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Amazon-Chef Jeff Bezos bei der Präsentation neuer Kindle-Produkte im Jahr 2012.

© dpa

Proteste gegen Amazon: Der böse Bube und die guten Geister

Der Internethändler Amazon ist auf dem Weg zum Quasimonopolisten. Nach dem Vorbild der USA formiert sich jetzt auch bei deutschen Autoren der Widerstand – auf vielen Kanälen.

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Vor wenigen Tagen erst haben über 900 amerikanische Schriftsteller gegen Amazon protestiert. Angeführt von Douglas Preston, bekundeten sie am vergangenen Sonntag in einer ganzseitigen Anzeige in der „New York Times“ ihren Unmut über die Praktiken des Internet-Händlers. Es war der größte öffentliche Aufschrei, der sich in dem Konflikt bisher vernehmen ließ. Preston, mit Thrillern berühmt geworden, wirft Amazon vor, künstlich Lieferengpässe bei Büchern herbeizuführen, deren Verlage nicht die gewünschten Rabatte auf E-Books gewähren. Zu den Betroffenen gehört auch Prestons US-Verlag Hachette. Autoren wie Stephen King, Donna Tartt und John Grisham haben die Protestnote unterzeichnet.

Nun haben auch deutsche Autoren Amazon ins Visier genommen. In einem Brief an Konzernchef Jeff Bezos und seinen deutschen Statthalter Ralf Kleber, der nächste Woche auf der Website www.autoren-fuer-fairen-buchmarkt.de veröffentlicht werden soll, rufen zahlreiche Schriftsteller zum Widerstand auf. In dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es: „Wir Autorinnen und Autoren sind der Meinung, dass kein Buchverkäufer den Verkauf von Büchern behindern oder gar Kunden vom Kauf von Büchern abhalten sollte.“ In Deutschland befindet sich vor allem die schwedische Verlagsgruppe Bonnier, zu der Ullstein, Piper oder der Berlin Verlag gehören, im Clinch mit Amazon – ebenfalls wegen unzumutbar hoher Nachlässe.

„In den letzten Monaten“, so die Klage, „werden Bonnier-Autoren und Autorinnen boykottiert und ihre Bücher nicht auf Lager gelegt, selbst wenn es gängige Werke sind.“ Sie würden „verlangsamt ausgeliefert, über die Lieferbarkeit finden sich Falschaussagen, und die Autoren und Autorinnen tauchen nicht mehr in den Empfehlungslisten auf." Der vom deutschen PEN und seiner Generalsekretärin Regula Venske, dem Verband deutscher Schriftsteller (VS), der IG Autoren Österreich und dem Bundesverband junger Autoren und Autorinnen initiierte Brief gelangt zu dem Schluss: „Amazon manipuliert Empfehlungslisten.“

Sogar das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher gehört schon zu Amazon

Der Protest folgt einer Kartellrechtsbeschwerde, die der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Juli einreichte. Die EU-Kommission des aus steuerlichen Gründen in Luxemburg ansässigen Unternehmens soll mittlerweile Vorermittlungen aufgenommen haben. Seit anderthalb Jahren sieht sich Amazon auch mit Streiks an mehreren seiner neun Versandzentren konfrontiert. Die Gewerkschaft Verdi versucht einen Tarifvertrag durchzusetzen, der sich am Einzel- und Versandhandel orientiert. Mit einem Stundenlohn von anfangs 9,55 Euro zahlt Amazon seinen rund 15 000 Angestellten rund einen Euro weniger. Das Unternehmen will jedoch keinen Tarifvertrag und argumentiert, dass die Arbeit in den Verteilzentren Logistik sei. Gemessen daran zahle Amazon gut.

Schon 2004 wehrte sich der Zürcher Diogenes Verlag gegen unzumutbare Rabatte – und wurde mit seinen Titeln eine Weile ausgelistet. Doch das war zu einer Zeit, als Amazon noch nicht zu dem weltgrößten Online-Warenhaus ausgebaut war, das sein Buchgeschäft vor allem pflegt, um mit einer zahlungskräftigen Klientel in Kontakt zu bleiben. Wer Bücher liest, kauft auch Beauty- und Drogerieartikel, Unterhaltungselektronik, CDs und Kleidung. Amazon ist darüber zu einem Multimedia-Konzern herangewachsen, der selbst verlegerisch auftritt und die gesamte Verwertungskette zu kontrollieren versucht. Amazon beherrscht sogar den Markt für antiquarische Bücher. Zu dieser Stellung gelangte es über den 2008 erworbenen Online-Händler Abebooks, der 2001 das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher (ZVAB) erwarb.

Darüber hinaus betreibt Amazon einen Filmverleih sowohl auf DVD wie als Stream, und ist heute überhaupt ein Marktplatz, den auch andere Händler nutzen. Es ist Jeff Bezos gelungen, alle Prozesse rund um den elektronischen Handel hocheffizient zu machen. Amazon ist ein perfekt organisierter Logistikanbieter und verwaltet als einer der größten Anbieter von Cloud-Diensten riesige Datenmengen. Dabei nutzen auch andere Unternehmen die Rechenzentren und Programme. Unzählige Berliner Start-Ups wären ohne Amazon undenkbar.

Amazon bereitet sich mit seinem Expansionsdrang auf den Fall der Buchpreisbindung vor

Amazon-Chef Jeff Bezos bei der Präsentation neuer Kindle-Produkte im Jahr 2012.

© dpa

Neben dem E-Book-Reader Kindle gibt es in den USA bereits ein Amazon-Smartphone, seit neuestem auch einen mobilen Bezahldienst, das Amazon Local Register. Wenn er ein Erfolg wird, wird Amazon bei den Nutzern für jeden Zahlvorgang künftig eine Provision von 2,5 Prozent des Kaufpreises kassieren. Das Unternehmen experimentiert auch mit der Auslieferung von Waren per Drohne.

Die Diversifizierung wäre Amazon nicht vorzuwerfen, wenn man dem Unternehmen sein Herz für Bücher abnehmen würde. Mit seinem Expansionsdrang bereitet es sich aber nur auf den auch von der Brüsseler Kommission betriebenen Fall der Buchpreisbindung vor, der Amazon endgültig ein Quasimonopol verschaffen würde. Die Buchpreisbindung gilt unter Verlagen mit anspruchsvollem Programm als Garant programmatischer Vielfalt: Der Zusammenbruch der literarischen Märkte in England oder der Schweiz dient als warnendes Beispiel.

Das aggressive Wachstum drückt indes die Gewinne. Zuletzt verärgerte Bezos die Investoren erneut mit roten Zahlen Wegen hoher Investitionen machte Amazon im zweiten Quartal einen Verlust von 126 Millionen Dollar (94 Millionen Euro). Für das laufende Quartal rechnet Amazon sogar mit einem operativen Verlust von bis zu 810 Millionen Dollar. Der Umsatz im Quartal wuchs dabei um 23 Prozent auf 19,3 Milliarden Dollar.

Ein Problem der deutschen Initiative ist allerdings, dass bisher viel zu wenige genuin literarische Autoren unterzeichnet haben. Unter den gut 100 sich ständig erweiternden Namen finden sich die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, der Kinderbuchautor Paul Maar, John von Düffel und Roswitha Quadflieg sowie viele ehrenwerte Unterstützer von Manfred Bissinger über Fred Breinersdorfer bis zu Günter Wallraff. Zu den prominenten Wortführerinnen der Aktion zählen aber Nina George, deren „Lavendelzimmer“ reine Frauenunterhaltung ist, oder Nele Neuhaus, die mit Taunus-Krimis die Bestseller-Listen erklomm. Gerade jetzt ist es wichtig, sich nicht auseinander dividieren zu lassen. Doch die Aktivisten haben bisher nicht viel Mühe darauf verwendet, das Feld möglichst breit zu halten – wo doch die Literatur, wie unlängst in einer Umfrage der „Zeit“ zu lesen war, mit Amazon doch auch von Grund auf fremdelt.

Ein Grund für die unvollständige Allianz nennt der Brief selber: „Viele Autoren und Autorinnen haben Amazon unterstützt, als es eine kleine Startup-Firma mit neuen Ideen war. Wir haben Amazon Millionen in die Kassen gespült, viele haben mit Amazon kooperiert und tun das noch heute. Viele von uns haben ihre Backlist bei Amazon, haben Rezensionen und Beiträge geschrieben. Diese Autoren und Autorinnen, uns, jetzt ,in Beugehaft' zu nehmen, ist keine Art mit Geschäftspartnern umzugehen.“

Auch sonst sind die Fronten keineswegs eindeutig. „Vor lauter Protest gegen den bösen Riesen Amazon scheinen viele zu vergessen, worauf es eigentlich ankommt“, sagt etwa Barbara Thiele, seit August Geschäftsführerin der zur Holtzbrinck-Gruppe gehörenden Self-Publishing-Plattform epubli. Es gehe darum, „dass Bücher gelesen (und das heißt gefunden und gekauft) werden.“ Allzu leicht entstehe der Eindruck, man habe als Käufer „nur die Wahl zwischen dem bequemen, aber unmoralischen Amazon und der kleinen, sympathischen, aber leider häufig unpraktischen Buchhandlung hat."

Autoren müssten dafür sorgen, „ihre Bücher online wie offline“ zu vertreiben, „vom iBookstore über Kobo, Skoobe, Hugendubel bis zum Kiezbuchladen“. Epubli zeige, dass „für E-Books auch Apple, Tolino und Google Play wichtige Kanäle sind. Für gedruckte Bücher bleibt der stationäre Buchhandel relevant. Durch eben diese Vielzahl an Vertriebswegen kann man Amazons Monopolstellung angreifen.“ Man mag in der Self-Publishing-Kultur ungern die Zukunft der Literatur sehen, doch dass bei den gewaltigen aktuellen Verschiebungen jeder Einzelne ein Wörtchen mitzureden hat, davon sollte man sich nicht abbringen lassen.

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