Depeche Mode in Berlin : Der Soundtrack unserer Leben

Kommst du mit in den Alltag: Das routinierte, überraschungsfreie, aber gute Konzert von Depeche Mode in der Berliner Mercedes-Benz-Arena.

Dave Gahan von Depeche Mode.
Dave Gahan von Depeche Mode.Foto: AFP

Es passiert lange vor den Zugaben, ziemlich genau in der Mitte dieses Konzerts von Depeche Mode in der Berliner Mercedes-Benz-Arena, bei „Home“, einem von drei Songs, die Depeche-Mode-Gitarrist-und-Songwriter Martin Gore wie üblich ohne Sänger und Frontmann Dave Gahan performen darf. Die letzten Takte hat die Band gespielt, und in diesem Moment scheint sich das Publikum, das durchweg im prädigitalen Zeitalter sozialisiert worden ist, zu überlegen, ob es an diesem Abend nicht selbst zum Star werden, die Show übernehmen soll.

Die ganze Halle summt und brummt beseelt die Melodie des getragenen Stücks weiter vor sich hin und verblüfft damit auch Dave Gahan, der gerade auf die Bühne zurückgekehrt ist. Gahan schwingt sich, in dem er die Arme hin und her schwenkt, genussvoll-freudig zum Dirigenten auf. Doch die Show muss natürlich auch auf der Bühne weitergehen, weshalb die Band wieder übernimmt, allen voran Gahan. Schließlich steht nun, soweit man bei Depeche-Mode-Konzerten überhaupt davon sprechen kann, der Greatest-Hits-Teil vor den Zugaben und diese selbst an, vom Publikum erwartet, und zwar, bitte schön, ohne Überraschung: die ewigen immergrünen Gassenhauer von „Enjoy The Silence“ über „Never Let Me Down Again“ bis zu „Personal Jesus“ als Schlussstück.
Das kann langweilig finden, wer kein eingefleischter Fan ist. Doch davon gibt es auf Konzerten dieser seit fast vierzig Jahren existierenden britischen Synthieband sowieso nur wenige. Depeche Mode sind für den sehr, sehr großen Teil des Publikums sicher auch dieses Konzertes Berufung, sie gehören zur Grundausstattung des Lebens. Die Vergangenheit, zu der die Band mit Stücken wie „Everything Counts“, „Question of Time“ (ein kleiner Ausreißer im Zugabenblock) oder „World of my Eyes“ den Soundtrack lieferte, gehört hier geradezu zwangsläufig zur Gegenwart.

Von dem neuen Album spielt die Band nur drei Stücke

Insofern spielt es kaum eine Rolle, dass die Band ja erst vor einem halben Jahr in Berlin im Olympiastadion und überall woanders auf der Welt war, um das jüngste Album „Spirit“ vorzustellen. Die „Global-Spirit“-Tour setzen sie 2018 einfach fort, in Berlin mit noch einem Konzert am Freitag an selber Stelle und zwei weiteren im Sommer in der Waldbühne. Selbstredend sind alle diese Konzerte lange ausverkauft, und es macht da gar nichts, dass in der Mercedes-Benz-Arena überhaupt nur noch drei Stücke von „Spirit“ gespielt werden und eines der besten des Albums, „So much Love“ gestrichen wurde, ohne dass die Choreografie im Vergleich zu dem Auftritt im Olympiastadion grundlegend verändert worden wäre. Depeche Mode sind eine routinierte Live-Band. Sie wissen, was sie ihrem treuen Publikum schuldig sind. Insbesondere Gahan vermag es, diese Routinen zu überspielen und so zu tun, als würde er überhaupt zum ersten Mal und nur an diesem Abend so wunderbare Pirouetten drehen, ganz ohne Drehschwindel im Anschluss, wie es scheint. Ja, als würde er sich das erste Mal in seinem Leben und auf Konzerten so lasziv zwischen die Beine fahren oder gleich zu Beginn bei „Going Backwards“ provokativ seinen kleinen Hintern herausstrecken.

Doch, dieses Konzert hat etwas Intimes, hat etwas von einem Club-Konzert, 17000 Zuschauer hin oder her, es ist ein gutes, zufrieden stellendes, zufrieden machendes Konzert. Gore, Keyboarder Andrew Fletcher und Gahan sind häufig gut und scharf auf der Leinwand hinter der Bühne zu sehen (unverkennbar: das Synthie-Rock’n’Roll-Leben hat Spuren hinterlassen), und Gahan wandert immer mal wieder auf den Steg ins Publikum.

Im Sommer sehen sich alle wieder

Es pumpt und bohrt aus allen Bässen und Synthies, und doch schälen sich die Melodien gut heraus, bekommt ein Song wie „Walking in My Shoes“ mit seinem Video, in dem ein Mann sich in eine Frau verwandelt und schließlich auf hohen Hacken durch die Straßen läuft, sogar eine geschlechter- und gesellschaftspolitische Botschaft. Am Ende, klar, bei „Never Let Me Down Again“, als alle in der Halle mit ihren Armen wedeln (viel besser als die nervtötende Mitklatscherei gerade zu Beginn), sind Band und Publikum sich so nahe wie bei „Home“. Klar, dass im Sommer in der Waldbühne alle, aber wirklich alle wieder da sind.

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