’Eramo, wieder auf „Micromega“, und dazu brauche es auch keine Verschwörungstheorien: Die Regierung Bush hat das World Trade Center nicht selbst zum Einsturz gebracht. Aber sie habe 9/11 als günstige Gelegenheit für Repression und den Abbau von Rechten genutzt.

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