„Der Zauberer von Oz“ : Hirn, Herz und Mut

Hexen überall: Felix Seiler inszeniert an der Komischen Oper Pierangelo Valtinonis Musiktheater „Der Zauberer von Oz“.

Christoph Späth, Tom Erik Lie, Alma Sadé und Carsten Sabrowski.
Christoph Späth, Tom Erik Lie, Alma Sadé und Carsten Sabrowski.Foto: Jaro Suffner/Komische Oper

Ein kleiner Hund heimst großen Applaus ein. Er ist von einer Agentur für Tiere auf den Auftritt vorbereitet worden. Rennt immer wieder aus der Kulisse in die Bühnenmitte, um von der jungen Hauptdarstellerin geherzt zu werden, und rennt zurück. Liebevoll aufgemacht, bringt die Komische Oper – zum dritten Mal nach „Pinocchio“ und „Die Schneekönigin“ – ein Musiktheater des Komponisten Pierangelo Valtinoni heraus: „Der Zauberer von Oz“, uraufgeführt 2016 in Zürich.

Per Video taumelt und wirbelt ein Haus. Denn am Anfang der Geschichte steht eine Naturkatastrophe. Ein Zyklon reißt das Haus von Dorothy aus Kansas mit sich, begräbt darunter die Böse Hexe des Ostens und stürzt mit dem Mädchen hinab in das Land Oz. Unter der agilen und anschaulichen Regie Felix Seilers wechseln auf der Bühne von Nikolaus Webern und in den freundlichen Kostümen von Linda Schnabel die Szenen der Märchenoper rasch und bunt. Aber die Handlung stellt sich nicht unkompliziert dar.

Das Buch wurde in 40 Sprachen übersetzt

Sie beruht auf dem Kinderbuch des amerikanischen Schriftstellers Lyman Frank Baum. 1900 erschienen, erfährt die Erzählung ein wunderliches Schicksal. Während der Ära McCarthy durften Baums Bücher in namhaften Bibliotheken nicht ausgeliehen werden. Dass hinter dem Land Oz eine marxistische Ideologie lauern könnte, hieß eine Vermutung, aber auch antichristliches Gedankengut warf man dem Buch vor, weil in der Bibel nicht, wie bei Baum, gute Hexen vorkommen. Das Verdikt reichte mancherorts bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Dank des Kinos ändert sich die Einstellung. 1939 singt Judy Garland „Over the Rainbow“ in dem Film „The Wizard of Oz“. 1940 erscheint die erste deutsche Übersetzung des Buches, heute soll es in 40 Sprachen vorliegen, mag es auch an unseren Haushalten weitgehend vorübergeflogen sein.

Und so geht es weiter in Oz: Dorothy macht sich mit ihrem Hund Toto auf den Weg zur Smaragdstadt, um dort Oz, den mächtigen Zauberer, zu treffen und nach ihrem Heimweg zu befragen. In Kansas nämlich wohnen Onkel und Tante, die sie schwer vermisst. Sie trägt nun die Zauberschuhe der verblichenen Bösen Hexe, die imstande sind, Wünsche zu erfüllen. Dorothy lernt aber vor allem, dass nicht alle Hexen böse sind wie in unseren Märchen. Die Gute Hexe des Nordens schickt sie auf die Reise mit einem Kuss, der sie beschirmen soll. Sie startet im Walzertakt.

Mix aus Musical- und romantischem Opern-Sound

Die kommunikative Musik kennt kein Streben nach ungeahnter Originalität. Was in sorgfältiger Interpretation unter dem Dirigenten Ivo Hentschel erklingt, ist ein Mix aus Musical- und romantischem Opern-Sound, Jazz und Tango, Kantilene und Schwung, viel Presto. Der souveräne Ernst Senff Chor, Kinderchor und Orchester der Komischen Oper setzen sich für die Partitur ein. „Meine moderne Phase habe ich hinter mir“, erklärt der Erfolgskomponist in einem Wiener Interview.

„Wir gehen, alle vier vereint“, beschließt man auf der Bühne im Viervierteltakt. Dorothy hat nämlich drei merkwürdige Weggefährten um sich geschart: eine Vogelscheuche, die sich nach einem Gehirn sehnt, einen Blechmann, dem ein liebendes Herz fehlt, und einen Löwen ohne Mut. Die Freunde bestehen Prüfungen und Abenteuer unter einem Blumenmeer von berauschendem Duft und bei den Feldmäusen, bis sie die Smaragdstadt finden: „Sonntags geschlossen.“ Der Wächter des Tores lässt sie dennoch ein in eine traumhafte Szenerie von Wolkenkratzern, die sich wie die Balken biegen. Es stellt sich heraus, dass die Böse Hexe des Westens keine Überlebenschance hat und Oz keine Zauberkraft. Aber alle Wünsche werden erfüllt.

Kindertheater von mittlerem Unterhaltungswert

Unter niedlichen Feldmäusen und geflügelten Äffchen sind die Erwachsenen mit sympathischem Bemühen um Textverständlichkeit und jeweils als individuelle Charakterdarsteller dabei. Angeführt von Alma Sadé als Dorothy mit mädchenhaftem Sopran engagieren sich in dem Ensemble vertraute und beliebte Kräfte: Christoph Späth (Vogelscheuche), Tom Erik Lie (Blechmann), Carsten Sabrowski (feiger Löwe), Mirka Wagner (Gute Hexen des Nordens und Südens sowie Königin der Feldmäuse), Christiane Oertel (Böse Hexe) und Karsten Küsters (Zauberer von Oz und dessen Torwächter).

Die Komische Oper präsentiert ein Kindertheater von mittlerem Unterhaltungswert, arrangiert mit viel Fleiß und Einsatz. Dazu eine gekonnte Musik ohne besondere Eigenschaften.

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Wieder 4., 18., 29.11. u. 7.,9.,12., 15.12.

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