"Die Gerechten" am Gorki : Die Slapstick-Terroristen

Sebastian Baumgarten kämpft am Maxim Gorki Theater mit den „Gerechten“ von Albert Camus.

Moralisten unter Druck. Aram Tafreshian, Jonas Dassler, Mazen Aljubbeh, Till Wonka und Lea Draeger (von links) in „Die Gerechten“.
Moralisten unter Druck. Aram Tafreshian, Jonas Dassler, Mazen Aljubbeh, Till Wonka und Lea Draeger (von links) in „Die Gerechten“.Foto: Ute Langkafel/Maifoto

Wie weit das weg ist. Albert Camus diskutiert in seinem 1949 uraufgeführten Thesenstück „Die Gerechten“ im Besonderen die Frage, ob Rebellen töten dürfen – und zu welchem persönlichen Preis. In der Frühphase der Russischen Revolution, im Jahr 1905, hatte der militante Dichter Iwan Kaliajew den Großfürsten Romanow in die Luft gesprengt – im zweiten Anlauf. Beim ersten Versuch saßen Kinder in der herrschaftlichen Kutsche. Kaliajew verschonte sie und warf die Bombe nicht. Das ist das historische Beispiel des Dramas. Camus’ Antipode Jean-Paul Sartre kannte solche Skrupel nicht. Angesichts der nationalsozialistischen Barbarei nahm er gegenüber der Sowjetunion und dem stalinistischen Terrorsystem eine indolente Haltung ein. Sartre war ein moskautreuer Meisterdenker.

Die damals in Paris brutal geführten Debatten wirken heute antiquiert. Terroristen morden wahllos, im Club Bataclan, in der Redaktion von „Charlie Hebdo“, auf dem Breitscheidplatz in Berlin, in Kabul und an so vielen Orten, dass man die Nachrichten kaum mehr zur Kenntnis nimmt. Wen interessiert es, was im Kopf der Mörder vorgeht? Auf diese unheimliche, routinierte Art und Weise, die unseren Alltag bestimmt, ist das Camus-Stück doch wieder nah. Aber als Folie, auf der man den Zustand der Demokratie jetzt untersucht, eignet es sich nicht.

Sebastian Baumgarten probiert eben das in seiner Inszenierung am Maxim Gorki Theater. Die fünf Schauspieler treten heraus aus ihren ohnehin scharf karikierten Rollen. Sie tragen blaue Superheldenstrampelanzüge (Kostüme: Christina Schmitt) und wühlen sich durch Texte von Walter Benjamin, Dziga Verzov oder Slavoj Zizek. Es ist wieder mal der Fall, dass das – nicht vorhandene – Programmheft auf der Bühne heruntergerasselt wird. Darunter auch Zitate aus der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Ein hilfloses Fragespiel: Gibt es einen Gegenentwurf zum Kapitalismus, was ist mit unseren blutleeren Intellektuellen?

Überladenes zwischen alten Autoreifen

Braucht jede Gesellschaft ein „big other“? Der Begriff wird von Jacques Lacan in der Psychoanalyse verwendet, und man merkt schon: Das ist eine mächtig überladene Geschichte im Gorki, im Bühnenbild von Jana Wassong. Alte Autoreifen liegen um eine große Leinwand herum. Baumgarten lässt Lea Draeger, Aram Tafreshian, Till Wonka, Mazen Aljubbeh und Jonas Dassler wie Stummfilmfiguren auftreten. Dazu haut der Pianist Daniel Regenberg permanent in die Tasten. Und auf der Leinwand erscheinen, wie ein ironischer Kommentar, die Zwischentitel. „Zwei Minuten später …“

Das forcierte Spiel erinnert an die Biomechanik-Methode des russischen Theaterrevolutionärs Wsewolod Meyerhold. Darin stecken die Gestik des frühen Films und die commedia dell’arte. Und damit konfrontiert Baumgarten überraschend das Rededrama von Camus. Die Geschichte kann sich nur als Farce wiederholen – oder als Parodie. Die Gefängnisszene im letzten Akt bringt tragikomische Auftritte mit Lemurenmasken.

Einmal hält die Truppe inne und schweigt. „Zwei Minuten Leere“ sind angezeigt. Zeit zum Verdauen des Verbalbombardements. Dann weiter mit Gebrüll und Slapstick. In der Aufführung steckt eine Energie, die nicht weiß, wohin sie sich wenden soll. Jeder Monolog wirkt wie eine Zerreißprobe. Die Akteure winden sich unter der Last der Sätze von Camus.

Ein betäubender Knall, eine Autobombe vielleicht

Kalialew sagt: „Ich bin kein Feigling, ich habe mich nicht gedrückt. Aber auf die Kinder war ich nicht gefasst. Es ist alles zu schnell gegangen. Diese beiden ernsthaften Gesichtchen und in meiner Hand das schreckliche Gewicht.“ Auf der Leinwand läuft ein Video, eine Straße in einem arabischen Land, so sieht es aus. Ein betäubender Knall, ein Attentat, vermutlich eine Autobombe. Die Bilder dementieren Camus’ Gedankengänge.

Der Terrorismus im 21. Jahrhundert operiert nicht mit sozialökonomischen Ideen, sondern vordergründig mit Hass auf Andersgläubige und irren Heilsversprechen. Das wissen die Theaterleute und kämpfen sich mit hohem körperlichen Einsatz durch „Die Gerechten“, mit denen Camus „Die schmutzigen Hände“ von Sartre konterte. Baumgartens Inszenierung lässt sich dann doch nicht so leicht abschütteln, auch wenn man längst weiß, dass Revolution und Menschlichkeit nicht zusammengehen.

Wsewolod Meyerholds Theater wurde 1938 dichtgemacht. Seine Frau wurde erschossen. Er wurde gefoltert und 1940 mit Genickschuss ermordet. Die Stalinisten waren der Meinung, dass sein Theater für das Sowjetvolk schädlich sei.

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