• "Die feine New Yorker Farngesellschaft": Das Tagebuch von Oliver Sacks über eine Reise nach Mexiko

"Die feine New Yorker Farngesellschaft" : Das Tagebuch von Oliver Sacks über eine Reise nach Mexiko

Schön viktorianisch und in der Spur der Farne: Oliver Sacks’ "Oaxaca Journal" über eine Reise mit der Amerikanischen Farngesellschaft.

"Gärten der Welt" im Erholungspark Marzahn, im Bild der Balinesische Garten
"Gärten der Welt" im Erholungspark Marzahn, im Bild der Balinesische GartenFoto: Kai-Uwe Heinrich

Der 2015 verstorbene Schriftsteller Oliver Sacks ist ein außergewöhnlicher Mensch gewesen. Nicht nur, weil er es verstanden hat, seinen Beruf als Neurologe für die Literatur fruchtbar zu machen, vor der Medizin für ihn immer das Schreiben kam, das er bis ins hohe Alter als „beseligend“ empfand.

Sondern auch, weil er so vielfältig interessiert war: In jungen Jahren gehörten dazu leidenschaftliches Motoradfahren und Gewichtheben, später wurde Sacks Mitglied des New York Mineralogical Club, der Stereotaktischen Gesellschaft und der Amerikanischen Farngesellschaft.

Letzterer trat er 1993 bei, nachdem ihn sein Freund Andrew während eines Spaziergang durch die Bronx auf eine Ankündigung dieser Gesellschaft für eine Zusammenkunft hingewiesen hatte:„Das sind Leute, bei denen du dich wohlfühlen wirst“, soll sein Freund ihm zugeflüstert haben.

Und tatsächlich:Oliver Sacks ging zu dem Treffen, war begeistert von der Atmosphäre, von dem freundlichen und begeisterten Miteinander, von der Mischung aus interessierten, wachen Amateuren und professionellen Botanikern, und versäumte schließlich kein Treffen dieser New Yorker Sektion der Amerikanischen Farngesellschaft mehr.

In der Gegend von Oaxaca gibt es rund 600 Farnarten

Erzählt hat er all das in seinem „Oaxaca Journal“, dem Tagebuch einer im Januar 2000 unternommenen Reise in diese mexikanische Stadt und ihre Umgebung. Der Münchener Liebeskind Verlag hat dieses Tagebuch unter dem Titel „Die feine New Yorker Farngesellschaft“ jetzt ein zweites Mal auf Deutsch veröffentlicht (aus dem Englischen von Dirk von Gunsteren, 192 S., 20 €.), nachdem es 2004 schon einmal bei Frederking & Thaler erschienen war.

Grund der Reise von Sacks mit einer Reihe von Mitgliedern der Farngesellschaft waren natürlich die Farne, die es in der Gegend von Oaxaca so viele gibt wie fast nirgendwo sonst auf der Welt, 600 verschiedene Arten, nur in Costa Rica gibt es noch einmal doppelt so viele.

Nun könnte man befürchten, Sacks habe sein Buch so vollgepackt mit Informationen über Farne, dass man diese womöglich gar nicht alle verarbeiten kann oder überfordert ist, man denke allein an ihre nicht leicht zu merkenden lateinischen Namen wie Elaphoglossum Glaucum, Selaginella Lepidophyla oder Equisetum Myriochaetum.

Doch Sacks ist bekanntermaßen ein geübter Erzähler, dessen Sammlungen neurologischer Fallgeschichten nicht umsonst regelmäßig in den Bestsellerlisten zu finden waren. Mit leichter Hand beschreibt er die Besonderheiten der Farne, das, was sie ausmacht, porträtiert jedoch genau seine Mitreisenden, insbesondere wie diese sich immer wieder über neue Farn-Funde und alte Farn-Bekannte begeistern können.

Oder er erinnert sich daran, dass seine eigene Farnleidenschaft nicht bloß eine Schrulle ist, sondern ihm quasi von seiner Familie mitgegeben wurde. Sacks Mutter bevorzugte für ihren Garten die Farne, sie hatte sogar ein Gewächshaus, „in dem es immer warm und feucht war. Dort hing ein großer Quastenfarn, und dort gediehen auch die zarten Hautfarne und andere tropische Arten.“

Sacks erzählt auch die Geschichte des Kakaos

Schon der Großvater, der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Russland nach England gekommen war, konnte sich der damals grassierenden Pteridomanie nicht entziehen und pflanzte seltene Farne.

Das alles ließ den jungen Oliver Sacks nicht unbeeindruckt: „Farne gefielen mir wegen ihrer Schnörkel, ihrer eingerollten Blatttriebe, ihrer viktorianischen Erscheinung (die zu den geklöppelten Sesselschonern und Spitzenvorhängen in unser Haus passte).“

Vielseitig wie Sacks ist, beschränkt sich sein Interesse auf dieser Mexiko-Reise nicht nur auf die Farne. Er stromert über den Markt und den Zócalo von Oaxaca oder besucht einen Kräuterladen, wo er die vielen Chili-Arten bestaunt; er erzählt die Geschichte des Kakaos oder die der erstmaligen Gummigewinnung aus Kautschuk; er bewundert „El Gigante“, eine Sumpfzypresse, die zu den größten Bäumen der Welt gehört, fünfzig Meter hoch, mit einem 65 Meter umfassenden Stamm.

Auch Alexander Humboldt war 1803 hier, um sich „El Gigante“ anzuschauen, und mutmaßte, der Baum sei mindestens 4000 Jahre alt.

Schließlich machen Sacks und seine Farnexperten auch Ausflüge zu archäologischen Stätten, nach Monté Alban, Mitla und Yagul, was den Tagebuchschreiber immer wieder in die Tiefe von Zeiten und Räumen führt, zu den Mayas, den Zapoteken und den Azteken.

Am Ende erwähnt Sacks, wie traurig alle waren, als sie wieder auseinandergehen mussten, wie „stark das Band der gemeinsamen Begeisterung“ gewesen sei. In seinem Journal hat er all das wunderbar transportiert – und als Leser fühlt man sich nach der Lektüre gleichermaßen bereichert wie beglückt.

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