Die Kunst der Novembergruppe 1918–1935 : Allein unter Anzugträgern

Genial, exzentrisch und ernüchternd unterrepräsentiert: die Frauen der Novembergruppe.

Kühn komponiert. Hannah Höch, Kubus, 1926.
Kühn komponiert. Hannah Höch, Kubus, 1926.Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Repro: Kai-Annett Becker

Inmitten ihrer männlichen Kollegen sitzt vergnügt die Bildhauerin Emy Roeder. An der Wand hängen jene rasant geometrischen Gemälde, mit denen die Novembergruppe das Berliner Publikum erzürnte und erheiterte. Die Herren Künstler rundum geben sich salopp-fidel mit Krawatte, Anzug und Zigarette. Der eine posiert gestikulierend als Dirigent, ein anderer fiedelt auf unsichtbarer Geige. Die Stimmung ist aufgekratzt. Es gilt, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass die moderne Kunst stark ist und die pure Freiheit verkörpert. Die Novembergruppe, 1918 aus der Aufbruchseuphorie der Revolutionstage geboren, begreift sich als gesellschaftlich vorbildlich: ein Motor der neuen Zeit.

Keine Schranken, keine einengenden Stilvorgaben, aber auch keine politischen Festschreibungen wollte die Novembergruppe für sich akzeptieren. Ihre „Befreiungsenergien der neuen Kunst“, wie der einflussreiche linke Kritiker Adolf Behne formulierte, kamen expressiv, kubistisch, konstruktivistisch, futuristisch oder gleichviel in welchem modernen Idiom daher. Alles neu also? Nicht ganz. Die auf dem Gruppenfoto von 1920 fröhlich mitmischende Emy Roeder blieb als Frau eine Ausnahme zwischen den Anzugträgern. Sie macht gute Miene zu einem Spiel, das nach altbekannten Regeln abläuft. Zwar errangen die Frauen nun endlich politisch das Wahlrecht, durften erstmals an Kunstakademien studieren. Aber in den männerdominierten Zirkeln der Avantgarde blieben sie ernüchternd unterrepräsentiert.

„Wir haben Frieden und eine neue Basis im zusammengebrochenen Europa, UND NUN WEITER!“, schrieb die junge Hannah Höch ungeduldig am 14. November 1918 an ihre Schwester. Die ausgebildete Kunstgewerblerin tat sich im Berliner Club Dada als einzige Frau und ideensprühende Miterfinderin der Fotocollage hervor. Der Novembergruppe trat sie 1920 bei, als sich die Gemeinschaft nach ihrer radikalen Anfangsphase bereits zu einem erfolgreichen Ausstellungsverband gemausert hatte. Bis zur Auflösung der Gruppe 1931 waren Höchs Arbeiten auf den meisten Ausstellungen präsent. Aber ihre respektlosen, politisch brisanten Fotomontagen zeigte Höch nicht in der Novembergruppe, sondern nur auf den Plattformen Dadas: Da heftete sie auf einem Klebebild dem Reichspräsidenten Ebert Blümchen an die Badehose und klebte feministische Schriftparolen dazu: „Deutsche Frauen in die Nationalversammlung“ und „Schrankenlose Freiheit für H. H.“, also für sie selbst.

Die Novembergruppe wuchs rasch auf über 60 Mitstreiter an

Mit „Novembristen“ wie Otto Freundlich oder Arthur Segal freundete sie sich an. Für die kurzlebige Vereinspostille „NG“ der Novembergruppe entwarf die Künstlerin das Titelblatt. Und sie protestierte 1921 in einem offenen Brief zusammen mit Dix, ihrem Lebensgefährten Raoul Hausmann und anderen gegen die bürgerliche Vereinsmeierei und mangelnde politische Haltung der Novembergruppe. Aber Höch trat nicht aus wie die männlichen Protestierer.

Auf den Mitgliederlisten der Novembergruppe, die rasch auf über 60 Mitstreiter anwuchs und immer stark fluktuierte, finden sich nie mehr als drei oder vier Künstlerinnen. In den großen Jahresausstellungen allerdings waren die Frauen etwas sichtbarer vertreten. Hier zeigten alljährlich Hunderte, auch auswärtige und internationale Künstler ihre neuesten Arbeiten: in einer eigenen Abteilung auf der Großen Berliner Kunstausstellung im Glaspalast am Lehrter Bahnhof. Die meisten dieser Künstlerinnen sind heute vollkommen unbekannt. Nur drei Frauen reiht die Berlinische Galerie in ihre aktuelle Retrospektive zur Novembergruppe ein.

Emy Roeder war gleich zu Anfang zusammen mit ihrem Mann, dem weniger bedeutenden Bildhauer Herbert Garbe, beigetreten. Sie erarbeitete sich mit ihrer fließend-organischen und zugleich kantig-facettierten Stilsprache viel Respekt. 1930 kaufte die Städtische Ankaufskommission eine ihrer Plastiken aus der Novembergruppen-Schau an, mit Werken von Kandinsky, Grosz und Feininger.

Eine Malerin ohne Allüren, mit Pagenkopf und Augenringen

Andere Frauen, wie die stärker gesellschaftspolitisch motivierte Käthe Kollwitz oder die Bildhauerin Milly Steger, sahen ihren Platz im Arbeitsrat für Kunst. Diese ebenfalls 1918 gegründete Gruppe vertrat eine eher proletarisch-politische Stoßrichtung, löste sich allerdings schon 1921 auf. Dass sich die Novembergruppe als offenes, pluralistisches Forum definierte, spiegelt sich auch im Spektrum ihrer weiblichen Mitglieder. Die abstrakt malende Deutsch-Amerikanerin Hilla von Rebay kam aus dem Umkreis der Galerie „Der Sturm“. Die exzentrische Lou Albert-Lasard porträtierte die Zeitgenossen der Szene in schillernden Aquarellen. Die jüdische Malerin Anne Ratkowski, Jahrgang 1903, dagegen bevorzugte die präzise Gegenstandstreue der Neuen Sachlichkeit.

Desillusioniert blickt einem die Berlinerin Ines Wetzel auf ihrem großen Selbstporträt von 1930 entgegen: eine gestandene Künstlerin von Anfang 50, ohne Allüren, mit Pagenkopf und Augenringen. Beim Künstlerkostümball 1928 sah man sie mit schillernder Metallkappe, großen Ohrringen und extravagantem Abendmantel. Immerhin auf diesen Festen waren die Geschlechter gleichauf vertreten. In einem Plakatentwurf warnte Hannah Höch 1925 launig die Kostümmuffel: „Komm’ Se im Frack, Vaehrtester, denn zahl'n Se Strafe“.

Die Ausstellung „Freiheit. Die Kunst der Novembergruppe 1918–1935“ ist vom 9. November bis zum 11. März 2019 in der Berlinischen Galerie zu sehen.

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