zum Hauptinhalt
Sogar die Barrikaden sind armselig. Putschgegner in Sudans Hauptstadt Khartum.
© AFP

Militär ohne Plan: Der Diktator durfte fallen, nicht sein System

Wie der Westen seine Freunde hängen lässt: Zur Lage im Sudan nach dem Putsch. Ein Kommentar.

Die Hilfe kam zu spät. Nächsten Monat sollte in Paris ein Wirtschaftsforum zur Stärkung der französisch-sudanesischen Kooperation stattfinden – fast drei Jahre nach der Revolution in Khartum, die den Militärdiktator Omar al-Baschir aus dem Amt gefegt hatte. Bereits im Juni hatten westliche Kreditgeber einen Schuldenerlass für den darbenden Übergangsstaat beschlossen – doch der wäre erst in drei Jahren wirksam geworden.

Washington hatte sich mehr als ein Jahr lang Zeit gelassen, um den ehemaligen „Schurkenstaat“ von seiner Terrorliste zu streichen – und auch das nur, nachdem sich Khartum bereit erklärt hatte, fast 350 Millionen US-Dollar an Schadensersatz für die Opfer der Terroranschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salam zu bezahlen. Für die Anschläge wurde die Terrororganisation al-Qaida verantwortlich gemacht, deren Anführer Osama bin Laden sich damals im Sudan aufgehalten haben soll.

Unterdessen ächzte der nachrevolutionäre Staat unter einer verheerenden Wirtschaftskrise. Die Inflation schoss auf fast 400 Prozent, es kam ständig zu Versorgungsengpässen, die den Generälen schließlich einen Vorwand für ihren Putsch gegen die Zivilregierung unter Premierminister Abdalla Hamdock lieferten. Der Grund war fadenscheinig und vorgeschoben: Denn wie die Militärs ihrerseits mit der Wirtschaftsnot fertig werden wollen, weiß keiner.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen]

Es sei denn, sie werden einmal mehr von ihren Freunden in Saudi-Arabien und den Arabischen Emiraten mit Milliardensummen ausgelöst – und zwar schnell und unbürokratisch. Wie schon nach dem Sturz al-Baschirs, als es darum ging, den Militärs im Machtkampf gegen die aufständischen Zivilisten den Rücken zu stärken: Das war den arabischen Scheichs fünf Milliarden Dollar wert. Der berüchtigte Diktator durfte fallen – nicht aber sein System.

Nun ist das geschundene Land wieder dort angelangt, wo es vor drei Jahren stand. Die Militärs, die schon seit Jahrzehnten auch die sudanesische Wirtschaft in ihrem Griff haben, reißen wieder die gesamte Macht an sich; auf die Bevölkerung, die auf den Straßen Khartums gegen den Putsch protestiert, wird wieder mit scharfer Munition geschossen.

Kein westlicher Diplomat kann behaupten, von den Vorgängen überrascht worden zu sein: Das labile Bündnis zwischen der Zivilregierung und den noch immer an der Macht beteiligten Generälen ging schon seit Wochen im Zeitlupentempo zu Bruch. Der Westen steht jetzt vor der Wahl, entweder sämtliche Hilfe einzustellen und das sudanesische Volk in noch bittere Not zu treiben. Oder mit seiner Hilfe die Militärherrschaft zu stärken. Wer zu spät kommt – dessen Freunde werden bestraft.

Johannes Dieterich

Zur Startseite