„Dido und Aeneas“ in der Musiktheaterwerkstatt : Barock mit Herz

Kreative Leistung der Studierenden der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“: Henry Purcells „Dido und Aeneas“ in der Musiktheaterwerkstatt.

Der erste Akt von „Dido und Aeneas“ in der Musiktheaterwerkstatt.
Der erste Akt von „Dido und Aeneas“ in der Musiktheaterwerkstatt.Foto: Alfheidur Erla Gudmundsdottir

Während die Charlottenstraße zugeparkt ist und die Massen auf den Gendarmenmarkt zum Classic Open Air strömen, zeigt drinnen der Nachwuchs, was er drauf hat. Gar nicht so bekannt, dass sich direkt hinter dem Konzerthaus mit dem Studiosaal der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ eine weitere vollwertige Bühne befindet. „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell steht auf dem Spielplan der Musiktheaterwerkstatt, die die Hochschule regelmäßig mit der Kunsthochschule Weißensee (Bühne und Kostüme) durchführt. Purcells einzige wirkliche Oper also, neben den vielen Semi-Opern, die er geschrieben hat und von denen René Jacobs 2017 „King Arthur“ an der Staatsoper dirigierte.

Drei Akte – drei Regisseure und Regisseurinnen. Ziel ist, möglichst viele Studierende an der Produktion mitwirken zu lassen. Tilman aus dem Siepen hat sich für den ersten Akt von Frida Grubba eine prägnante Scheibe bauen lassen, die aussieht wie ein im französischen Stil geschnittener Baum oder ein Busch, in der Mitte eine Öffnung, in der man sitzen kann. Mit kräftigem, schön gleichmäßig geführten Sopran leiht Maya Blaustein Dido ihre Stimme, die sich gerade in Aeneas verliebt hat, Johannes Boedtker schmettert seinen Part noch vergleichsweise massiv und undifferenziert heraus. Lisa Siegmann hat für die Tänzer fantasievolle Barockkostüme mit Tierköpfen entworfen. Weniger stilisiert, ganz realistisch und hart, inszeniert Nikita Swiridow den zweiten Akt, in dem die Zauberin (Joana Stanelyte) Aeneas überredet, weiterzusegeln – und damit Dido (Fanny Soyer) zerstört. Ein runder Brunnen, der Rand dient als Sitzbank (Bühne: Luise Bornkessel), aber auch ein Mensch wird hier in den Selbstmord getrieben, dazu testosterongesteuerte Fitnesskerle, die zwischendurch ein Sterni zischen: Gewalttätig und direkt ist dieser Regiezugriff. Ein Umfeld, in dem Rory Greens betörend eindringlicher Verzweiflungstenor umso stärker hervorsticht.

Unglaubwürdig vitale Arie

Lange, rätselhafte Umbaupausen zerstückeln die dramatische Energie des Abends. Ana Cuéllar Velasco findet für den letzten Akt ziemlich heutig wirkende, videogestützte Bilder, arbeitet viel mit Weiß-Rot-Kontrast (Bühne: Lara Roßwag). Aeneas (etwas müde: Adam Schiffer) verlässt die Geliebte, er hat Wichtigeres zu tun, zum Beispiel Rom zu gründen. Fanny Soyer singt erneut Dido, dreht ihren Powersopran jetzt richtig auf – und schießt damit etwas übers Ziel hinaus. „When I am laid in earth“, Purcells berühmteste Arie, gerät ihr – im Krankenbett liegend – unglaubwürdig vital. Dass hier eine Frau stirbt, muss man wissen, hören kann man es nicht. Oliver Wunderlich trägt mit viel zu raschem Dirigat seinen Teil dazu bei, dass die Wirkung der Arie versandet. Vorher allerdings hat er mit seinen Musikern einen herzhaften Barockzugriff gefunden, und insgesamt überzeugt die kreative Leistung der Studierenden. Ihnen dürfte der Studiosaal schon bald zu klein werden.

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