„Deutschlandjahr USA“ 2019 : Freier Geist und freie Märkte

Eine alte Partnerschaft wird aufgefrischt: Was das „Deutschlandjahr USA“ 2019 aus Sicht des Präsidenten des Goethe-Instituts bringt. Ein Gastbeitrag.

Klaus-Dieter Lehmann
Hoffnungsversprechen. Die Freiheitsstatue begrüßt alle Neuankömmlinge im Hafen von New York.
Hoffnungsversprechen. Die Freiheitsstatue begrüßt alle Neuankömmlinge im Hafen von New York.Foto: Andrew Gombert/Picture Alliance/dpa

Bundesaußenminister Heiko Maas hat am 3. Oktober in Washington das Deutschlandjahr USA eröffnet. Unter dem Motto „Wunderbar Together“ finden bis Ende 2019 1000 Veranstaltungen in allen 50 Bundesstaaten statt. Das bisher größte Ereignis dieser Art involviert rund 200 Partner dies- und jenseits des Atlantiks. Die Projektleitung liegt beim Goethe-Institut.

Für mich sind die transatlantischen Beziehungen ein Lebensthema. Ich bin 1940 geboren, mitten im Zweiten Weltkrieg, habe das zerbombte Breslau, meine Heimatstadt, als Kind erlebt, bin mit meiner Mutter vor der Roten Armee im harten Winter 1945 geflüchtet und aufgewachsen in Westdeutschland.

Groß geworden bin ich nicht nur mit Schule, Sport und Freundschaften, sondern in ganz besonders prägender Weise mit der Literatur. Hier beginnt mein Leben mit Amerika. Das Amerika-Haus wurde meine zweite Heimat, ein heiler Ort inmitten von täglicher Not und ungewisser Zukunft. Es war für mich ein unglaubliches Erlebnis, als Junge freien, ungehinderten Zugang zu Büchern zu haben, die mir die Welt öffneten, mich mit neuen Existenzen und Gedanken bekannt machten, mir fremde Bilder vermittelten. William Faulkner, John Steinbeck, Ernest Hemingway, William Saroyan, Mark Twain erzählten mir von der Vielfalt menschlicher Erfahrungen.

Immer schon überzeugter Vermittler

Ich begriff, was es bedeutet, selbst auswählen zu können, sich eigenverantwortlich zu bilden, gleichwertig mit Vertrauen behandelt zu werden, eine freie und offene Gesellschaft zu erleben, die einen individuellen Gestaltungsraum vermittelt. Das war bestimmend für mein Leben und mein Arbeiten. Ich war immer ein überzeugter Vermittler, dem kulturelle Beziehungen nicht dekoratives Element, sondern essenzieller Bestandteil von Gesellschaften und dem Begegnungen und Diskursfähigkeit unverzichtbar für den Austausch sind.

Diese Haltung nach außen glaubhaft zu vertreten, erfordert auch nach innen die Bereitschaft zum Diskurs. Das ist in einer Zeit wichtig, die durch schnellen Wechsel zur Überforderung der Menschen führen kann und Populisten Auftrieb gibt. Wir erleben das in ersten Ansätzen derzeit in Deutschland. Aber demokratische Verlässlichkeit kann nicht durch Ignoranz oder Arroganz bei Meinungsverschiedenheiten erreicht werden, sondern nur durch Diskursfähigkeit. Das hat Deutschlands Bild in der Welt bestimmt.

Diese Einstellung ist nicht die nostalgische Verklärung einer fernen Kindheit. Sie ist ganz nah, denn sie hat unter wechselnden Rahmenbedingungen – politisch, gesellschaftlich, technisch und wirtschaftlich – nun schon 70 Jahre gehalten. Inzwischen waren auch meine Kinder im förderlichen Austausch in den USA. Ich bin mit meinen Erfahrungen keine Ausnahme, eher die Regel. Und das ist gut für eine lebendige Beziehung.

Erwartungen und Anforderungen des 21. Jahrhunderts

Die Netzwerke zwischen USA und Deutschland sind fest und intensiv. Die jahrhundertelang gewachsenen Verflechtungen zu entflechten, ist schier unmöglich, auch wenn der eine oder andere Akteur ausfällt. Deshalb gilt für die Zukunft eher eine noch intensivere Zusammenarbeit und Arbeitsteilung als Perspektive.

Ein Deutschlandjahr in den USA ist dafür gut geeignet. Dabei ist sicher nicht ohne Bedeutung, dass etwa 50 Millionen Amerikaner deutsche Wurzeln haben. Das entspricht einem Drittel der Bevölkerung. Oktoberfest oder Weinfest ist ein liebenswertes Markenzeichen in vielen deutschstämmigen Gemeinden. Deshalb sollte ein Deutschlandjahr in den USA auf solch populäre Zutaten nicht verzichten, genauso wenig wie auf Fußball.

Beim Deutschlandjahr geht darum, sich auf Erwartungen und Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu konzentrieren. Wenn ein Deutschlandjahr in und mit den USA die Einsicht vermittelt, dass unsere gemeinsamen Werte die beste Voraussetzung bieten für Innovation, Wertschöpfung und gesellschaftliches Gleichgewicht, dann haben wir mit dazu beigetragen, die Geschichte über uns und unsere Beziehungen in die moderne Welt zu übersetzen. Es ist die Erzählung einer dezentral organisierten globalen Ordnungspolitik, die sich auf Freiheit, gegenseitigen Respekt und offene Märkte gründet.

Deutschland ist die erste Wahl für ein Austauschjahr

An Themen, die uns angehen, dürfte es nicht mangeln: die freie und offene Gesellschaft, unter Berücksichtigung der Fragen von Flucht, Migration und Integration; Digitalisierung; Klima und Energie; Wissenschaft und Bildung; Sprache, Kultur und Lebensweise. Erreichen sollten wir die Entscheidungsträger, die Menschen mit wenig Vorkenntnissen über Deutschland und die, die einen engen Bezug zu Deutschland haben, besonders aber die jungen Menschen, damit unsere gemeinsame Geschichte fortgeschrieben wird.

Zwei Programme seien beispielhaft genannt, die bereits existieren, aber noch stärker ausgebaut werden sollen: GAPP (German American Partnership Program) und TOP (Transatlantic Outreach Program). GAPP ist mit seinen 780 aktiven Schulpartnerschaften das stärkste Kurzzeitaustauschprogramm zwischen USA und Deutschland. Im Schuljahr 2018 werden rund 4000 amerikanische Schülerinnen und Schüler in Deutschland erwartet und umgekehrt 5000 deutsche Schülerinnen und Schüler in USA. Fast 400 000 Teilnehmer haben bislang am Austausch teilgenommen.

Interessant ist, dass viele der amerikanischen Highschools in Gemeinden mit weniger als 50 000 Einwohner liegen. Nahezu 50 Prozent aller Austauschschüler in den USA kommen aus Deutschland. Auch bei den amerikanischen Schülern ist Deutschland die erste Wahl für ein Austauschjahr. Dieser intensive Austausch ist ein stabiles Element und verbindet die besten Vertreter einer offenen Gesellschaft, die im Umgang mit dem Gastland Bindungen eingehen. Die TOP-Initiative ermöglicht Lehrern und Erziehern aus den USA Studienreisen nach Deutschland, um aus ihren unmittelbaren Eindrücken Lehrmaterialien zu erstellen, die im Unterricht Verwendung finden.

Pop-up-Goethe-Institute in amerikanischen Städten

Deutsch ist nicht die meistgesprochene Fremdsprache in den USA. Derzeit lernen etwa 400 000 junge Menschen Deutsch in der Schule, 95 000 Deutschlernende gibt es im Hochschulbereich. Das sind stabile Zahlen, wenn auch nicht auf einem hohen Niveau. Es wird während des Deutschlandjahres Angebote für neuartige Sprachprogramme geben. An deutschen Universitäten studieren etwa 10 000 US-Studenten, mit wachsender Tendenz. Das hat insbesondere zwei Ursachen. Viele Universitäten bieten Vorlesungen in englischer Sprache an, bevorzugt in technischen Fächern, und das Bildungssystem in Deutschland mit keinen oder niedrigen Studiengebühren ist für internationale Studenten attraktiv. In den USA gibt es extrem hohe Studiengebühren.

Das Goethe-Institut ist mit sechs Instituten in den USA präsent: in New York, Washington, Boston, Chicago, Los Angeles und San Francisco. Im Deutschlandjahr sollen temporär Pop-up-Institute entstehen in Houston, Seattle, Kansas City, Minneapolis. Außerdem gibt es noch als feste Spielorte das kürzlich gegründete Thomas-Mann-Haus und die German Academy New York.

Über 1000 Veranstaltungen sind 2019 geplant, große Konzerte etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig, Theater- und Tanzaufführungen zum Beispiel von Sasha Waltz, Kunstprojekte der Berliner Festspiele und Ausstellungen, ein mobiles Kulturzelt, das durch die Staaten tourt, ein Online-Festival des deutschen Films. Das Deutschlandjahr gewinnt sein Profil aus der Wechselbeziehung von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Das ist eine vielversprechende Botschaft über nationale Grenzen hinweg.

Klaus-Dieter Lehmann ist Präsident des Goethe-Instituts.

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