Die Pandemie-Folgen in der Kultur : Soforthilfe und Zukunftsfragen

Im Schnelldurchlauf durch die Pandemie: Die „Corona-Chroniken“ des Deutschen Kulturrats lassen die ersten 16 Monate der Kultur-Lockdowns Revue passieren.

Protest statt Premiere. Zu Beginn des zweiten Lockdowns im Spätherbst 2020 schloss sich das Theater Dortmund dem Aktionsbündnis „alarmstuferot“ an.
Protest statt Premiere. Zu Beginn des zweiten Lockdowns im Spätherbst 2020 schloss sich das Theater Dortmund dem Aktionsbündnis...Foto: imago images/Friedrich Stark

Die Leipziger Buchmesse findet nicht statt, aber vielleicht sind an Ostern ja wieder Öffnungen möglich. Wer heute nachliest, was im März 2020 über die Folgen der Pandemie für die Kulturlandschaft geschrieben wurde und sich an die eigenen Hoffnungen auf ein schnelles Ende des ersten Lockdowns erinnert, begreift, wie sehr die Pandemie „ein Stück ohne Partitur“ ist, wie es einmal in den „Corona-Chroniken“ heißt.

Der Deutsche Kulturrat hat etliche der seit März 2020 erschienenen Texte aus seiner Zeitschrift „Politik & Kultur“ in einem knapp 500-seitigen Band zusammengefasst. Zweierlei frappiert bei der Lektüre: der sich langsam verändernde Tenor angesichts des Ausmaßes der Erschütterungen, und die Endlosschleife der Sorgen, Erkenntnisse, Forderungen. Ja, ein Stück ohne Partitur, aber mit vielen Refrains.

Am Anfang überwiegen der Schrecken, die Solidarität, die Soforthilfen und die Entdeckung des Streamings als notgedrungene Alternative. Erste Diagnosen konstatieren die extreme Verwundbarkeit der Kultur, die Kleinteiligkeit und Unübersichtlichkeit als Kehrseite der Vielfalt.

Leere Plätze in den Theatern, leere Plätze in den Städten: Ohne Krisen gäbe es keine Künste, aber was, wenn eine Krise den Künsten den Garaus macht und ihr die Sichtbarkeit verwehrt? Schnell dämmert die Einsicht, dass mit der Abwesenheit der Kultur die Zivilgesellschaft im Kern getroffen ist, die Demokratie, die Freiheit.

Alleine der Bund hat Fonds in Höhe von 4,5 Milliarden Euro aufgelegt

„Mir zerreißt es das Herz“, schreibt Monika Grütters, im Juli kann sie das „Neustart Kultur“-Programm verkünden, eine Milliarde Euro für Infrastrukturmaßnahmen. Im Februar 2021 folgt die zweite Milliarde, in diesem Sommer der Ausfallfonds mit noch einmal 2,5 Milliarden Euro, um Deckungslücken abzufedern und verlässliche Planung auch für den Fall zu ermöglichen, dass die vierte Welle wieder Schließungen mit sich bringt.

Reden wir nicht nur über Geld. Im Herbst 2020 ändert sich der Ton in den Texten. Die politische Einordnung der Kultur in die Kategorie „Freizeit“ sorgt für Kränkung und Empörung, mit Blick auf die Querdenker-Proteste wird auch die Sorge über eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft laut, bei gleichzeitiger Erleichterung über den Milliarden-Kulturfonds, während der Abwrackprämie eine Absage erteilt wurde.

Man betont die eigene Systemrelevanz, aber auch selbstkritische Töne werden angeschlagen. In Online-Konferenzen denken etwa die Klassikbranche und das Theater über verkrustete Strukturen, überkommene Rituale und Versäumnisse nach. Ein Perspektivwechsel deutet sich an, der Blick richtet sich endlich auch aufs Publikum. Wie gewinnen wir es neu, wie schafft man eine resiliente, agile, relevante Kultur?, fragt etwa Tobias J. Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft.

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Zum Jahreswechsel häufen sich die Durchhalte- und Mutmacher-Parolen. Zum Jahrestag des ersten Lockdowns werden dann erste Studien vorgelegt. Europaweit verzeichnet die Kultur- und Kreativwirtschaft einen Verlust von 31 Prozent, in Deutschland liegt die Zahl deutlich niedriger bei 13 Prozent. Was nichts daran ändert, dass alleine die Darstellenden Künste 85 Prozent weniger Umsatz haben. Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann hat den "Corona-Blues" und seufzt gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Gabriele Schulz: „Wann endet diese vermaledeite Pandemie endlich?“

Die psychologischen Folgen des ja auch künstlerischen Lockdowns geraten in den Blick. Hatte Berlins Kultursenator Klaus Lederer noch im Mai 2020 behauptet, Kreativität lasse sich nicht von einem Virus besiegen, gesteht er zehn Monate später, Optimismus falle jetzt schwer. Auch wenn gegen Ende dieses Frühjahrs wenigstens die Open-Air-Kultur boomt.

Viele Krisenthemen sind Zukunftsthemen

Ernüchterung macht sich breit. Die Rhetorik der „Krise als Chance“ weicht der Erkenntnis, dass so schnell wohl doch keine neue Weltordnung anbricht, die sozialen Gräben sich vertiefen, Europa auseinanderfällt, die Industrienationen bei der Verteilung der Vakzine ganze Kontinente ausblenden und gerade Nicht-Demokratien wie China gestärkt aus der Pandemie hervorgehen. The show must go on? Corona ist noch lange nicht Geschichte. Schon jetzt kündigt der Kulturrat einen zweiten „Chroniken“-Band für 2022 an.

Besonders schwer haben es die nicht staatlich geförderten Einrichtungen wie etwa die Kinos: ein Saal im Kino Astor Grand Cinema in Hannover.
Besonders schwer haben es die nicht staatlich geförderten Einrichtungen wie etwa die Kinos: ein Saal im Kino Astor Grand Cinema...Foto: dpa/J. Stratenschulte

Alleine das Themenspektrum von Band 1 macht klar, dass „Vielfalt“ in der Kultur nicht nur eine Worthülse ist. Die Texte behandeln neben Theater, Film, Kunst oder Literatur auch den Jazz, die Amateurmusik, die Musikschulen, die Games-Industrie, die Clubs, Mode oder Design. Und Schnittmengen-Bereiche wie die Religion, die Digital- und Krisenstrategien des Rundfunks, die Veranstaltungswirtschaft, die dramatisch in Mitleidschaft gezogene Wertschöpfungskette von den Musikverlagen bis hin zur GEMA oder der VG Wort.

[Die Corona-Chroniken Teil 1. Corona vs. Kultur in Deutschland. Hg. von Olaf Zimmermann und Theo Geißler. Berlin 2021, 488 S., 20,80 €. Bestellbar über kulturrat-shop.de]

Interessant bei den Refrains sind paradoxerweise die Zukunftsthemen, die in den wiederkehrenden Mantras stecken, und betrifft beileibe nicht nur die Digitalisierung. Eine Dauersorge gilt den Solo-Selbstständigen, die lange mit der Grundsicherung vertröstet wurden – was die Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen beschleunigt hat. Die Abhängigkeit auch der staatlichen Häuser von der freien Szene ist heute deutlicher denn je: ohne Autor:innen keine Stücke, ohne Komponist:innen kein lebendiges Konzertleben, ohne Nachwuchs keine Stars. Am Ende sitzen alle in einem Boot.

Ob es um die Verödung der Innenstädte und die nichtkommerzielle Kultur als Alternative zu den auf Konsum ausgerichteten Fußgängerzonen-Cities geht oder um eine Architektur und Stadtplanung, die der Dynamisierung von Wohnen und Arbeiten sowie der neuen Wertschätzung des Nahumfelds Rechnung tragen sollte, Corona setzt Handlungsimpulse. Das gilt auch für den Föderalismus, der nicht nur bei den Bund-Länder-Ministerrunden an seine Grenzen geraten ist, sondern auch beim Länderflickenteppich der Hilfsmaßnahmen für die Kultur.

Zu den dringlichen Aufgaben gehört nicht zuletzt eine Stärkung der Kommunen. Wenn die Finanzhilfen auslaufen, sehen Gemeinden und Städte oft keine andere Möglichkeit, als gerade bei der Kultur drastisch zu sparen. In München hat der Stadtrat bereits Einschnitte auf Kosten etwa der Kammerspiele beschlossen, allen Protesten zum Trotz.

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