Deutsche Symphonie-Orchester : Der Wald steht still

Heimatabend in der Philharmonie: Tugan Sokhiev, DSO und die lettische Violinistin Baiba Skride in der Philharmonie.

Baiba Skride
Baiba SkrideFoto: Marco Borggreve

Dass Heimat ein bedrohter Ort ist, wussten die drei Komponisten dieses Abends in der Philharmonie nur zu gut. Der Tscheche Bedřich Smetana lebte im Exil (und ertaubte nach seiner Rückkehr über der Komposition seines Zyklus „Mein Vaterland“); der Russe Prokofjew verließ sein Land nach der Oktoberrevolution und kehrte erst 1936 zurück; sein Landmann Tschaikowsky reiste unermüdlich durch Europa, nicht zuletzt weil er in Russland Krisen erlitt, privat wie beruflich. Ausgerechnet im Moskauer Bolschoi-Theater, als dessen Musikdirektor Tugan Sokhiev seit 2014 fungiert, fiel sein „Schwanensee“ durch.

So klingt Heimat mit dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Sokhievs Leitung denn auch tatsächlich nach Naturbild und Polka, Volkston und Marsch, Zweifel und Selbstbehauptung, Wehmut und Gewaltakt. Brüssel, wo sie gerade den europäischen Asylkompromiss verkündet haben, mit weniger offenen Grenzen denn je, ist auf einmal ganz nah. Immer wieder setzt der Finalsatz von Tschaikowskys 5. Sinfonie zur Apotheose an, verliert sich im Taumel, steigert sich zur Raserei, immer wieder vergeblich. Bis zu den wuchtigen, insistierenden Schlussakkorden, deren scharfe Kontur Sokhiev noch im Fortissimo rundschmirgelt.

Sokhiev, der Ausdruckstänzer am Pult, fördert die Autosuggestion der Symphonie zutage, die das Unbehagen am eigenen Überschwang nicht verschweigt. So hebelt er die Penetranz des bis zum Überdruss repetitierten Leitthemas aus. Er schafft Raum für die beseelte Klarinette und für das meditative Horn-Intro im zweiten Satz, intensiviert die Spannung zu metallischer Härte, lässt flüchtige Töne gleichsam von seinen Fingern abtropfen. Das klassizistische Werk nimmt kühne Wendungen: Musik als unentwegte Metamorphose.

Diese Landschaft ist nicht geheuer

Schon bei Smetana haftet der Heimatsehnsucht nichts Liebliches an. Zum Auftakt des live vom Deutschlandfunk Kultur übertragenen Programms spielt das DSO den letzten Satz des „Vaterland“-Zyklus, „Aus Böhmens Hain und Flur“. Ein finster schweigender, undurchdringlicher Wald, bleiernes Wogen der Baumkronen, unheimlich säuselnder Wind, diese Landschaft ist nicht geheuer. Mit weit nach hinten ausholenden Armen und locker geballten Fäusten treibt Sokhiev Smetanas Naturlautmalereien in die Abstraktion, auch ins Groteske.

Alte Heimat, neue Heimat. Der Stardirigent und das DSO verstehen sich nach wie vor bestens, Sokhiev was bis 2016 Chefdirigent. Der Moskauer Opern-Maestro kann seine Liebe zur Agogik, zur plastischen Ausgestaltung, zum Drama ohne Worte mühelos aufs Orchester übertragen. Detailbesessen, risikofreudig gehen die Musiker ans Werk, oder besser: die Musikerinnen. Allein bei den Streichern sieht man ganze Reihen nur mit Frauen, ein seltener Anblick bei Spitzenorchestern.

Als Solistin gesellt sich bei Prokofjews 2. Violinkonzert g-Moll die Lettin Baiba Skride hinzu. Ihr Markenzeichen ist die klare, nie affektierte Diktion, so war sie Anfang Februar bereits mit den Philharmonikern und Schostakowitschs 2. Violinkonzert zu hören. Skride führt einen aufmerksamen Dialog mit dem DSO, spannt weite kantable Bögen, spielt sich nicht auf. Dem Heimatreigen dieses Themenabends fügt sie obsessive Nachtmahre hinzu, erbittert virtuosen Elan, auch zittrigen Spuk. Manchmal wünschte man sich bei aller Souveränität etwas mehr Volumen, mitunter hat Skride mit ihrer Stradivari zu kämpfen. Bei der Zugabe – Strawinskys „Elegie“, eigentlich für Bratsche – sorgt sie mit kontemplativen Doppelgriff-Passagen jedoch für Stille im Saal. Ein berührendes Selbstgespräch.

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